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„Das ist ein beklemmendes Gefühl“

Interview mit KN-Chefredakteur Christian Longardt „Das ist ein beklemmendes Gefühl“

Seit Monaten recherchieren Journalisten der Kieler Nachrichten in der Rocker-Affäre bei der Landespolizei. Schon im Juni hatten sie den Verdacht geäußert, dass sie deswegen überwacht werden. Quellen hatten davor gewarnt, dass jemand ihre Telefonate abhört.

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Der Funkwellen-Detektor schlug am Radkasten an.

Quelle: KN

Kiel. Jetzt schlug ein Detektor zum Aufspüren von Peilsendern am Dienstwagen des KN-Chefredakteurs an. Im Interview schildert Christian Longardt, wie er diese Situation empfindet.

 Herr Longardt, wie fühlt man sich als Journalist, der abgehört wird?

 Wir haben keine Gewissheit, dass man unsere Kommunikation überwacht, aber wir haben in den vergangenen Wochen während der Recherche an der Rocker-Affäre viele Hinweise von vertrauenswürdigen Personen aus der Polizei erhalten, die sagen: Geht mal davon aus, dass man eure Telefonate mithört. Ein beklemmendes Gefühl ist das, aber wir haben uns mittlerweile fast schon daran gewöhnt – und wir haben ja auch Kanäle, auf denen wir sicher kommunizieren können.

 Was sagen denn Ihre Quellen zum Grund für das Abhören?

 Im Kern soll es darum gehen, herauszufinden, welche Polizeibeamten mit uns reden. Mit der Begründung, es würden Dienstgeheimnisse verraten, ließe sich dafür möglicherweise sogar eine Genehmigung bekommen. Aber undichte Stellen, beim LKA sollen sie „singende Ratten“ heißen, findet man so nicht – denn unsere Quellen telefonieren natürlich nicht über dienstliche Leitungen. Mit meinem Verständnis von Pressefreiheit ist so eine Überwachung jedenfalls nicht vereinbar.

 Warum haben Sie selbst nach Wanzen suchen lassen – wo doch die Justiz eingeschaltet wurde, um die Sache zu prüfen?

 Dass der damalige Innenminister Stefan Studt unsere Fragen nach möglichen Abhörmaßnahmen an den Generalstaatsanwalt weitergeleitet hat, war schon ein ganz besonderer Vorgang – wir hatten ja noch kein Wort darüber veröffentlicht, nach Hintergründen wurden wir auch nicht befragt. Würde man die Sache untersuchen, wäre das durchaus in unserem Sinne. Doch wir haben da unsere Zweifel: Denn würde die Staatsanwaltschaft tatsächlich ernsthaft prüfen, dann hätte sie doch als erstes mal mit uns Kontakt aufnehmen und fragen müssen, was wir denn für Hinweise haben. Das hat sie aber einen Monat lang nicht getan.

 Sie glauben nicht an eine ernsthafte Prüfung?

 Ich denke, Studt wollte auf den letzten Metern seiner Amtszeit die Verantwortung an die Justiz weiterreichen, um nicht selbst seiner Polizeiführung auf die Füße treten zu müssen. Und die Drohung, mit großem Besteck strafbare Handlungen zu untersuchen, sollte uns sicherlich auch einschüchtern.

 Wie kam es zu dem Peilsender-Test?

 Die Idee hatte unsere Geschäftsführung, auch um uns als Mitarbeiter zu schützen. Eine Spezialfirma hat mit einem Funkwellen-Detektor unsere Büros und Autos untersucht. Dabei hat das Gerät bei meinem Auto angeschlagen. Ich hätte das nicht für möglich gehalten – wir sind ja nicht in der Türkei.

 Warum wurde der Peilsender dann nicht gefunden?

 Wir hätten den Beweis auch gern gehabt, klar. Aber ich bin ja kein Kriminaltechniker. Diese Sender sind sehr klein und werden sehr geschickt versteckt. Das Auto ist nach dem Funktest direkt in unsere Garage gefahren worden, stand dort einige Tage, bis wir einen Werkstatt-Termin hatten. Als der Wagen dann aufgebockt wurde, war nichts mehr zu finden, gefunkt hat auch nichts mehr. Als Laie kann ich nur vermuten, dass man den Sender wieder abgebaut hat. Eine andere Erklärung haben auch unsere Vertrauten bei der Polizei nicht. Die sagen: Montieren und Demontieren ist eine Sache von wenigen Minuten – wenn man weiß, wie es geht.

 Gab es noch andere Hinweise auf Überwachungsmaßnahmen?

 Bei dieser Affäre rechnen wir mit allem, wir waren auch auf eine Hausdurchsuchung vorbereitet. Auch andere Informanten außerhalb der Polizei haben uns zur Vorsicht geraten. Aber gespenstisch und zum Teil filmreif ist vor allem, unter welchen Sicherheitsvorkehrungen sich erfahrene Polizisten mit uns getroffen haben. Die haben richtig Angst aufzufliegen – und sind trotzdem sehr mutig, wollen unbedingt mit uns reden, weil sie die Zustände bei der Landespolizei nicht mehr ertragen können. Und ganz ehrlich: Bei diesem Thema habe auch ich zum ersten Mal in meiner Journalisten-Laufbahn Angst. Weil wir es eben nicht nur mit der Staatsmacht zu tun haben.

 Sondern auch mit Rockern...

 Die in der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich sind. Wenn man die Akten der Rocker-Verfahren liest, dann erfährt man, mit welchen Drohungen in dieser Szene operiert wird. Und ich sage Ihnen: Es ist kein schönes Gefühl, wenn der private Computer eines Reporters plötzlich mitteilt, dass sich da jemand Fremdes eingeloggt hat. So ist es Bastian Modrow nachweislich passiert. Wer Mails von Journalisten mitliest, überschreitet eine rote Linie.

 Erwarten Sie, dass es Konsequenzen gibt?

 Für Konsequenzen an der Spitze der Landespolizei gibt die Affäre meiner Meinung nach schon lange genug Anlass. Erst recht, wenn man überlegt, dass der Leiter der Polizeihochschule schon wegen falscher Kilometerabrechnungen gehen musste. Ich weiß nur: Es gibt nach dem Regierungswechsel einen neuen Ministerpräsidenten und einen neuen Innenminister, und von denen hört man, dass sie sich sehr ernsthaft mit dem Thema Landespolizei befassen.

 Interview: Florian Hanauer

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