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„….weil wir uns selbst nicht mögen“

Bulimie-Erkrankte „….weil wir uns selbst nicht mögen“

Von einer jungen Frau, die erst ihre Magersucht und dann ihre Bulimie unter ihre Kontrolle bekommen hat...

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Sandra (Name von der Redaktion geändert) auf der Reventloubrücke in Kiel.

Quelle: Sonja Paar

Kiel. Sandra will reden. In der Neujahrsnacht, im Dienst, fasste sie den Entschluss. Und ein Entschluss hat bei ihr mehr Gewicht als eine Eintagsfliege. Denn Sandra schätzt konsequentes Verhalten. Wenn sie etwas anfange, sagt sie, bringe sie es auch zu Ende. Ihre Krankheit betreffe viele Menschen, mehr, als wir anderen ahnten. Ihre Krankheit könne man nicht sehen, ihre Krankheit sei ihr Geheimnis. Aber sie möchte anderen mit ihren Erfahrungen die Augen öffnen und Hoffnung geben. Sie kann das, das spürt man schnell. Ihr Blick ist offen, sie lacht gern, aber nicht so oft wie die, die sich selbst nicht ernst nehmen. Sie ist bestimmt kein fröhlicher Mensch, strahlt aber die Stärke eines Menschen aus, der sich seinen Schwächen stellt, und die Zartheit eines Menschen, der sehr oft seine Verwundbarkeit gespürt hat und bis an seine äußersten Grenzen gegangen ist. Sie ist schlank, sportlich und findet ihr Alter – 30 – ein bisschen kokett „schrecklich, oder?“ Sie hat schöne Zähne, winkt aber gleich ab: „überall Füllungen“. Sandra will reden: über ihre Essstörung. Die Menschen, die ihr wichtig sind, auch im Beruf, wissen Bescheid. Sie arbeitet als Krankenschwester oder, so die neue Bezeichnung, Gesundheits- und Krankenpflegerin im UKSH, Campus Kiel. Für die anderen will sie anonym bleiben. Nach ihrer Erfahrung wird Bulimie, obwohl sie so viele betrifft, totgeschwiegen, weil es sich nicht gehöre, sein Essen auszuspucken, heimlich zu essen ohne Genuss. Und gerade das ist Teil des Problems.

„Ich komme aus der Magersucht“, erzählt sie. Die begann mit 16. Sandra lebte mit ihr zehn Jahre. Als sie nur noch 32 Kilogramm wog, das war der Tiefpunkt, auf dem sie fast einen Monat verharrte, „habe ich gemerkt, wie ich sterbe. Ein komisches Gefühl. Alles so leicht und trotzdem beengt – ich bekam totale Panik. Man merkt, wie das Leben aus einem weicht. Da habe ich beschlossen: So geht es nicht weiter.“ Sie hatte Freundinnen, die Druck machten, aber den Entschluss fasste sie selbst. Das war wichtig.

Ihr Body Mass Index ist heute 20 (BMI Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch Körpergröße mal Körpergröße, z.B. 60 kg : (1,73 x 1,73) = 20). Seit einigen Jahren schon. Damals, mit 16, als sie die ersten drei, vier Kilos abnahm, „habe ich Komplimente bekommen. Als ich dann weiter abnahm, um noch mehr Komplimente zu bekommen, kamen zunehmend andere Rückmeldungen: ‚Du siehst furchtbar aus, du hast keinen Arsch mehr in der Hose, du bist keine Frau mehr…‘ Normalerweise nimmt man als Frau so um die 19, 20, 21 etwas zu, da verteilt sich das noch einmal anders. Ich hatte nie komplette weibliche Rundungen. Als ich magersüchtig wurde, verschwand meine Brust nach und nach, ich brauchte nicht einmal mehr A-Körbchen. Ich war keine normale Magersüchtige. Es ging mir nicht ums Dünnsein. Wenn ich in Spiegel sah, die H&M-Spiegel sind die schlimmsten, konnte ich mich kaum ansehen, weil ich so furchtbar dünn war. Mir ging es um etwas anderes.“

Sie war wegen ihrer Essstörung in zwei Kliniken: in Bad Malente und in Bad Oeynhausen, „der besten Klinik für Essstörungen“. Sie lernte „viele, viele unterschiedliche Essgestörte kennen. Uns allen ist gleich, dass wir sensibel und feinfühlig auf Stimmen und Stimmungen anderer Menschen achten. Wir sind sehr darauf bedacht, dass Menschen uns mögen – weil wir uns selbst nicht mögen.“ Mit ihrer Mutter habe sie als Jugendliche unglaublich viel gestritten. Der Vater war oft nicht zu Hause. Sandras jüngerer Bruder „stand immer zwischen uns, und er konnte nichts machen. Dann ist er an Krebs erkrankt, als ich 16 wurde.“ Damit sei weder sie selbst noch die Familie klargekommen, vor allem nicht mit der ärztlichen Prognose, dass die Überlebenswahrscheinlichkeit des knapp 13-Jährigen nur fünf Prozent betrage. „Meinem Bruder fielen die Wimpern und die Haare aus, er hörte auf zu wachsen. Meine Mutter hat hochkalorisch für ihn gekocht, und er hat alle Aufmerksamkeit bekommen. Ich habe gedacht: Vielleicht muss es mir auch schlecht gehen, damit ich ihre Aufmerksamkeit bekomme. Als ich immer mehr abnahm, sagte meine Oma, die eigentlich meine Mama war: ‚Du wirst so langsam, so leise! Das tut mir von Herzen leid!‘ Mein Vater meinte: ‚Du siehst schlimmer aus als dein Bruder.‘ Und ich habe gesagt: ‚Wenn Ihr mir nicht zeigt, dass Ihr mich liebt, werde ich vielleicht vor ihm sterben.‘“

Sandra wusste nicht, wie sie es aushalten sollte zu Hause, wohnte schon, bevor sie 18 wurde und auszog, oft bei ihrem Freund, „meiner ersten großen Liebe“, der ein „unglaubliches Drogenproblem hatte“. Aber gut ging es ihr dabei nicht. „Ich wollte eigentlich mein blödes Teenager-Leben führen, aber das klappte eben nicht. Ich habe mich so verurteilt. Dafür, dass ich’s nicht richtig machte, dass ich meiner Mutter nicht genug Unterstützung gab, dass ich nicht genug für meinen Bruder da war. Dann fand ich heraus, dass mir das Gefühl, Kontrolle zu haben, Halt gab.“ Zunächst wusste sie nicht, was in ihrem chaotisch gewordenen Leben nur sie selbst ganz in der Hand hatte. Aber sie fand auch das heraus. „Das Essen. Das war etwas, das ich mir ganz allein aussuchen konnte. Etwas, das ich allein komplett steuern konnte, so, wie es kein anderer kann.“ Diese Kraft darin, „die ist so mächtig, ich fühlte mich so gut damit, so ausreichend, dass es bis heute nicht leicht ist, darauf zu verzichten. Kontrolle – das hat sich so gut angefühlt, dass ich es nicht lassen konnte. Ich konnte mir selbst das geben, was ich nie bekommen hatte. Ich war stolz auf mich. So stolz, dass ich behinderterweise eine Ausbildung zur Diätassistentin machte.“ Das Grundwissen war ihr geläufig. Als Magersüchtige gehe man durch die Lebensmittelabteilung und untersuche alles genau. „Ich wusste, wie viel Gramm dies hat und wie viele Kohlenhydrate jenes, vor allem, wie viel Fett. Wie ich etwas wodurch ersetzen kann, wie ich aus jedem Gericht ein Low-carb-Gericht oder ein fettarmes zubereiten kann.“

Wenn man länger magersüchtig sei, habe man keine Kraft mehr für Empfindungen und für Emotionen. „Am Anfang spürt man vor allem dieses Machtgefühl. Aber irgendwann kippt das, und man merkt, dass man abhängig wird von dieser Macht. Und dann spürt man immer weniger diese Macht und schließlich gar nicht mehr.“ Am Anfang habe sie eine Mahlzeit ausgelassen, dann mussten es zwei sein, schließlich drei, um das gute Gefühl von Kontrolle und Halt zu erzeugen. „Dann habe ich zwei Tage lang nichts gegessen, dann drei, dann fünf und am Wochenende nur Gemüse. Es wurde immer weniger, und trotzdem war ich nicht zufrieden. Meine Masterplan-Sandra, so nenne ich die innere Stimme, sagte ständig: Du musst! Aber der konnte ich es nicht mehr recht machen.“ Als der Essensverzicht nicht mehr reichte, fing sie mit 19 an, Sport zu treiben. „Ich bin jeden Tag 20 Kilometer gelaufen und 20 Kilometer Rad gefahren. Das ist halt eine Leistung: Je mehr du machst, desto besser bist du. Und du suchst es dir selbst aus einem Leistungskatalog aus.“ Heute ist ihr klarer, als es ihr damals sein konnte: „Es ist eine Ersatzleistung für das normale Leben.“ Ihre Mutter habe gesagt, sie müsse für ihren Bruder da sein. „Und dass sie eine Freundin brauche und ich das sein solle. Ich habe geantwortet: Nein. Das kann ich nicht. Nein zu sagen und mich abzugrenzen, fällt mir nicht so schwer, das kann ich ganz gut. Aber hinterher verurteile und bestrafe ich mich dafür. Weil ich denke, dass es mir nicht zusteht.“ Man sollte niemals ein Kind in eine solche Rolle drängen, sagt sie kategorisch. „Und diese Doppelbotschaften meiner Mutter: ‚Du darfst alles, Sandra, aber wenn du’s tust, enttäuscht du mich.‘ Die Freiheit vorgaukeln, aber trotzdem einsperren in den Enttäuschungskäfig.“

In der Klinik habe sie gelernt, dass sie „ein Klebestreifen-Mensch“ sei. Sie weist auf den Nachbartisch und sagt: „Ich kann sehr gut Situationen erkennen und könnte den beiden dort sagen: ‚Wenn du es so sagtest und du dies machtest, dann würde das funktionieren zwischen Euch. Ich sehe, wo die Leute weiterkommen könnten. Und ich sehe die Scherbenhaufen der anderen und klebe sie zusammen. Ich klebe und klebe und klebe, bis für mich nichts übrig bleibt. Ich sehe überall meine Zuständigkeit, und wenn ich ein Problem sehe, dann muss ich die Klebestreifen auch benutzen.“

Ist der Beruf Krankenschwester dann nicht eher schädlich für sie? „Das habe ich anfangs auch gehört: ‚Das, was du machst, ist symptomatisch.‘ Aber es stimmt nicht. Krankenschwester bin ich unheimlich gern. Ich habe Medizin studiert, aber gemerkt, dass mich das überfordern würde. Krankenschwester ist genau der richtige Beruf für mich. Hinzukommt, dass ich mit intubierten Patienten arbeite, die nicht mit mir reden können. Diätassistentin – das war symptomatisch. Aber ich habe damals die Ausbildung abgeschlossen. Wenn ich mich für etwas entscheide, muss ich die Verantwortung übernehmen und es zu Ende bringen.“

In der Magersucht sei sie stärker gewesen als in der Bulimie, die sie danach entwickelte. „Als Magersüchtige kannst du machen, dass du verschwindest zwischen all den anderen. Oder ich trug unter einer XXS-Hose bis zu drei Jogginghosen und unter einem Pullover zwei Longsleeves – ich konnte kontrollieren, wie ich ausssah.“ 2012, in Bad Oeynhausen, bei ihrem zweiten Klinikaufenthalt, unterhielt sie sich zum ersten Mal länger und intensiver mit adipösen Patienten. „Ich hatte vorher gedacht, die Adipösen seien haltlos und unkontrolliert. Aber wir ähneln uns unglaublich.“

Geblieben sei „ein komplettes Suchtverhalten. Ich muss zum Beispiel immer eine gewisse Anzahl bestimmter Lebensmittel im Haus haben, sonst werde ich total unruhig. Und dann fahre ich noch am Sonnabend nach dem Spätdienst los, um sie zu kaufen, bevor ich am Sonntag Frühdienst habe.“ Essgestörte wüssten immer genau, welcher Supermarkt welches Sortiment habe – und welche Öffnungszeiten. „Ich gehe jeden einzelnen Tag einkaufen. Ich brauche das.“

2008, beim ersten Klinik-Aufenthalt in Bad Malente, „habe ich gelernt, dass ich essen darf. Dass es mir zusteht, und dass mein Körper das braucht. Ich sagte mir: Okay, sterben kann ich ja immer noch. Vielleicht lohnt es sich, vorher noch etwas anderes auszuprobieren. Ich habe abgefangen, ganz vorsichtig und langsam zu essen, und gelernt, dass ich ein Leben brauche, in dem ich esse, aber dass ich nicht meine Eltern brauche.“ Es dauerte Wochen, bis ihr Körper damals das Essen, die Nahrung akzeptierte. „Anfangs kam es einfach so wieder raus, und ich saß den halben Tag auf dem Klo.“ In einem halben Jahr veränderte sich ihre Kleidergröße von 32 auf 38. „Mein ganzer Kleiderschrank war ja in Puppengröße, den musste ich in diesem halben Jahr zweimal erneuern. Es klappte nicht. Es fühlte sich fremd an, als hätte man mir einen Fettanzug für eine Filmrolle angezogen. Ich hatte mich daran gewöhnt, meine Knochen zu sehen. Ich hatte akribisch auf meinen Körper geachtet und ich bin in meinem ganzen Leben noch nie fett gewesen. Und jetzt bekam ich Bäckchen und einen weichen Bauch, unter dem ich nicht gleich die Muskeln fühlte, Brüste, Hüfte, Oberschenkel, Arsch.“ Männer drehten sich nach ihr um, „und du fragst dich: Wieso denn? Ich kann mich damit nicht identifizieren – aber die finden’s toll.“ Ihr damaliger Freund habe sie abgöttisch geliebt, sagt sie. „Ich war so sauer auf ihn, dass er mich so viel mehr liebte, als ich es selbst konnte.“

Mit dem Gewicht kam der seelische Zusammenbruch: „Du spürst plötzlich Dinge, die du mit der Magersucht verdrängt hast. Ich habe unglaublich um meinen Bruder getrauert. Als er starb, war ich 20.“ Eine halbe Stunde vor seinem Tod nahm sie Abschied von ihm, im Krankenhaus, wo er die letzten Tage seines kurzen Lebens verbringen musste. Sie nahm Abschied, weil sie sein Leiden, die sichtbaren Folgen seiner Hirn-Metastasen nicht mehr mit ansehen konnte. Sie sagte ihm das und: „Christian, lass los!“ Dass er eine halbe Stunde später starb und sie nicht mehr bei ihm war, wirft sie sich heute noch vor. Auch, dass sie an dem Tag zur Arbeit ging, statt bei ihren Eltern zu bleiben, die die ganze Krankenhaus-Zeit bei ihrem Sohn gewesen waren. „Meine Mutter hat meinem Bruder versprochen, dass wir uns vertragen würden. Bis heute ist nichts passiert. Ich sehe meine Eltern selten, und eigentlich können wir nur über Balkonpflanzen miteinander reden, ohne uns zu streiten. Ich habe keinen Bock mehr, noch einmal 30 Jahre zu kämpfen, um als der Mensch gesehen zu werden, der ich bin.“ Mit ihrem jetzigen Freund war sie einmal bei ihren Eltern. „Er sagte: ‚Man könnte glauben, dich gäbe es gar nicht. Überall Bilder von deinem Bruder, aber keins von dir.‘“

Mit der Magersucht habe sie sich stabilisiert, „das Gefühl gehabt, allein klarzukommen, was ein Trugschluss war. Aber: Es war die größte Kraft, das Beste, was ich in meinem Leben geschafft habe. So viel Kontrolle zu haben. So viel Macht. Klar habe ich den Verstand, um mir zu sagen, du lebst damit in eine nicht-existente Realität hinein. Aber ich wüsste gar nicht, was ich ohne meine Magersucht wäre. Sie hat mir in einer Extrem-Situation so geholfen.“ Sie habe sich damals auch selbst verletzt. Nicht geritzt. Sondern gebissen.

Anorektiker schlügen oft in die Bulimie um, erklärt Sandra. „Ich bin mit dieser Gewichtszunahme nicht klargekommen. Aber auf das Essen konnte ich nicht mehr verzichten. Ich steckte den Finger in den Hals, aber ich konnte nicht erbrechen. Darum habe ich mich Internet belesen, wie ich das Essen am besten wieder rausbringen kann. Ich kann nur allen raten: Geht niemals, niemals auf diese Scheiß-Webseiten mit diesen Tipps zum Kotzen und diesen ganz, ganz bösen Foren, wo sie zeigen, was sie alles geschafft haben, was sie alles ausgekotzt und abgenommen haben!“

Mehrfach am Tag übergab sie sich. „Ich hatte eine atypische Bulimie. Bei der typischen nehmen die Leute in einem Fressanfall bis zu 20.000 Kilokalorien zu sich und gehen dann zum Klo. Ich habe nie so viel gegessen. Bei mir war es so: Wenn ich mich satt aß, fühlte ich mich dreckig, eklig und maßlos. Meine Masterplan-Sandra sagte dann zu mir: „Du darfst niemals essen, bis du voll bist. Denn dann bist du nichts Besonderes mehr, sondern wie jeder andere Widerling auf dieser Welt.‘“ Es gebe auch Sport-Bulimiker, erzählt sie. „Ein Freund aß drei, vier Pizzen hintereinander, und, statt zu erbrechen, ging er anschließend 70 Kilometer laufen.“

Bis heute hat Sandra es geschafft, nur noch ein Mal pro Woche mit Absicht zu erbrechen, was sie gerade gegessen hat. Seit ein paar Jahren hat sie Normalgewicht und einen BMI von 20. „Ich bin in Psychotherapie, seit ich 18 bin. Alle Therapeuten haben irgendwann zu dem Verhältnis mit meiner Mutter gesagt, dass ich der erwachsenere Part sei. Meine Mutter bringt mich dazu, Dinge zu kompensieren, die sie selbst für sich nicht leistet. Das eint Magersüchtige: Dass sie erwachsener sein müssen, als sie sind, und dass sie sich dieses Kind, das sie sind, verbieten. Das eigene Ich macht etwas ganz Furchtbares. Es sagt dir: Du bist nicht gut genug, du reichst nicht aus, du bist widerlich, du bist ekelhaft. Diese Stimme möchte ich nie mehr in meinem Kopf haben, ich wollte sie auch damals nicht in meinem Kopf haben, deshalb wollte ich nicht mehr leben, und deshalb bin ich 2008 in die Klinik gegangen.“

Das Tolle an einer Klinik sei: „Du kannst deinen Problem-Katalog abgeben. Die helfen dir. Die kennen Typen wie dich. Du bist eine von vielen. Ich finde, jeder sollte mal so eine Analyse gemacht haben. In einer ambulanten Therapie bist du vielleicht gerade dabei, alles herauszuweinen, dann ist die Stunde um. Okay. Dann verpackst du deine Wunde und deine Gefühle und gehst wieder in die Welt hinaus, und beim nächsten Mal weißt du nicht mehr, was du sagen wolltest. In der Klinik hast du immer die Möglichkeit, notfallmäßig zu jemandem zu gehen. Nur in der Klinik ist dieses strikte Konzept dahinter. Und es ist total geil, mindestens sechs Wochen in einer Klinik zu sein und dich nur mit Menschen auszutauschen, die so sind wie du. In meiner Gruppe waren ein Triathlet und ein unglaublich erfolgreicher Radiologe. Du denkst, dass die beiden so aussehen wie Menschen, die glücklich und zufrieden sind – aber das Gegenteil ist wahr. Man sollte vor einer Klinik keine Angst haben. Man kann dort so gut an sich arbeiten. Und lernen. Zum Beispiel anzunehmen, dass andere vielleicht kein Problem mit Kartoffeln haben, aber ich, ich, habe ein Problem mit Kartoffeln.“

Drei Jahre lang war Sandra in ihrer Heimatstadt in einer Selbsthilfegruppe. Dort gab es Regeln, wie: Wir reden nicht über Kalorien und nicht über Gewichte – wir reden darüber, wie es uns geht. „Ich mag essgestörte Menschen“, sagt Sandra, „weil sie so einen empathischen Eingang haben. Was ich nicht mag, ist, wenn jemand rigide in seiner Sucht steckt und das nicht ablegen kann.“ Ja, sicher erkenne sie andere Bulimiker. An den „Kotzbäckchen“ zum Beispiel, den verformten Fingernägeln, den Abschürfungen an den Fingern.

Sie rückt die zwei Becher auf dem Tisch näher zusammen und zieht mit dem Finger eine Linie direkt von Becher zu Becher und eine andere, längere, die eine Kurve beschreibt – wie einen Umweg. „Den längeren musst du gehen. Du wirst immer wissen, dass Suchtverhalten der einfachere, kürzere Weg ist. Aber auch, dass er dich umbringt.“ Das Gemeine an der Essstörung sei: „Du musst essen. Es ist keine Stoffsucht, bei der du lernen kannst, den Stoff zu lassen, nicht zu trinken, dir kein Koks reinzuziehen. Als Essgestörter wirst du mindestens drei Mal am Tag mit deiner Sucht konfrontiert. Die Verlockung ist da, hier in der Bäckerei, überall, immer und immer wieder, und sofort sind die Konflikte in deinem Kopf, der Dialog, du musst abwägen und kämpfen – das behindert dich in der Arbeitswelt und in den Beziehungen zu anderen Menschen. Du kannst nicht mal eben so den Kuchen mitessen, den jemand bei der Arbeit ausgibt.“ Was bei ihr bleibe, wohl für immer, „das ist diese Masterplan-Sandra, die ich auch mein Monster nenne, dass mir sagt: Du musst, du musst!“ Denn damals, „habe ich aufgehört, mich zu fragen, was ich will.“ Ihre Krankheit habe ihr geholfen zu überleben, sagt sie. „Ich bin dankbar dafür, denn ich hätte sonst nie so viel reflektiert. Ich musste erst lernen, Nein zu sagen, ohne mich danach bestrafen zu müssen – das ist so wichtig.“

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