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Delfine und Seehunde beleben die Ostsee

Faszination Natur Delfine und Seehunde beleben die Ostsee

Vor einem Monat kamen Delfine in die Flensburger Förde: Um „Selfie“ und „Delfie“ ist dank medialer Verbreitung ein bundesweiter Hype entstanden. Auch ein Seehund in der Kieler Förde und verendete Pottwale an der Westküste ziehen die Massen an. Woher stammt diese Faszination Wildtier?

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"Delfine sind sehr emotional besetzt", erklärt Dr. Dirk Brandis die Begeisterung für Zwei "Große Tümmler" in der Flensburger Förde.

Quelle: Benjamin Nolte/dpa

Flensburg/Kiel. Am 8. Februar wurden die beiden Delfine „Selfie“ und „Delfie“ das erste Mal in der Flensburger Förde gesichtet. Experten sprachen von einer Sensation, da „Große Tümmler“ in der Ostsee äußerst selten vorkommen. „Es handelt sich dennoch nicht um Irrgäste“, sagt Dr. Dirk Brandis, Leiter des Zoologischen Museums in Kiel, „sondern vielmehr um Touristen.“ So seien die Delfine gezielt in die baltische See geschwommen. „Die Förden sind nahrungsreich und wir haben einen sehr milden Winter“, erklärt Dr. Brandis. Und Eile ist geboten, um sie zu sehen. Denn "die Chancen dass die Tiere auf lange Sicht in der Flensburger Förde bleiben sind relativ gering", sagt Anja Reckendorf von der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Am Wochenende waren sie bereits nicht mehr in der Innenförde zu sehen.

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Ein von Flensburger Förde (@flensburgerfoerde) gepostetes Foto am


Die Sichtung eines Delfins oder eines anderen Meeresbewohners wird heute schnell zum Phänomen. Ein Post in den sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram oder Twitter reicht aus, und in Windeseile verbreitet sich die Nachricht. „Das kann natürlich auch zu einem Hype führen“, sagt Dr. Brandis, „es entwickeln sich schnell Hysterien.“ In Flensburg waren die Schaulustigen am Hafenausgang am ersten Wochenende nach der Sichtung kaum noch zu zählen: Surfer, Kanuten und Motorboote fuhren zu den Säugetieren hinaus. In der Folge schipperte das Ausflugsschiff „MS Möwe“ regelmäßig zur Delfinschau auf die Förde.

Ein allzu extremes Ausmaß könne die Tiere stressen, bestätigt Dr. Brandis zwar, grundsätzlich habe er aber keinerlei Bedenken gegen einen „gewissen Tourismus“. Vielmehr sehe er es positiv, „dass Menschen sich in die Natur begeben, um Tiere zu sehen.“ Die Faszination Natur und Wildnis kann in Flensburg im Kleinen erlebt werden, ein wenig Abenteuerlust reißt die Menschen aus dem Alltag. „Große Tiere sind dafür immer interessant“, weiß der Museumsleiter auch aus den Erwartungen seiner Besucher. Bestes Beispiel: Die gigantischen Pottwalleichnahme an der Westküste zogen trotz all ihrer Tragik und des beißenden Gestanks ebenfalls Schaulustige an.

Hier sehen Sie Bilder von den gestrandeten Pottwalen vor Dithmarschen.

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Durch seine Quicklebendigkeit machte hingegen ein Seehund auf sich Aufmerksam, der in der Kieler Förde in den vergangenen Wochen immer wieder auf Steinen vor Heikendorf, Falckenstein oder Strande fotografiert wurde. Und natürlich die Flensburger Delfine, die um den Jahreswechsel mutmaßlich auch schon in der Lübecker Bucht für Aufsehen sorgten: „Delfine sind einfach große Sympathieträger“, beschreibt Dr. Brandis, „sie gelten als intelligent und haben scheinbar einen lächelnden Gesichtsausdruck.“ Auch Anja Reckendorf macht eine Vergleichbarkeit zum menschlichen Körper aus: "Sie sind völlig anders als alle an Land lebenden Tiere, und haben doch den gleichen Grundaufbau wie wir." Die Prominenz der Art „Großer Tümmler“, die gar nicht – und erst recht nicht in Europa – die häufigste Delfinvariante ist, hat dabei ausschließlich einen Hintergrund: die beliebten US-amerikanischen Filme und Serien „Flipper“.

Foto: Dieser Seehund zeigte sich in den vergangenen Wochen wiederholt Spaziergängern in Heikendorf.

Dieser Seehund zeigte sich in den vergangenen Wochen wiederholt Spaziergängern in Heikendorf.

Quelle: Simone Kanieß

Laut Dr. Brandis prägen Medien die Wahrnehmung von Wildtieren intensiv, was für Forscher und Tierschützer Fluch und Segen zugleich ist. Sie können ihr Bild verfälschen: „Welche Farbe hat die Honigbiene?“, fragt Dr. Brandis spontan. Die Antwort ist braun, nicht schwarz-gelb wie die Biene Maja. Doch Medien können auch als Korrektiv wirken, wie beim Image des Schwertwals, der lange als Killerwal firmierte, aber seit „Free Willy“ sogar als Kuscheltier verkauft werden kann. Er ist ein naher Verwandter der Flensburger Delfine, deren Bild sich ebenfalls stark gewandelt hat.

"Kieler Kanalschwimmer – erledigt"

So berichtet Dr. Brandis von einer Berichterstattung der „Kieler Neuesten Nachrichten“, Vorgängerzeitung der Kieler Nachrichten, aus dem Jahr 1929. Darin wurde ein „Großer Tümmler“ im heutigen Nord-Ostsee-Kanal als „Kieler Kanalschwimmer“ berühmt. Nur wenig später folgte die Überschrift: „Kieler Kanalschwimmer – erledigt“. Berufsfischer hatten das Tier offiziell als Konkurrenz jagen dürfen. Angesichts der heutigen Begeisterung für Delfine und Seehunde undenkbar.

Doch auch die Aufregung um "Selfie" und "Delfie" könnte sich schnell wieder erledigt haben: Am Montag wurde bekannt, dass während der Wochenendfahrten der "MS Möwe" keine Delfine gesichtet wurden. In dieser Woche ist das Schiff darüber hinaus zunächst in der Werft, wie Eignerin Gisela Landahl bestätigte. "Wir wollen es dann am Wochenende noch einmal versuchen, jeweils um 12, 14 und 16 Uhr", gibt sie sich aber optimistisch. Die Delfine könnten sich durchaus weiter außen in der Förde aufhalten. Wildtiere seien eben nicht buchbar.

Infos zur Dauerausstellung „Wale in Schleswig-Holstein“ im Zoologischen Museum Kiel finden Sie hier. Einen Ratgeber zu Wal- und Delfinführungen empfiehlt Anja Reckendorf hier.

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Ein Artikel von
Niklas Wieczorek
Lokalredaktion Kiel/SH

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Walforscher Prof. Boris Culik und Freizeitfischer Gerhard Grundl brechen Montagmittag mit dem Boot „Arvor“ in Möltenort zu den Delfinen in der Kieler Förde auf. Ein Fotos, das sie schießen, belegt, dass es sich tatsächlich um die großen Tümmler Selfie und Delfie handelt.

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