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Unmut über makabere Post

Briefe für Tote Unmut über makabere Post

Es ist etwa drei Wochen her, da bekam Helga Röhl aus Kiel beim Blick in ihren Briefkasten weiche Knie: Einer der Briefe war an Margareta Röhl, ihre Schwiegermutter, adressiert. Seither kommt immer wieder Post für sie an. Doch Margareta Röhl ist 1993 im Alter von 91 Jahren gestorben.

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Immer wieder kommen Briefe für Magaretha Röhl an, obwohl sie seit langem verstorben ist.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. „Das ist makaber und zynisch“, sagt Hartwig Röhl, Sohn von Margareta Röhl, selbst inzwischen 79 Jahre alt. „Sofort kommt die Erinnerung an meine Mutter und natürlich auch an ihren Tod wieder hoch. Wie kann so etwas nur passieren? Vor allem: Wieso nach so langer Zeit und dann immer wieder?“

Der erste Brief kam von einem Hörgeräte-Akustiker, eine Einladung zu einem Hörtest. „Ich habe dort angerufen. Dem Akustiker war das hochnotpeinlich und er meinte, es hätte sich schon mehrere Angehörige von Verstorbenen beschwert“, erzählt Helga Röhl (80). Der Akustiker bestätigt das. „Dass darunter auch einige Adressen von Verstorbenen sind, tut uns aufrichtig leid. Wir konnten das aber nicht wissen, weil wir die Adressen nur angemietet haben. Wir bieten aber an, uns anzurufen, dann werden wir künftig dafür sorgen, dass wir solche Adressen nicht mehr nutzen“, sagt der Sprecher des Akustik-Unternehmens.

"Verstößt gegen Anstand und Würde der Toten"

Helga und Hartwig Röhl hätten die Sache auf sich beruhen lassen, wären nicht bald der zweite und dritte Brief gekommen. Die jüngste Post stammt von Post-Reisen und wirbt für eine „entspannte Kurzreise“, unter anderem ins „Hotel Living Max“. „Das ist einfach unanständig, es verstößt gegen Anstand und Würde der Toten“, findet Hartwig Röhl.

Die Quelle aller Briefe an die Verstorbene ist inzwischen lokalisiert: Alle Absender hatten für Werbeaktionen Adressen bei der Deutsche Post Direkt GmbH angemietet, einer Tochter der Deutsch Post DHL Group. „Es trifft zu, dass unsere Kollegen von „Post Reisen“ einige Adressen unseres Tochterunternehmens Deutsche Post Direkt GmbH angemietet haben, unter denen sich bedauerlicherweise auch Adressen von Verstorbenen befanden. Dies tut uns sehr leid, und wir haben dies der Deutschen Post Direkt GmbH umgehend mitgeteilt, mit der Bitte, diese Daten aus ihrem Bestand zu entfernen“, sagt Alexander Edenhofer, Pressesprecher bei der Deutsche Post DHL Group. Man bedauere sehr, wenn Hinterbliebene durch Werbebriefe wieder mit dem Verlust konfrontiert würden. Wie häufig das vorkommt, könne man nicht sagen. Recherchen im Internet zeigen aber, dass das Kieler Ehepaar kein Einzelfall und das Problem seit Jahren bekannt ist. In der Regel sind die Adressaten allerdings ein paar Jahre zuvor verstorben.

Namen werden gesperrt

Wie aber können Namen und Adressen selbst Jahrzehnte nach dem Tod noch im Umlauf sein und genutzt werden, um damit Geld zu verdienen? Eine zentrale Datei über Todesfälle und die entsprechenden Adressdaten gebe es leider nicht, antwortet Edenhofer. Aus datenschutzrechtlichen Gründen bekäme man diese Informationen auch nicht von den Personenstandsregistern in den Einwohnermeldeämtern. Um solch makabere Post zu vermeiden, habe die Deutsche Post Direkt deshalb Kooperationspartner gesucht, die Informationen über Verstorbene haben. „Daher haben wir bereits mehrfach mit dem Bundesverband Deutscher Bestatter Initiativen unter dem Motto „Keine Werbepost an Verstorbene“ gestartet, die zum Ziel hatten, diese unerwünschten Werbesendungen deutlich zu reduzieren.“ Sobald die Deutsche Post Direkt Informationen zu verstorbenen Personen habe, würden die Namen unverzüglich gesperrt.

Helga und Hartwig Röhl hoffen, dass der Name ihrer Schwiegermutter jetzt nicht mehr missbraucht wird. Sollte dennoch ein Brief kommen, haben sie sich vorgenommen, ihn wieder in den nächsten Briefkasten zu werfen, mit der Aufschrift: „Annahme verweigert. Adressat ist verstorben“.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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