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Das Dilemma in der Berichterstattung

Polizei und Medien Das Dilemma in der Berichterstattung

Ängste oder Vorurteile schüren? Wann sollen Polizei und Medien bei sexueller Gewalt die Nationalität oder Religion von straffälligen Flüchtlingen nennen? Meldungen häufen sich, aber bisher ist im Norden kein signifikanter Anstieg von Sexualdelikten festzustellen.

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Ängste oder Vorurteile schüren? Wann sollen Polizei und Medien bei sexueller Gewalt die Nationalität oder Religion von straffälligen Flüchtlingen nennen?

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. Haben Vergewaltigungen und andere Sexualdelikte mit der hohen Zahl der Flüchtlinge in Schleswig-Holstein deutlich zugenommen? Polizeimeldungen und Medienberichterstattung könnten den Eindruck erwecken — doch die Fakten scheinen das derzeit nicht zu bestätigen. „Im Landesgerichtsbezirk Kiel, für den ich nur sprechen kann, im Jahr 2015 im Vergleich zu 2014 eindeutig nein“, sagt Oberstaatsanwalt Axel Bieler, Sprecher der Staatsanwaltschaft Kiel. Auch die Polizei in Schleswig-Holstein verzeichnet keinen gravierenden Anstieg. „Insgesamt ist das Niveau an Sexualdelikten nicht höher als bei der Bevölkerung im Durchschnitt insgesamt“, sagt Uwe Keller, Sprecher des Landeskriminalamtes.

Die genauen landesweiten Zahlen sollen im März mit der Polizeistatistik 2015 veröffentlicht werden. Seit vergangenen September erfasst die Polizei gesondert Flüchtlingskriminalität.

Nach den sexuellen Übergriffen auf hunderte Frauen in der Silvesternacht in Köln wurde der dortigen Polizei Vertuschung vorgehalten. Dass die Täter von Opfern überwiegend als Nordafrikaner und arabisch aussehende Männer beschrieben wurden, meldete die Polizei zunächst nicht.

47 Taten in Schlewig-Holstein

„In Schleswig-Holstein berichtet die Polizei sachgerecht, sie verheimlicht nichts und schürt deshalb auch keine Vorurteile“, betont der Sprecher des Landespolizeiamtes, Jürgen Börner. Im Land gibt es pro Jahr etwa 1100 schwere Sexualverbrechen insgesamt. Seit Anfang 2015 registrierte die Polizei 47 mutmaßlich von Flüchtlingen begangene Sexualdelikte.

Joachim Gutt, Polizei-Flüchtlingskoordinator, betonte am vergangenen Dienstag: „Wir veröffentlichen alles.“ Er wolle lieber ein diffuses Bild zeichnen statt bezichtigt zu werden, etwas unter den Teppich zu kehren. So gehört zu den Pressemitteilungen der Polizei auch, dass ein „fremder Ausländer“ in einem Park in Wedel eine Frau „offenbar küssen wollte. „Verstehen konnte sie den Mann kaum, doch seine Kussbewegungen mit dem Mund deuteten darauf hin.“

Die Medien stecken nach Ansicht von Prof. Bernd Blöbaum vom Institut für Kommunikationswissenschaft in Münster (Nordrhein-Westfalen) in einem Dilemma. „Sie müssen viel stärker reflektieren, ob und was sie berichten und dabei viel stärker die Folgen ihres Handelns bedenken.“ Im Prinzip sei es sehr positiv, die Folgen von Berichterstattung zu reflektieren — „das ist Ausdruck journalistischer Verantwortung und Sorgfaltspflicht“. Andererseits bestehe die Gefahr, dass vieles, worüber früher nicht berichtet wurde, jetzt veröffentlicht werde.

Was sagt der Pressekodex?

Der Pressekodex des Deutschen Presserates gibt den Medien vor: „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“

Der Presserat will sich am 9. März mit dieser Diskriminierungsrichtlinie befassen. Zu Medienberichten über die Ereignisse in Köln hat der Rat bislang etwa 25 Beschwerden erhalten - sowohl wegen der Nennung der Nationalität oder Herkunft der mutmaßlichen Täter wie auch wegen des Nicht-Erwähnens. Die Richtlinie „steht nicht davor, gekippt zu werden“, vielmehr solle über die Auslegung in der Praxis gesprochen werden, sagte Presserat-Sprecherin Edda Eick kürzlich.

Dass die Medien die Ängste der Bevölkerung vergrößern, hält Blöbaum für eine wissenschaftlich nicht belegte pauschale These. Es hänge von der Disposition jedes Einzelnen ab, also von seinen Vorurteilen, politischen Einstelllungen, Erfahrungen und seiner Sozialisation, wie Medienberichte auf ihn wirkten. Insofern dürften sich Teile der Bevölkerung durch bestimmte Berichte in ihren Einstellungen bestätigt fühlen. Insgesamt stellte Blöbaum den Medien ein gutes Zeugnis aus: „Die gehen nicht mit der Aufgabe los „Wir wollen Ängste schüren“.“

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