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Vor 35 Jahren: Selbstjustiz mit einer Zeugin

Fall Bachmeier Vor 35 Jahren: Selbstjustiz mit einer Zeugin

Der Fall Bachmeier hat inzwischen Geschichte geschrieben. Vor 35 Jahren übte Marianne Bachmeier Selbstjustiz, indem sie den Mörder ihrer Töchter im Verhandlungssaal erschoss. Journalistin Barbara Kotte war damals vor Ort und erinnert sich noch genau an den Tag, der ihr Leben veränderte.

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Wurde als Racheengel verehrt: Marianne Bachmeier suchte die Öffentlichkeit und setzte sich in Szene – auf der Anklagebank im Lübecker Landgericht (Foto) ebenso wie in den Medien.

Quelle: dpa

Lübeck. Barbara Kotte kommt kurz vor 9 Uhr in den Schwurgerichtssaal des Landgerichts, legt ihre Sachen auf dem Pressetisch ab, geht noch einmal in den Vorraum, denn die Gerichtsverhaltung verzögert sich. Kurz darauf verfolgt Barbara Kotte, wie Marianne Bachmeier (30), die als Nebenklägerin auftritt, in einem weiten schwarzen Mantel in den Gerichtssaal geht. „Hier ist ja noch alles ganz leer“, sagt die dunkelhaarige Frau und dann verlässt auch sie noch einmal den Saal. Wenig später wird der Angeklagte von Justizbeamten hereingeführt: Klaus G. nimmt auf der Anklagebank Platz. Dann passiert das Unfassbare. „Marianne Bachmeier ist in den Saal zurückgekehrt, ich bin auch hineingegangen, habe dieses klopfende Geräusch gehört, habe automatisch mitgezählt, obwohl ich das noch nicht als Schussgeräusch identifiziert hatte“, erinnert sich Barbara Kotte (75), „und dann habe ich die Pistole gesehen, habe erfasst, wie G. in der Bank zusammensackt, wie Marianne Bachmeier mit einer fast lässigen Handbewegung die Waffe auf den Boden geschleudert hat.“ Sie ist auch ganz ruhig, als sie von den Justizbeamten abgeführt wird."

"Barbara Kotte muss den Saal verlassen. Im Flur sieht sie Christian B., der als Vater des toten Mädchens Anna gilt. Er strahlt: „Sie hat es getan, sie hat es wirklich getan.“ Barbara Kotte darf jetzt ihre Sachen aus dem Saal holen, dann sucht sie ein Telefon. Doch der einzige öffentliche Apparat im Gebäude ist belagert. Sie läuft ins nächste Café. „Sie zittern ja, ich schenk Ihnen erst mal ‘nen Cognac ein“, sagt die Wirtin. Dann gibt Barbara Kotte am Telefon ihren ersten Bericht durch – live in den Zehn-Uhr-Nachrichten des NDR. Es folgen noch viele Berichte an diesem Tag, Berichte für Kottes Auftraggeber wie die Kieler Nachrichten und die Deutsche Presseagentur. Aber schon kommen Anfragen aus dem ganzen Bundesgebiet. Denn jetzt steht fest: G. ist tot."

Foto: Wurde Zeugin eines spektakulären Falls von Selbstjustiz: Barbara Kotte.

Wurde Zeugin eines spektakulären Falls von Selbstjustiz: Barbara Kotte.

Quelle: Frank Peter

"Während die Todesschützin fast emphatisch in der Bevölkerung verteidigt wird und in kürzester Zeit 100000 Mark für ihre Verteidigung bereitgestellt werden, wird Barbara Kotte zur Mordkommission bestellt: Sie ist nun Zeugin und als solche darf sie bis zur Aussage vor Gericht nicht mehr über den Fall berichten. Für die freie Journalistin brechen eine berufliche Chance und Einnahmequelle weg. Erst am 13. Verhandlungstag wird die Zeugin Kotte im Prozess gegen Bachmeier aufgerufen."
"Was sie dann erlebt, bestätigt sie in der Einschätzung, dass dies kein Schwarz-Weiß-Kriminalfall ist. Schon im Prozess gegen G. hatte sich abgezeichnet: Der Angeklagte, der sich nach seiner Verurteilung wegen Sexualstraftaten freiwillig hatte kastrieren lassen, hatte nach der Freilassung eine Hormonbehandlung erhalten. Ohne diese Behandlung könne die kleine Anna wohl noch leben, hatte ein Kriminalpsychiater gesagt. Auch Bachmeiers Anwalt Uwe Maeffert, sieht eine schuldhafte Verstrickung der Justiz, sowohl bei der Tötung Annas wie bei der Tat ihrer Mutter: „Sozusagen unter den Augen der Justiz konnte er seinen Sexualtrieb reaktivieren."

 Marianne Bachmeier selbst sagt aus, sie habe es nicht länger ertragen, dass der Angeklagte das Bild ihrer Tochter in den Schmutz gezogen habe. Tatsächlich hatte G. behauptet, Anna habe ihn zur Tat getrieben, weil „sie ihrer Mutter erzählen wollte, dass er sie gestreichelt habe“. Aber das Bild der liebenden Mutter bröckelt vor Gericht: Marianne Bachmeier, die früh aus ihrem tief religiösen, autoritären Elternhaus ausbrach, hatte mit 16 und 18 Jahren bereits Babys zur Welt gebracht und sie zur Adoption freigegeben. Und es gibt Hinweise, dass sie auch Anna nach der Geburt weggeben wollte."
"Marianne Bachmeier wird 1983 zu sechs Jahren Haft verurteilt: Das Gericht sieht einen Vorsatz, lässt aber mildernde Umstände gelten."
"Nach drei Jahren kommt sie vorzeitig frei, geht nach Afrika, dann nach Sizilien, arbeitet in einem Hospiz. 1996 stirbt Marianne Bachmeier mit 46 Jahren. Bis zum Ende erhält sie Zustimmung für ihre Tat. Barbara Kotte, die heute ehrenamtlich die Kieler Tafel mitverantwortet, sieht das anders. „Es wäre wichtig gewesen, die Tötung der kleinen Anna aufzuklären. Das hat Bachmeiers Selbstjustiz verhindert.“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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