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Wettrennen um die besten Abi-Noten

Deutschlandweit Wettrennen um die besten Abi-Noten

Deutschlands Abiturienten haben 2016 einen besseren Notendurchschnitt erreicht als ihre Vorgänger vor zehn Jahren. Bei der Gewerkschaft der Gymnasiallehrer ist man trotzdem nicht erfreut.

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Wird das Abitur immer einfacher? Gymnasiallehrer und die Opposition im Landtag schlagen Alarm.

Quelle: Armin Weigel

Kiel. „Ich bin keiner, der den Schülern gute Noten nicht gönnen würde“, sagte Heinz-Peter Meidinger, Chef des Bundes-Philologenverbands in Berlin. „Aber es hat sich so eine Art Wettlauf der Länder um die besten Noten etabliert, und der muss irgendwie gestoppt werden.“ Bessere Leistungen jedenfalls stünden in der Regel nicht dahinter. Schleswig-Holsteins Abiturienten liegen zwar ebenfalls um 0,13 Punkte besser als 2006, rangieren mit einem Schnitt von 2,50 aber am unteren Ende der bundesweiten Skala.

 Niemand könne ernsthaft behaupten, dass Deutschlands Schüler signifikant fleißiger geworden seien, stellte der Pädagoge Meidinger fest. Stattdessen verwies er auf Entscheidungen in den Kultusministerien – indem mündliche Noten aufgewertet und Regularien verändert wurden, damit manche Leistung nicht mehr ins Abi einfließen muss. Dies alles sei eine „gigantische Fehlsteuerung“. Zustimmungen zu umstrittenen Entscheidungen im Bildungsbereich erkaufe sich „die Politik gerade am Gymnasium und beim Abitur, indem sie Notenberechnungs- und Prüfungssysteme aufweicht“. Man sollte die Abitursysteme angleichen. „Aber dazu fehlt offenbar der politische Wille.“

 Um vor allem für die Vergabe von Studienplätzen mit Numerus Clausus eine Vergleichbarkeit herzustellen, regte der Verbandschef an, einem Vorschlag des Spiegel-Autors Bijan Moini zu folgen: Auf dem Zeugnis sollte neben der Durchschnittsnote auch der Rang des Abiturienten im Vergleich zu anderen Landesabsolventen festgehalten werden. „Dass ein Einser-Abitur in einem Bundesland oder Jahrgang leichter zu erreichen ist als in einem anderen, hätte dann auf die Studienzulassung keine Auswirkung mehr. Schleswig-Holstein würde davon profitieren.“ Die Kieler Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) entgegnete, dass man in der Kultusministerkonferenz „seit Jahren“ an einer besseren Vergleichbarkeit der Abschlüsse arbeite. Darüber hinaus sei der Norden gemeinsam mit Niedersachsen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Bayern einen Schritt voraus und setze länderübergreifende Aufgaben im Abitur ein. „Im Übrigen gelten bei der zentralen Studienplatzvergabe Landesquoten“, sagte Ernst.

 Die Landtagsabgeordnete Heike Franzen (CDU) forderte dagegen, den „Trend zum Billig-Abi“ zu stoppen: „Vereinheitlichung darf nicht Vereinfachung auf niedrigstem Niveau heißen.“ Ihre FDP-Kollegin Anita Klahn sah das ähnlich. Schleswig-Holstein habe „ja leider das Niveau abgesenkt und dem Druck nachgegeben“. Die Länder müssten sich auf ein einheitliches Vorgehen verständigen, welche Leistungen einzubringen sind. Rechtschreibung gehöre dazu. Klahn: „Dann wäre auf einfachem Weg etwas für die Vergleichbarkeit getan.“

 Ramsch-Abi? Anke Erdmann (Grüne) wunderte sich. „Es fällt auf: Unverbunden stehen nebeneinander die Klage über einen steigenden Leistungsdruck beim Abitur und die Klage über einen Standardabfall. Das passt doch nicht zusammen.“ Im Übrigen funktioniere eine Zentralisierung nicht auf Fingerschnippen. Martin Habersaat (SPD) hob hervor, dass man weiter an der Bildungsgerechtigkeit arbeiten werde: „Dass der Philologenverband dabei kein Partner sein will, ist schade.“

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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