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Spiegelfisch und andere Versprecher

Deutschunterricht Spiegelfisch und andere Versprecher

Die Deutsche Sprache ist gemein. Ein Fluch für Flüchtlinge. Sollte man meinen. Andreas Kunz, der selbst zehn Fremdsprachen spricht, vermittelt etwas anderes. Sein Programm könnte glatt als Stand-up-Comedy durchgehen, ist aber ein Deutschkursus für Asylsuchende in der Unterkunft in Boostedt.

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VHS Deutschunterricht mit Andreas Kunz (46) in der Landesunterkunft Boostedt

Quelle: Frank Peter

Boostedt. Zwei Wochen lang werden die Neuankömmlinge unter der Regie des Landesverbandes der Volkshochschulen in die neue Sprache in Wort und Schrift eingeführt. Dass dies unterhaltsam und zugleich professionell gelingen kann, zeigt der 46-jährige Deutschlehrer auf eindrucksvolle Weise.

„Was kochst Du?“, lautet seine Unterrichtsfrage. „Ich koche Reis“, antwortet Silvana vorbildlich. Dem grauhaarigen Asad Bker fällt die Antwort schon schwerer: „Ich koche Fisch mit Spiegel“, sagt er nuschelnd. Lehrer Kunz stutzt. „Was ist Spiegel?“ Asad rutscht unruhig auf seinem Sitz hin und her: „Spiegelfisch?“, fragt der Syrer und deutet wild gestikulierend ein Pfannengericht an. Kunz muss herzlich lachen und mit ihm alle 20 Flüchtlinge im Raum. Am Ende der Übungseinheit hat Asad es drauf. „Ich koche Fisch mit Spiegelei“, lässt er wissen und Kunz lobt ihn. Dass alle anderen sein Gericht lustig finden, stört Asad nicht. Denn jetzt hat er nicht nur einen neuen Satz gelernt, sondern die Sympathien auf seiner Seite.

Ein anderer Syrer namens Mahmood erzählt später, dass ein solch kommunikativer Unterricht in seinem Land sehr ungewöhnlich sei. „Bei uns wird Frontalunterricht gemacht. Der Lehrer doziert und die anderen hören zu“, berichtet der 60-Jährige auf Englisch. Die 19-jährige Nadeema aus dem Irak bestätigt das auch für ihr Land. Aber beiden ist der Stil von Andreas Kunz viel lieber. Der Dozent läuft in dem großen hellen Unterrichtsraum auf und ab, spricht in klaren einfachen Sätzen auf Deutsch und immer wieder in der Brückensprache Englisch. Er kann nachfühlen, wie schwer seinen Schülern die lateinische Schrift fällt, denn er selbst lernt gerade umgekehrt Arabisch, seine elfte Fremdsprache. Unter den Flüchtlingen ist der Wissensstand sehr unterschiedlich, daher gibt es einen extra Kursus für Analphabeten; aber auch in dem von Kunz sitzen Professoren, Handwerker und Ungelernte an einem Tisch. Darauf stellt sich der Lehrer ein: „Das hier ist ein Willkommenskurs. Die Leute haben einfach zweieinhalb Stunden Spaß, das motiviert und so lernen sie einige deutsche Sätze“, sagt er. „Nach zwei Wochen können sie sich selbst vorstellen, sagen wo sie herkommen und ihren Namen buchstabieren.“

Aber es gebe noch viel mehr zu ermitteln als nur Sprache, berichtet Maren Dickmann, die die Kurse in Boostedt für die VHS leitet. Den Asylbewerbern werde auch kulturelles Rüstzeug mitgegeben. Sie erfahren, dass man sich zur Begrüßung die Hand gibt, dass man hier mit Messer und Gabel isst und nicht mit den Händen, sie lernen, dass man pünktlich zu einem Termin erscheint und wann man jemanden Duzt oder Siezt. „Und wir sagen ihnen, dass es draußen nicht nur Menschen gibt, die ihnen gut gesonnen sind. Je weniger Angriffsfläche sie bieten, umso besser ist es.“ Für die Flüchtlinge sind die Deutschkurse freiwillig. Etwa 80 Prozent der derzeit 800 Bewohner in der Boostedter Unterkunft nutzen das Angebot. Zum Start bekommen sie einen Beutel mit Bleistift, Block und ein Übungsheft. Andreas Kunz geht aber nicht streng nach diesem Lehrbuch vor. Nach einer Pause geht es in seinem Unterricht weiter mit dem Thema Aktivitäten: „Was machst du?“, spricht er jeden mit Vornamen an. Alle Antworten werden frotzelnd, aber nett kommentiert und die Lernenden zu einem Kurzdialog animiert. Richtig in Schwung kommt Kunz, als die Irakerin Salma (28) behauptet: „Ich spiele Fahrrad.“ Kunz macht in der Mitte des Raumes ein Karten- und Tennisspiel vor und tanzt dann um ein imaginäres Fahrrad „Nein, nein“, sagt er und schwingt seinen Zeigefinger: „Fahrradspielen geht nicht“. Die meisten, die eben noch Sätze von der Tafel in ihre Blöcke kritzelten, beginnen zu kichern. Nicht das erste Mal an diesem Vormittag.

Um 11.30 Uhr ist der Deutschkursus für heute zu Ende. Dreimal 45 Minuten haben die Flüchtlinge hinter sich. Sie alle verlassen vergnügt und gesprächig den Unterrichtsraum. Nur einer ist erschöpft. Andreas Kunz.

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Ein Artikel von
Karen Schwenke
Lokalredaktion Kiel/SH

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