17 ° / 15 ° Regenschauer

Navigation:
Drei Syrer hatten Bezug zu Paris-Attentaten

Anti-Terror-Razzia Drei Syrer hatten Bezug zu Paris-Attentaten

Bei Anti-Terror-Razzien sind am Dienstagmorgen in Schleswig-Holstein drei Syrer festgenommen worden. Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen die Männer wegen Terrorverdachts.

Voriger Artikel
Auch im Norden weiter Hitze im September
Nächster Artikel
Sylterin bringt Baby im Autozug zur Welt

Die Polizei hat Flüchtlingsunterkünfte durchsucht - darunter eine in Reinfeld.

Quelle: Daniel Reinhardt/dpa

Wiesbaden/Kiel. Die deutschen Sicherheitsbehörden haben womöglich einen Terroranschlag durch eingeschleuste Mitglieder der IS-Terrormiliz verhindert. "Die drei wegen Terrorverdachts festgenommenen Syrer hatten nach bisherigen Ermittlungen einen Bezug zu den Attentaten in Paris im November 2015", sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). Es spreche alles dafür, dass dieselbe Schlepperorganisation, die bei den Attentätern von Paris aktiv gewesen sei, auch diese drei als Flüchtlinge getarnten Männer nach Deutschland gebracht habe. Sie seien über die Balkanroute nach Deutschland gekommen. Auch spreche alles dafür, dass die Reisedokumente aus der gleichen Werkstatt in der entsprechenden Region stammten, sagte de Maizière. Es könnte sich um eine „Schläferzelle“ handeln.

Konkrete Aufträge gab es offenbar nicht

Die Bundesanwaltschaft hatte die Razzien beauftragt: Den Männern im Alter zwischen 17 und 26 Jahren werde vorgeworfen, im Auftrag der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) im November 2015 nach Deutschland gekommen zu sein, „um entweder einen bereits erhaltenen Auftrag auszuführen oder sich für weitere Instruktionen bereitzuhalten“, teilte eine Sprecherin der obersten Ermittlungsbehörde mit. Konkrete Aufträge habe es nach bisherigen Erkenntnissen aber nicht gegeben. Die Männer wurden von Spezialkräften bei Razzien in Schleswig-Holstein festgenommen. Es handelt sich um den 17-jährigen syrischen Staatsangehörigen Mahir Al-H., den 26-jährigen syrischen Staatsangehörigen Mohamed A. und den 18-jährigen syrischen Staatsangehörigen Ibrahim M. Die Verdächtigen wurden in Ahrensburg und Großhansdorf östlich von Hamburg sowie in Reinfeld nahe Lübeck gefasst, wo sie in kommunalen Flüchtlingsunterkünften lebten.

Einweisung im Umgang mit Waffen

Laut Bundesanwaltschaft soll sich der Beschuldigte Mahir Al-H. spätestens Ende September 2015 in Rakka dem sogenannten "Islamischen Staat" angeschlossen haben. Der 17-Jährige soll eine kurze Ausbildung erhalten haben, die auch die Einweisung in den Umgang mit Waffen und Sprengstoff umfasste. Im Oktober 2015 verpflichtete sich der Beschuldigte Mahir Al-H. laut der Behörde gemeinsam mit den weiteren Beschuldigten Mohamed A. und Ibrahim M. gegenüber einem für Operationen und Anschläge außerhalb des IS-Gebiets zuständigen Funktionär des "Islamischen Staates", zusammen nach Europa zu reisen.

Pässe und Geld vom IS

Hierzu wurden sie nach Angaben der Sprecherin mit vom IS bereitgestellten Pässen ausgestattet und erhielten höhere vierstellige Bargeldbeträge in amerikanischer Währung sowie Mobiltelefone mit vorinstalliertem Kommunikationsprogramm. Über die Türkei und Griechenland kamen die Beschuldigten Mitte November 2015 nach Deutschland. Die drei Verdächtigen werden nach ihrer Festnahme jetzt von Hamburg aus mit dem Hubschrauber nach Karlsruhe geflogen. Dort werden sie dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs vorgeführt, der ihnen die Haftbefehle eröffnen und über den Vollzug der Untersuchungshaft entscheiden wird.

Verfassungsschutz gab Hinweis auf Dschihadisten

Das BKA hat bereits seit mehreren Monaten gegen die drei Männer ermittelt. Ausgangspunkt soll ein Hinweis des Bundesamtes für Verfassungsschutz auf mögliche Dschihadisten gewesen sein. Daraufhin sei beim BKA in Berlin-Treptow eine eigene Ermittlungsgruppe gegründet worden, die wochenlang Telefone abgehört und die Männer observiert habe. Insgesamt seien sechs Objekte durchsucht worden, sagte eine Sprecherin vom Bundeskriminalamt in Wiesbaden. 200 Kräfte von Bundespolizei, BKA und den Landespolizeien seien im Einsatz gewesen. Außerdem habe man umfangreiches Material sichergestellt, so die Sprecherin weiter. Das Landeskriminalamt in Kiel bestätigte nur „operative Maßnahmen“ in Schleswig-Holstein.

Studt ist froh über gute Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden

Innenminister Stefan Studt (SPD) ist von dem Einsatz um vier Uhr informiert worden. "Die Zusammenarbeit zwischen den Ländern und der internationaler Informationsaustausch hat funktioniert", sagte er. Die Landespolizei sei von Anfang an eingebunden gewesen und habe die Verdächtigen die Zeit über "begleitet". Als sich der Verdacht gegen die Beschuldigten erhärtet habe, sei der Zugriff erfolgt. "Es geht mir nicht darum, jetzt alle Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen. Im Gegenteil: Es ist genau der Missbrauch dieser Fluchtrouten, den wir jetzt beobachten müssen", so Studt.

Bürgermeister von Reinfeld zeigte sich "verstört"

Der Bürgermeister von Reinfeld, Heiko Gerstmann (SPD), hat sich nach der Terror-Razzia in der 9000-Einwohner-Gemeinde verstört gezeigt. „Natürlich sind wir verschreckt, dass so etwas in unserem Ort passiert“, sagte er. Bisher sei nur Positives über die Asylbewerber zu berichten gewesen. „Aber natürlich sind auch diese Menschen ein Abbild der Gesellschaft und darunter gibt es eben Personen mit einem verschrobenen Weltbild“, so Gerstmann.

CDU für effektives "Frühwarnsystem"

„Natürlich ist es erst einmal bedrückend, wenn eine lange bekannte abstrakte Terrorgefahr in plötzliche Festnahmen mündet. Wir alle können jedoch froh sein, dass unsere Sicherheitsbehörden diese drei Terrorverdächtigen festgenommen haben", sagte CDU-Fraktionsvorsitzender Daniel Günther. Allerdings gelte es auch, in Ruhe und Sorgfalt die für Schleswig-Holstein notwendigen Rückschlüsse zu ziehen. Beispielsweise stelle sich angesichts der hier üblichen Unterbringung der Flüchtlinge in im bundesweiten Vergleich sehr kleinen Gruppen die Frage, wie ein effektives „Frühwarnsystem“ etabliert werden könne. „Die haupt- und ehrenamtlichen Betreuer müssen noch mehr für diese Bedrohung sensibilisiert werden. Zugleich dürfen wir nicht dem IS auf den Leim gehen, indem wir jedem Flüchtling mit Misstrauen begegnen“, sagte Günther.

Kubicki: Sicherheitsbehörden haben alles richtig gemacht

„Dass der Islamische Staat auch in Deutschland mit allen Mitteln versucht, Terror zu säen, ist leider keine überraschende Nachricht. Dass die Flüchtlingssituation offensichtlich ausgenutzt wird, um Terroristen in die Bundesrepublik zu schleusen, ist hochgradig perfide", sagte Wolfgang Kubicki, Vorsitzender der FDP-Landtagsfraktion. Er danke den Sicherheitsbehörden, die offensichtlich alles richtig gemacht und das Notwendige getan haben, um in Deutschland einen Terroranschlag zu vereiteln. "Es darf angesichts der Häufung dieser Vorfälle in der politischen Diskussion nicht mehr umstritten sein, dass unsere Sicherheitskräfte angesichts der terroristischen Bedrohungslage besser ausgestattet werden – personell und sächlich“, so der FDP-Mann.

Ermittlungsrichter entscheidet

Die Festgenommenen werden dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs vorgeführt, der ihnen die Haftbefehle eröffnen und über den Vollzug der Untersuchungshaft entscheiden wird, so die Bundesanwaltschaft.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
BGH Karlsruhe
Foto: Die Terrorverdächtigen werden dem Ermittlungsrichter am BGH vorgeführt.

Bei zwei der gestern festgenommenen Terrorverdächtigen ist es schon sicher: Sie bleiben hinter Gittern. Den dritten Fall prüft noch ein BGH-Richter. Bis jetzt schweigen die Verdächtigen.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten: Schleswig-Holstein 2/3