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Epidemie der Moderne

Chronische Entzündungen Epidemie der Moderne

Vor 100 Jahren wurden im "Entzündungshaus" am UKSH in Kiel noch Tuberkulosepatienten behandelt, vor 20 Jahren war es Hepatitisstation. Jetzt ist hier das mit Millionen geförderte Exzellenzzentrum Entzündungsmedizin für den Umgang mit schwierigen chronischen Entzündungen.

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Hier treffen sich die Experten zur Videokonferenz: das Exzellenzzentrum Entzündungsmedizin.

Quelle: sen

Kiel. Es ist Dienstag, Punkt 12.30 Uhr. Damen und Herren in Weiß füllen den Besprechungsraum im zweiten Obergeschoss des „Entzündungshauses“. So nennen sie hier auf dem UKSH-Campus Kiel das modernisierte Gebäude links neben der „ersten Med“.

Fast alle haben heute etwas zu essen und zu trinken bei sich, und als sie am großen, ovalen Konferenztisch Platz genommen haben, sieht es aus wie ein besonders steifes Picknick. In Wahrheit ist es ein besonders lockeres Treffen von Spitzenmedizinern zur Besprechung schwieriger Fälle: die wöchentliche Fallkonferenz des Kieler Exzellenzzentrums Entzündungsmedizin, an der sich per Telefon oder Video niedergelassene Ärzte beteiligen können. Als der Fotograf um Aufstellung bittet, bleiben auf Geheiß von Konferenzleiter Prof. Dr. Johann Oltmann Schröder die Teller oben. Es gebe da nichts zu verbergen: „Dies ist eine international übliche Lunch-Konferenz.“ Die Teilnehmer heute sind Fachärzte der Inneren Medizin, der Augenheilkunde, der Rheumatologie und der Dermatologie.

Eine Therapie kostet über 150.000

Konzentriert, interdisziplinär und schnell geht es zur Sache: Eine Ärztin referiert die Studiendaten einer soeben zugelassenen Tablettentherapie für Mukoviszidose-Patienten. Diese vererbte Stoffwechselerkrankung bedingt eine Fehlfunktion von Chloridkanälen – Bronchialsekret zum Beispiel kann dann nicht mehr so transportiert werden, dass die Patienten es abhusten können. Die neue Therapie verursacht Kosten von 156.000 Euro pro Patient pro Jahr und soll lebenslang eingesetzt werden. „Ich würde gerne zukünftig hier über jeden einzelnen Patienten gemeinschaftlich diskutieren und darüber beraten, ob man eine derart teure Behandlung machen muss“, sagt die Ärztin.

Eine niedergelassene Gastroenterologin aus Kiel ruft an. Ihre Patientin leidet an einer schweren Form der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung Colitis ulcerosa und ist jetzt schwanger. Ob sie als behandelnde Ärztin mit ihrer Entscheidung im Konsens sei, die Medikation in der 28. Schwangerschaftswoche abzusetzen, fragt sie die Konferenzteilnehmer. „Ja“, antwortet Prof. Dr. Stefan Schreiber, „zwischen der 24. und 30. Woche würden wir es absetzen.“ Auf keinen Fall dürfe ein Schub der Erkrankung das Stillen des Neugeborenen gefährden, denn das wäre der größte Risikofaktor für das ohnehin genetisch belastete Kind. „Sechs Monate Stillen sollten es sein.“

15 Fälle werden besprochen

Schreiber selbst stellt den Fall eines 40-jährigen Patienten mit langjährigem, moderat verlaufendem Morbus Crohn – einer anderen chronisch-entzündlichen Darmerkrankung – und schwerer Eisenarmut vor. Der Patient habe verschiedene, moderne TNF-Antagonisten bekommen, aber seit etwa anderthalb Jahren erheblich zugenommen, und er sei, obwohl ein durchtrainierter Mann, dauernd müde. „Heute Morgen, während unseres Gesprächs, gingen die Lider runter“, sagt Schreiber in die Runde und weiß im selben Moment, welchen zwingenden Kommentar er damit herausgefordert hat. „Das lag am Gespräch…haha.“ Gut, gut, „aber ich habe insgesamt ein sehr ungutes Gefühl, was hier los ist. Für mich sieht das wie eine Anti-TNF-assoziierte Problematik aus.“ Johann Oltmann Schröder ergänzt: „Die Hersteller sagen, das gebe es nicht. Aber ich habe fünf Patienten mit diesen Nebenwirkungen gesehen – es gibt sie.“ Schreiber möchte die Therapie ändern, „dafür brauche ich einen Konferenzbeschluss.“ Er bekommt ihn.

Ein Beschluss nach dem anderen wird gefasst. 15 Fälle besprechen sie heute. Die merkwürdig massiv aufgetretene Urtikaria (Nesselsucht). Eine Psoriasis (Schuppenflechte) ohne Gelenkbeteiligung mit eventuell medikamentenbedingter transienter Osteoporose. Mehrere chronisch-entzündliche Darmerkrankungen. Den Fall eines Patienten mit chronischer, nicht-infektiöser Meningitis bei gesicherter Psoriasis plus einer seropositiven rheumatoiden Arthritis – „das ist keine Psoriasis-Arthritis“, betont Rheumatologe Schröder, „und sehr selten.“ Ein anderer Patient hat seit ungefähr einem Jahr wiederkehrendes Fieber und dauerhaft Rückenschmerzen. Er hatte als Kind Morbus Crohn und leidet gegenwärtig an zwei Entzündungserkrankungen: Colitis ulcerosa und Sarkoidose. „Es gibt kein Medikament, das beide Erkrankungen schlägt“, sagt Schröder, „aber wir müssen ihm die optimale Therapie bieten, um ihm seine Rückenschmerzen zu nehmen.“

17 Sprechzimmer hat die Ambulanz

Dann schließt Schröder die Konferenz. In den beiden Stockwerken unter ihnen warten schon Patienten. Sie kommen, zum Beispiel, um im Infusionsraum, auf Sesseln sitzend, ihre Infusionen zu erhalten, und sie gehen auch wieder, denn dies ist keine Station, sondern eine Ambulanz. „Jeder Patient bekommt seinen Doktor zu sehen“, sagt Schröder. 17 Sprechzimmer gibt es, acht im Erdgeschoss, neun im ersten Obergeschoss. Herz-, Lungen-, Leberspezialisten, Hormonspezialisten, Immunologen – alle handeln in dieser Spezialambulanz unter einem Dach, tauschen über kurze Wege Informationen aus, können im Idealfall ein und denselben Patienten an ein und demselben Tag sehen und zu einer ihm helfenden Lösung kommen. Ein interdisziplinäres Team kann schneller herausfinden, warum ein Patient unter Luftnot leidet, obwohl seine Bronchien unauffällig sind und das Lungenvolumen in Ordnung ist: Bei jedem dritten Patienten mit einer Lederhautentzündung des Auges ist auch die Lunge betroffen. „Was uns von anderen unterscheidet“, erläutert Schröder, „sind drei Aspekte: Erstens die Ausstattung, wir haben einfach alles da. Zweitens unsere Schwerpunktsetzung auf Autoimmunerkrankungen. Drittens die Selbstverpflichtung auf interdisziplinäre Zusammenarbeit.“

Dazu gehört, auch wenn es nicht mit unter diesem Dach, sondern nahe dem Botanischen Garten sitzt, das von Prof. Dr. Philip Rosenstiel geleitete Institut für Klinische Molekularbiologie (IKMB). „Wir müssen komplizierteste Fälle nicht wegschicken“, sagt Schröder und nennt das Beispiel des 35-jährigen Autolackierers, der in jedem Herbst Fieber bekam. Jahrelang lautete die Diagnose: Virusinfekt. Das IKMB jedoch fand heraus: Der Mann hat ein erbliches Fiebersyndrom.

Keine Konkurrenz zu den Hausärzten

Die Fallkonferenz – seit 2010 praktiziert und optimiert – ist so etwas wie die zurzeit höchste Entwicklungsstufe der Zusammenarbeit von Spitzenmedizinern verschiedener Disziplinen unter einem Dach, der verkürzten Wege für Patienten und der genaueren Komunikation der Ärzte. „Wenn ich bei internationalen Vorträgen das Entzündungszentrum erwähne und was und wie wir dort arbeiten, dann leuchten die Augen aller“, sagt einer der Professoren am Tisch. Nimmt das UKSH mit seiner Spezialambulanz niedergelassenen Ärzten die Patienten weg? „Nein“, sagt Schröder, „zum Beispiel können wir die Krankheitskontrolle bei Patienten mit rheumatoider Arthritis hier auf den Weg bringen. Die neue Therapie bedarf aber der Überwachung. Die monatlichen Kontrollen, Blutbild, Leberwerte und so weiter, das macht der Hausarzt.“ Jede Klinik, auch diese, müsse den Kontakt zu ihren Zuweisern ja pflegen.

„Infektionen waren die Seuchen des 19. und 20. Jahrhunderts“, heißt es im Flyer des Exzellenzzentrums. „Die moderne Medizin beherrscht sie weitgehend. Heute sind chronische Entzündungen die zentrale medizinische Herausforderung.“ Eigentlich sei Entzündung ein rundum gesunder Prozess, ein fein austarierter Abwehrmechanismus, der seit Jahrtausenden zuverlässig funktioniere. Identifiziere das Immunsystem Viren oder Keime, mobilisiere es effiziente Gegenwehr. „Entzündung neutralisiert die Aggressoren, hält den Organismus gesund. Doch immer häufiger wird die Entzündung nicht mehr abgestellt.“ Millionen Menschen in Deutschland seien betroffen. „Auffallend: Entzündungserkrankungen peinigen vor allem die Menschen in den Industrienationen, sind offenbar Folge der „Zivilisation“ – veränderte Ernährung und Umwelt, Stress.“

Rheumatoide Arthritis begünstigt Herzinfarkte

Eine dieser Entzündungen ist die rheumatoide Arthritis. Behandelte Patienten können die normale Lebenserwartung erreichen. Unbehandelte Patienten bekommen häufiger und früher Herzinfarkte – eine Folge der durch Amok laufende Immunzellen dauerentzündeten Organe und Gefäße. Für chronisch entzündete Patienten gilt nicht, dass Entzündung ein rundum gesunder Prozess ist, da sie nicht von alleine endet, sondern: „Jedes bisschen dieser chronifizierten Entzündung ist schlecht“, sagt Johann Oltmann Schröder. Schröder ist der organisatorische Leiter des Exzellenzzentrums Kiel CCIM (Comprehensive Center for Inflammation Medicine) und betont: „Aber der Erfindergeist, der Spiritus Rector, wie man vornehm sagt, ist Herr Schreiber.“

Prof. Dr. Stefan Schreiber ist unter anderem Direktor der Klink für Innere Medizin I, kurz „erste Med“. Die Medizin heute, sagt er, sei auch eine Medizin der alternden Gesellschaft. Alternde Gesellschaft bedeute demografischer Wandel – es gibt weniger Junge; bedeute, dass im Durchschnitt typische Erkrankungen der zweiten Lebenshälfte, wie chronische Lungenentzündungen und Rheuma, häufiger aufträten, und dass tödliche Erkrankungen später aufträten. „Eine abnehmende Zahl von jungen Gesunden hat zur Folge, dass wir zukünftig auf den einzelnen chronisch Kranken genauer schauen werden und es ein höheres Interesse der Gesellschaft geben wird, ihn zu heilen.“ Die moderne Medizin beherrsche die Infektionskrankheiten, sei aber maximal herausgefordert von den Entzündungserkrankungen. „Mit den modernen Biologika können wir die chronischen Entzündungen kontrollieren – nicht heilen.“ Solche Therapien Patienten vorzuenthalten, gehe nicht.

Eigentlich verteidigt der Körper sich selbst

Zur angeborenen Immunität eines Menschen gehören sehr alte Verteidigungsstrukturen, die auf den Epithelzellen der Haut sitzen und Abwehrstoffe produzieren. Die Akteure des inneren Immunsystems sind T- und B-Zellen, Makrophagen, Granulozyten und dendritische Zellen, die ein Netzwerk mit gegenseitigen Berührungen bilden. „Dieser Zell-Zell-Kontakt ist wichtig für die Stimulation von Zytokinen als Botenstoffe.“ Das Immunsystem, erklärt Schreiber, sei nicht das Problem. „Die Barrierefunktion ist das Problem. Die Abschottung der Innenwelt gegen die Außenwelt ist das Hauptziel jedes komplexeren Systems,  jedes Multizellers. Wenn diese Barrieren nicht richtig funktionieren, kommt es zu Entzündungserkrankungen.“

Diese Funktionsstörungen zu erforschen und das, was hilft, bildet die Basis des Exzellenzzentrums: „Es ist ein offenes, kollaboratives System, wir arbeiten mit den niedergelassenen Kollegen zusammen, um bei komplizierten Fällen eine optimale Therapie zu ermöglichen. Und es findet ein breiter Eingang neuester Daten statt, von und mit Top-Leuten. Im Fall neuer Biologika versuchen wir, Leitpfosten einzuschlagen, damit das funktioniert.“ Einzigartig sei der Exzellenzcluster durch den Forschungsprozess. Für komplizierte  Patienten seien individuelle Modellsysteme geschaffen worden. Molekulare Ernährung werde erforscht, um das Mikrobiom eines Patienten zu verstellen. Und es seien eigene Biologika in Kiel angestoßen oder entwickelt worden.

Auch Krebs ist oft Spätfolge einer Entzündung

Entzündungserkrankungen bergen noch viele Rätsel. „Fünf bis zehn Prozent der Deutschen leiden früher oder später an einer entzündlichen Erkrankung. Aber wie weit fassen wir Entzündung? Mittlerweile begreifen wir den Diabetes mellitus als Entzündung. Krebs ist oft eine Spätfolge einer Entzündung.“

Evolutionäre Prozesse zu verstehen, ist für die Lösung der Rätsel wichtig. Teilweise, sagt Schreiber, seien die Gewinner von gestern die Verlierer von heute. Früher starben acht von zehn Kindern an Infektionen, Menschen starben mit 30 den Hunger- und mit 40 den Alterstod. Früher galt, dass diejenigen Menschen länger lebten, die das für Blutbildung, Sauerstofftransport und Zellen wichtige Spurenelement Eisen aufnahmen und es gut speichern konnten. Heute sei die Eisenspeicherkrankheit Hämochromatose eine häufige genetische Krankheit. Sie tritt meistens jenseits der 40 auf und führt durch Eisenüberladung zu Lebererkrankungen, Leberzirrhose und einem heute relativ frühen Tod.

68 Millionen Euro

Der Exzellenzcluster „Entzündungen an Grenzflächen – Inflammation at Interfaces“ wird zu 75 Prozent vom Bund und zu 25 Prozent vom Land Schleswig-Holstein gefördert – über zehn Jahre bis zum 31. Oktober 2017 mit insgesamt 68 Millionen Euro. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) betreut diese Förderlinie. Der Wortlaut für die Bewilligung dieser hohen Fördersumme sei vertraulich, teilt die DFG auf Anfrage mit, äußert sich aber so: „Exzellenzcluster sollen auf besonders zukunftsträchtigen Forschungsgebieten das Forschungspotenzial an Universitätsstandorten in Deutschland bündeln und so deren internationale Sichtbarkeit und Konkurrenzfähigkeit stärken. Diese Voraussetzung erfüllt der Exzellenzcluster der Universitäten Kiel und Lübeck nach Ansicht internationaler Gutachter und des zuständigen Bewilligungsauschusses für die Exzellenzinitiative (...) auf dem hochaktuellen und in seiner Bedeutung eher noch zunehmenden Gebiet der Entzündungsforschung in hervorragender und weltweit stark beachteter Weise.“

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Ein Artikel von
Christian Trutschel
Lokalredaktion Kiel/SH

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