21 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Bis über die Grenzen hinaus

Dauereinsatz im Mittelmeer Bis über die Grenzen hinaus

Und plötzlich wird es ganz still. Hunderte Menschen drängen sich in sengender Hitze unter eine Plane auf dem Deck der Fregatte „Schleswig-Holstein“, dort wo sonst die Hubschrauber der Marine landen und starten. Stattdessen sitzen hier nun koptische Christen, die aus Eritrea geflohen sind.

Voriger Artikel
Ermittlerschlag gegen Autoknacker
Nächster Artikel
Wiesen-Schlüsselblume gefährdet und gekürt

Die Rettung kommt per Speedboot: Die Marinesoldaten bringen die Flüchtlinge in Zehnergruppen an Bord der Fregatte und damit nach einer langen Reise in Sicherheit.

Quelle: Bundeswehr

Kiel. Ein Pfarrer ragt aus der Menge hervor. Zaghaft beginnt er zu singen, irgendwann stimmen die Flüchtlinge in das Lied ein. Sie preisen Gott und danken ihren Helfern dafür, dass sie gerettet wurden, aus höchster Seenot auf dem Mittelmeer. Drumherum stehen ihre Retter, die Bundeswehrsoldaten, erschöpft, aber auch andächtig. „Es hat alle berührt“, berichtet Achim Winkler, der die Szene fotografiert hat.

 Das Bild hat sich bei ihm eingebrannt. Sechs Wochen war der Fregattenkapitän und Sprecher des Kieler Marinekommandos als Presseoffizier mit an Bord der Fregatte, die sich seit Juni dieses Jahres mit dem deutschen Tender „Werra“ an der EU-Flüchtlingsmission beteiligt. Winkler, 57, groß, kräftig, grauer Bart, war schon in vielen Krisengebieten dieser Welt unterwegs: Afghanistan, Bosnien, Libanon. Nun hat sich vor seinen Augen das Elend dieser Welt noch einmal in neuer Form offenbart. „Im Vergleich zu vielen Flüchtlingen“, sagt er, „leben wir hier auf einer Insel der Glückseligkeit.“

 Tausende versuchen derzeit, von Nordafrika aus über das Mittelmeer nach Italien zu gelangen. Oft in untauglichen Holzbooten, kaum länger als 15 Meter, völlig überfüllt. Junge, Alte, Eltern mit Kindern, Kinder ohne Eltern. Viele Boote kentern. Hunderte Flüchtlinge sind schon ertrunken. Diejenigen, die es irgendwie schaffen, haben nicht mehr als das, was sie am Körper tragen. „Viele sind barfuß“, sagt Winkler.

 Die Flucht verlangt ihnen viel ab. Aber auch ihren Helfern, sei es den Bundeswehrsoldaten oder den Ehrenamtlichen, die sich auf dem Festland um die Flüchtlinge kümmern und mitunter über ihre eigene Belastungsgrenze hinausgehen. „Natürlich will man helfen angesichts dieser Armut“, sagt der schleswig-holsteinische Flüchtlingsbeauftragte Stefan Schmidt. „Die Helfer dürfen sich aber auch nicht permanent überfordern.“ Die Gefahr ist durchaus groß. Ob über das Mittelmeer oder über Landwege – insgesamt rechnet die Bundesregierung für dieses Jahr mit einer Million Asylbewerbern.

 Wie groß der Ansturm ist, erleben die Marinesoldaten seit Monaten. 8829 Flüchtlinge hat die Bundeswehr seit Mai gerettet. Die Rettungsaktion ist routiniert: Mit Speedbooten fahren sie von zwei Seiten an die überfüllten Holzboote heran, um zu vermeiden, dass dort an Bord Panik ausbricht, sich alle Flüchtlinge auf eine Seite drängen und das Boot zum Kentern bringen. In Zehnergruppen werden sie dann an Bord der Fregatte gebracht, dort registriert und auf Waffen untersucht. Aus Schutz vor Krankheiten tragen die Soldaten Ganzkörperanzüge – trotz der hohen sommerlichen Temperaturen. Ein Rettungseinsatz kann bis zu zehn Stunden dauern.

 Für die Besatzung ist die Mission eine Herausforderung – kräftemäßig wie emotional. „Die Soldaten wissen ja nicht, was auf sie zukommt. Das bringt viel Unsicherheit“, warnte der evangelische Marinepfarrer Ekkehart Woykos in einem Interview. Bereits im Vorfeld der Mission hatte es Kritik gegeben. Die Ausbildung von Soldaten, so hieß es, sei auf einen anderen Zweck ausgerichtet und die Bundeswehr verfüge nicht über die Erfahrung bei einer Katastrophe dieses Ausmaßes.

 Winkler sieht das anders. „Seenotrettung ist für jeden Seemann etwas völlig normales. Punkt“, sagt der Fregattenkapitän. Es könne natürlich nicht ausgeschlossen werden, dass „ein Kollege aus dem Einsatz auch traumatische Erlebnisse mitnimmt“. Bislang sei bei der Rettung aber alles gut gegangen und man sei nicht mit Todesfällen konfrontiert worden. „Mental ist der Einsatz erst einmal kein Thema.“

 Vorsorglich bereitete ein Team aus Psychologen, Militärpfarrern und Islamwissenschaftlern die Crew unterwegs zum Einsatzort mit Gesprächen auf die Mission vor, schilderte die Hintergründe für die Fluchtbewegungen und machte auf kulturelle Unterschiede aufmerksam – etwa auf die Tatsache, dass in einigen Kulturkreisen der Grundsatz „Frauen und Kinder zuerst“ nicht unbedingt immer gelten muss.

 Der Einsatz hat Winklers Blick auf die Flüchtlingsdebatte „intensiviert“, wie er sagt. Er will im November wieder losfahren, dieses Mal für dreieinhalb Monate, Weihnachten zu Hause bei der Familie fällt aus. Stattdessen wird er wieder mit den vielen Emotionen an Bord konfrontiert sein. Denn jeder Gerettete reagiert anders. Mit Freude. Dankbarkeit. Angst. Aber auch Traurigkeit. So wie ein zwölfjähriger Junge bei Winklers letztem Einsatz, der beim Einsteigen auf das Flüchtlingsboot an der libyschen Küste von seinen Eltern getrennt worden war und nach seiner Rettung unbedingt wieder zurück wollte. „Der hat bitterlich geweint“, erinnert sich Winkler. Es ist ein weiteres Bild, was sich bei ihm im Kopf eingebrannt hat.

 Letztendlich ist es aber auch der Anblick der persönlichen Schicksalsschläge der Flüchtlinge, die den Marinesoldaten zu dem Hilfseinsatz motivieren. Er will mit seinem Engagement nicht die ganze Welt retten. „So darf man nicht denken, das kann man alleine nicht“, sagt er. Aber er wolle zumindest einen kleinen Beitrag leisten. „Wenn ich irgendwie helfen kann, dann tue ich das.“

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Jens Kiffmeier
Wirtschaftsredaktion

Sagen Sie es uns!

Vorschläge oder Kritik?
Schreiben Sie
der Redaktion!

Das THW-Magazin

Erfahren Sie mehr!
Einblicke hinter die
Kulissen des THW-Kiel

Anzeige
ANZEIGE
Mehr aus Nachrichten: Schleswig-Holstein 2/3