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Kampf gegen Trauer und den Deo-Rausch

Der Fall Judith Kampf gegen Trauer und den Deo-Rausch

Der Tod einer 13-jährigen Schülerin aus Kronshagen, die beim Schnüffeln von Treibgasen aus Deo-Sprays erstickt war, schockierte Eltern in ganz Deutschland. Politik, Kinder- und Verbraucherschützer forderten lautstark Konsequenzen. Ein halbes Jahr später sind all die Pläne und Appelle in Vergessenheit geraten.

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Nach dem Tod ihrer Tochter haben Marco und Ramona E. eine Mission: Die Kronshagener wollen andere Eltern auf die Gefahren des Deo-Schnüffelns aufmerksam machen.

Quelle: Frank Peter

Kronshagen. Statt mehr Aufklärung in Schulen und einer Verpflichtung für Hersteller von Deodorants, Warnhinweise auf Sprühdosen zu drucken, wie es die Politik und Verbraucherschützer damals forderten, ist nichts passiert. Allein Judiths Eltern kämpfen weiter – gegen die tödlichen Gefahren von Deo-Sprays und mit der Trauer, das eigene Kind verloren zu haben.

 Das Bett in dem Jugendzimmer ist frisch bezogen. Der Teppich ist gesaugt, die Fensterbretter neben den Topfpflanzen gewischt. Es hängen noch immer dieselben Fotos und Zeichnungen des Mädchens an den Wänden. Rucksack, Schminktasche, Bücher und Blöcke liegen noch immer an derselben Stelle wie vor einem halben Jahr. „Eigentlich müsste doch nur die Haustür aufgehen, Judith hereinkommen und wieder in ihr Zimmer gehen“, sagt Ramona E. Doch die 41-Jährige weiß, dass das nie mehr so sein wird. Sein kann. Am Morgen des 5. März hatte sie ihr Kind leblos in dem Zimmer gefunden, neben dem Schreibtisch, auf dem Fußboden. Beim Versuch, sich mit Deo-Treibgasen zu berauschen, war die 13-Jährige erstickt. Von dem lebensgefährlichen Inhalieren von Sprays hatte sie ihrer Familie nie etwas erzählt. Der hohe Verbrauch von Deodorants und Nagellackentferner, das Klagen über Kopfschmerzen in den Wochen vor dem Tod – all das ergab für die Eltern und Geschwister der Schülerin erst im Nachhinein einen Sinn.

 „Es gibt solche Tage, an denen man das Schicksal, den Tod unserer Kleinen, besser annehmen kann“, sagt Vater Marco. „Aber es gibt eben auch andere.“ Solche wie heute, an denen es draußen gar nicht richtig hell wird, kalter Regen an die Fenster klatscht. An denen die Gedanken kreisen, der Verlust die Eltern sichtbar schmerzt. „Zum Glück können wir uns in solchen Momenten gegenseitig auffangen und stützen“, sagt der 51-Jährige. Das mache den Verlust erträglicher. „Was am Ende aber immer bleibt, ist dieses Gefühl, dass wir nicht richtig Abschied von Judith nehmen konnten.“ Der Schnüffeltod hat das Kind aus der Mitte der Familie gerissen. Ohne Vorwarnung, ohne Vorzeichen. Dass die Polizei bei der Auswertung von Judiths Mobiltelefon keine einzige Nachricht gefunden hat, in der sie über ihre Sucht schreibt, dass in keinem Internet-Protokoll ein Link zu einschlägigen Web-Foren verzeichnet war, beruhigt die Eltern. Einerseits. „Selbst ihre Freundinnen wussten nichts davon“, sagt Ramona E. Andererseits bestätigt es Vater und Mutter darin, dass irgendjemand Judith auf die falsche Spur gebracht haben muss. „Schnüffeln probiert man nicht einfach aus, das muss ihr jemand erklärt haben“, sagt die 41-Jährige.

 Nein, einen Schuldigen wolle sie nicht ausmachen. Das würde ihr die geliebte Tochter auch nicht zurückbringen. „Wir wollen nur, dass die tödlichen Gefahren nicht unterschätzt werden, dass andere Eltern auf ihre Kinder Acht geben – und unsere Judith nicht umsonst gestorben ist.“ Nachdem die Eltern im Frühjahr öffentlich über den Tod ihrer Tochter berichtet hatten, meldeten sich andere Betroffene. „Wir wissen von einer Familie, deren Au-pair-Mädchen ebenfalls Deos schnüffelte, in einem anderen Fall wurde eine Großmutter auf das Inhalieren von Treibgasen ihrer Enkelin aufmerksam“, berichtet Ramona E. Fälle, die die Familie aus Kronshagen bestärken, auf ihrer Mission bestätigen. „Je mehr man sich im Internet umschaut, umso mehr Beispiele findet man von Kindern und Jugendlichen, die sich offen in Foren über das sogenannte Deo-Ziehen austauschen“, erzählt Vater Marco.

 Auf dem Friedhof, am Grab des Mädchens, haben die Eltern einen Briefkasten aufgestellt. „Viele Freundinnen von Judith können den Verlust noch nicht fassen, schreiben unserer Tochter Botschaften und Gedanken“, sagt Ramona E. Auch auf Judiths Handy, das noch immer eingeschaltet und erreichbar ist, kommen regelmäßig SMS und Whatsapp-Nachrichten von Bekannten der 13-Jährigen an. „Es ist ein Ventil, die Erinnerungen am Leben zu halten“, ist die 41-Jährige überzeugt. Ein Ventil, das auch ihr hilft. Unter einer Eisenbahnbrücke haben Freunde ein Grafitti für das tote Mädchen gesprüht, stellen regelmäßig Kerzen für Judith auf.

 „Und Papst Benedikt XVI. hat für unsere Judith gebetet“, erzählt Marco E., dessen Bruder katholischer Pfarrer ist und seit seiner geistigen Lehre bei Joseph Ratzinger Verbindung zu dem emeritierten Papst gehalten hat. „Im Sommer hat mein Bruder Felix Benedikt XVI. besucht, ihm vom Schicksal unserer Kleinen berichtet“, erzählt der 51-Jährige und zeigt auf ein vom Papst signiertes Bild seiner Tochter. Auch das bringt die vermisste Tochter nicht zurück. Aber es hilft in schweren Momenten. Auch die kurzen Videoschnipsel auf dem Handy der Tochter, auf denen sie lacht und singt, spenden Trost. Und wenn all das nicht hilft, „dann“, sagt Mutter Ramona, „dann gehen wir in Judiths Zimmer, denken an sie und sind ihr nah.“

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Kommentar

In Schleswig-Holstein formiert sich ein parteiübergreifendes Bündnis für eine Bundesratsinitiative, um Hersteller zum Abdrucken von Warnhinweisen auf Deo-Flaschen zu verpflichten. Das ist ein gleichermaßen sinnvoller und notwendiger Schritt, der nur zu begrüßen ist.

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