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Diabetes Typ 1 trifft immer mehr Kinder

Weltdiabetes-Tag Diabetes Typ 1 trifft immer mehr Kinder

Ella, Sina und Leo verbindet ein kleines Detail. Und es unterscheidet sie von anderen. Ihre Bauchspeicheldrüse produziert kein Insulin. Heute, am Weltdiabetes-Tag, wollen die drei Schüler aus Kronshagen auf ihre Krankheit aufmerksam machen.

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Den Insuli-Pen immer griffbereit: Sina Sievertsen (12)

Quelle: Frank Peter

Kronshagen. „Es gibt zu viele Vorurteile über Diabetes“, sagt der 17-jährige Leo Benk. „Es stimmt zwar: Unser Alltag ist komplett anders, und wir gelten als schwerbehindert. Aber wir fühlen uns nicht so, und wir möchten auch nicht so behandelt werden.“

 Die zwölfjährige Ella Dotzer aus Kronshagen bei Kiel ist ein zierliches Mädchen. Doch zimperlich ist sie nun wirklich nicht. Gerade kommt sie von der Schule nach Hause, schon zückt sie ihre Diabetes-Tasche, holt die Lanzette heraus und sticht sich in den Mittelfinger. Den ersten Blutstropfen tupft sie ab, dann hält sie den noch blutenden Finger unter ihr Messgerät. „Alles okay“, stellt sie fest. Das war die dritte Blutzuckermessung dieses Tages. Mindestens vier weitere folgen. Die erste nach dem Aufwachen, die letzte vor dem Schlafengehen – und manchmal sogar noch nachts. Immer, wenn Ella etwas essen möchte, muss sie sich Insulin in die Bauchdecke spritzen. Zusammen sind das um die zwölf Körperverletzungen pro Tag. Außerdem muss sie beim Essen, Bewegen, Schlafen – bei fast allem, was sie tut – für den richtigen Blutzuckerspiegel sorgen. Für Ella und mehr als 1000 andere Kinder mit Diabetes Typ 1 in Schleswig-Holstein gehört das zum Leben dazu. Jeden Tag, ohne Ausnahme.

 Vor gut einem Jahr bekam Ella ihre Diagnose. Sie war schlapp, verlor an Gewicht und hatte ständig Durst. Ihr Vater, Dr. Hinrik Dotzer, ist zwar Arzt, aber als Orthopäde nicht vom Fach, und erkannte die Dramatik der Situation zunächst nicht: „Ella hatte gerade den Schulwechsel hinter sich – ich dachte einfach, sie wäre ausgepowert“, erinnert er sich. Die Erkrankung sei einerseits ein Einschnitt und erfordere eine Menge Disziplin, andererseits komme Ella inzwischen gut damit klar: „Sie kann alles essen und von der Klassenreise bis zum Sport alles machen.“

 Prof. Martin Holterhus, Leiter der Kinderdiabetologie am UKSH in Kiel, erklärt das Dilemma: „Wir wollen die Kinder stärken und ihnen natürlich die Partizipation am Leben ermöglichen.“ Daher sei es wichtig, nicht die Probleme herauszustellen. „Aber es führt dazu, dass die Krankheit massiv unterschätzt wird. Bei Vergleichen mit Kindern, die an einem Herzfehler oder Leukämie leiden, fällt das zuckerkranke Kind immer hinten runter, obwohl es im Alltag schwer belastet ist.“

 Die meisten Familien leisten nach Ansicht des Arztes Großartiges. Dennoch treten im Alltag eben Probleme auf – oft in Kita oder Schule. Um die Bedingungen zu verbessern, sind Hinrik Dotzer und rund 60 weitere Eltern in dem Förderverein für Kinder und Jugendliche Kiel e.V. organisiert. Sie lassen unter anderem Lehrer und Erzieher von der Kieler Diabetes-Beraterin Nicole Lindemann schulen. Eine Aufgabe, die von den Kliniken und Krankenkassen nicht übernommen wird. „Die meisten Erwachsenen haben Angst, dass ein Notfall passiert“, berichtet die Fachfrau und kann sofort beruhigen: „Ich arbeite seit zehn Jahren mit diesen Kindern, das ist mir aber noch nie passiert.“

 Und genau hier liege die Herausforderung der Krankheit: Den schmalen Grad zwischen einer Über- und Unterzuckerung auszubalancieren. Beides kann im schlimmsten Fall zur Bewusstlosigkeit führen, doch vorher haben die Kinder ein gutes Warnsystem: „Habe ich zu wenig Zucker im Blut, werde ich zittrig und kriege Heißhunger“, beschreibt Sina (12). Dann isst sie viel und spritzt im Zweifel wieder Insulin, um eine Überzuckerung zu verhindern: „Denn dann wird mir übel und ich muss spucken.“

 Leo Benk (17) sieht das inzwischen sehr gelassen. Er lebt seit zehn Jahren mit der Krankheit und hat mittlerweile die technische Vollausstattung für Diabetiker: Am rechten Arm klebt eine automatische Insulinpumpe in der Größe einer Streichholzschachtel und am linken ein noch kleineres Blutzuckermessgerät. Damit muss er nicht mehr piksen und spritzen wie Ella und Sina. Noch sind die beiden Mädchen skeptisch. Aber Leo ist sich sicher: „Das ist eine gute Perspektive – für alle Diabetiker.“

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