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Die Demo, die aus dem Ruder lief

Brokdorf Die Demo, die aus dem Ruder lief

Die Witterung in der Wilster Marsch ist eisig, die Stimmung aufgeheizt an jenem 28. Februar 1981. Fast 150.000 Atomkraftgegner haben sich aus der gesamten Republik auf den Weg gemacht, um gegen den Weiterbau des Kernkraftwerks Brokdorf zu protestieren.

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Nach ersten friedlichen Stunden eskalierte die bis dahin größte Anti-AKW-Demonstration am 28. Februar am Bauzaun von Brokdorf. 128 Polizisten und einge ungeklärte Anzahl von Demonstranten wurden verletzt.

Quelle: Dieter Harder (privat)

Brokdorf. Sie werden von 10000 Polizisten erwartet. Der Beginn einer Demonstration, die eskaliert und bei der einige Fragen auch 35 Jahre danach unbeantwortet sind.

Ulrike Schulz (64) aus Heikendorf erinnert sich noch genau an diesen Tag. Als Naturwissenschaftlerin hat sie sich mit Umweltbelastungen und den Folgen von Radioaktivität auseinandergesetzt. Deshalb will die 29-Jährige an diesem Sonnabend im Februar 1981 unbedingt in Brokdorf demonstrieren. Kurz zuvor haben die Richter vom OVG-Lüneburg ihren Baustopp aufgehoben: Es gebe hinreichende Fortschritte bei der Entsorgung. Schließlich ist das Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente in Gorleben beantragt und nach Standorten für Wiederaufbereitungsanlagen wird auch gesucht. Für Ulrike Schulz ist das ein gefährlicher Trugschluss.

Demonstrationsverbot bleibt bestehen

Auch der junge Michael Legband sieht das Restrisiko der Technik und die ungelöste Frage der Endlagerung. Was den 28-Jährigen noch erzürnt: Der Landrat des Kreises Steinburg hat ein Demonstrationsverbot verhängt. Noch spät in der Nacht formuliert Legband einen Eilantrag an das Bundesverfassungsgericht mit, den ein Lehrerehepaar aus Itzehoe einreicht. Doch das Demonstrationsverbot wird nicht aufgehoben.

Michael Legband und all die anderen Demonstranten hält das nicht ab, sich am Morgen in eisiger Kälte auf nach Brokdorf zu machen. Ulrike Schulz muss als Lehrerin erst noch Unterricht geben. Als sie mittags mit Freunden startet, sind alle Zufahrtsstraßen längst dicht. Über Feldwege nähert man sich dem Bauplatz, die letzte halbe Stunde geht es nur noch zu Fuß.

Karsten Hinrichsen, seither das Gesicht des Brokdorf-Widerstandes, ist durch die Polizeisperre bis zum Haupttor gekommen. „Warum, wenn doch die Demonstration verboten war? Warum sind wir nicht gefilzt worden, wo doch Ministerpräsident Stoltenberg zuvor von Chaoten gesprochen und mit anderen Äußerungen die Stimmung aufgestachelt hatte?“ Rätselhaft bleibt Hinrichsen auch, warum sich die Polizisten vor dem Haupttor plötzlich auf den Bauplatz zurückziehen.

"Ich habe mich bedroht gefühlt"

Inzwischen hat auch Ulrike Schulz fast den Bauzaun erreicht und erlebt, wie Hubschrauber immer wieder im Tiefflug auf sie zusteuern. „Ich habe zum ersten Mal mein Leben bedroht gefühlt, wir haben uns mit Herzklopfen zusammengekauert und gefragt: Wie kommen wir hier hier wieder heraus? Dann kam in langen Querreihen eine irre Menge an Polizisten auf uns zu und dann weiter Richtung Haupttor.“ Dort eskaliert die Situation. Wasserwerfer werden eingesetzt, Demonstranten regelrecht von der Polizei gejagt. Die Polizei sagt später, Demonstranten hätten sie angegriffen und versucht, den Bauplatz zu stürmen.

Auch Michael Legband berichtet von einem gewalttätigen kleinen schwarzen Block. „Es waren die nützlichen Idioten, mit denen später der überharte und völlig aus den Fugen geratene Polizeieinsatz begründet wurde.“ So hätten zwei Polizisten ein 16-jähriges Mädchen grundlos festgehalten und mit Tränengas besprüht. „Ich habe in eine Polizeikette von völlig verängstigten Polizisten geguckt und in die Läufe von dreißig Maschinenpistolen. Ich hoffe bis heute, dass sie ungeladen waren.“ Große BGS-Hubschrauber seien gekreist und hätten Beamte abgesetzt, die stakkatomäßig mit ihren Schlagstöcken auf die Schutzschilde schlugen und dazu rhythmisch sangen.“ Auch der SPD-Landeschef Günther Jansen und der SPD-Bundestagsabgeordnete Norbert Gansel seien aus der Luft gezielt mit Tränengas beschossen worden.

Viele Verletzte auf beiden Seiten

Die Bilanz der Gewalt: viele Verletzte auf beiden Seiten. Die Folgen: Brokdorf wird zum Symbol des AKW-Widerstandes. Bis heute halten am 6. Tag jedes Monats AKW-Gegner eine Mahnwache vor dem Haupttor. „Die Atomindustrie hat in Brokdorf ihr Waterloo erlebt. Seit damals wurde kein neues Atomkraftwerk in Deutschland mehr genehmigt“, sagt Legband. Aber auch die Polizei habe dazugelernt, setze in Großlagen der Landespolizei auf Deeskalation. Erst 1987 stellt das Bundesverfassungsgericht fest: Das Demonstrationsverbot war rechtswidrig.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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