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Die große Kurskorrektur

Diagnose Krebs Die große Kurskorrektur

Der frühere Boxer Artur Lesniak und seine Frau Karin aus Neumünster haben ihren ganz eigenen Weg gefunden, mit der Diagnose Krebs umzugehen. Sie setzen auf basische Ernährung und alternative Medizin. Ärzte raten jedoch zur Vorsicht.

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Ex-Boxer Artur Lesniak und seine Frau Karin haben dem Krebs den Kampf angesagt.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Neumünster. Am Pfingstsonntag nahm er in Bad Malente an einer Radtourenfahrt teil. Das erste Mal seit Langem wieder. Und „nur die kurze Strecke“, berichtet Artur Lesniak, „60 Kilometer“. Spontan und untrainiert habe er sich dazu entschlossen. „Es war ein tolles Gefühl, da mitzufahren, in der Gemeinschaft, und diese Strecke zu bewältigen. Das gibt mir ganz, ganz viel. Nicht nur am Tag selbst. Dieser Flow, der hält mehrere Tage danach noch an“, sagt der 54-Jährige.

Er versuche, „viele Sachen von früher wieder aufleben zu lassen“. Mindestens einmal pro Woche läuft er, 45 bis 90 Minuten, mal sechs, mal zwölf Kilometer. „Mein Yogi-Laufen nenne ich es.“ Das Yoga, das er neu in sein Gesundheitskonzept aufgenommen hat, ist „eines mit sehr vielen Mantra-Übungen. Die versuche ich, aufs Laufen zu übertragen. Um eben nicht nur nach vorne zu hetzen. Geschwindigkeit ist zweitrangig. Ich versuche, auf meinen Körper zu hören.“ Er lächelt. Aus sehr klaren Augen. Merkwürdige Augen. Im einen Moment freundlich, im nächsten traurig, immer wachsam.

Als Jugendlicher war Artur Lesniak über seinen Vater Holger zum Boxsport und zum Neumünsteraner Verein Olympia gekommen, „noch zu Zeiten Peter Weilands“, der 1969 Box-Europameister im Schwergewicht wurde und auch aus Neumünster kam. „Ein unbeschreibliches Gefühl, in den Ring zu gehen“, sagt Lesniak. Im Mittel- bis Schwergewicht wurde er mehrfach Junioren-Landesmeister, einmal Norddeutscher Vizemeister. 1984 nahm er an der Militärweltmeisterschaft in Uganda teil. Im selben Jahr traf ihn ein Gegner an der linken Niere. Damals könnte sich eine Einblutung verkapselt haben, sagte ihm vor Kurzem eine Kieler Ärztin für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM).

Artur Lesniak trainierte bis Anfang der 1990er-Jahre „eine supertolle Jugendmannschaft“ bei Olympia, „Nummer 1 im Boxen in Schleswig-Holstein“. Noch bis November 2013 trainierte er die Boxgruppe im Neumünsteraner Fitnesscenter „Muskelkater“ – einmal pro Woche. Doch wenn der selbstständige Dekorateur von weiten Außendiensttouren in andere Bundesländer zum Training kam, konnte der Druck extrem sein. Aber er hatte die Verantwortung für die Gruppe. Und für eine Patchwork-Familie.

Seit 18 Jahren sind Lesniak und Karin Oesinghaus, Angestellte bei der Techniker Krankenkasse, ein Paar. Im November 2013 waren alle fünf Kinder – ihre beiden Söhne und seine drei Töchter – erwachsen. „Jetzt denken wir ganz an uns und starten noch einmal durch, haben wir uns gesagt“. Sie hatten gerade gebaut, nahe der Ostsee, die sie lieben. „Ein paar Wochen schon hatte ich so ein Schwächegefühl“, erzählt Lesniak über jenen November vor zweieinhalb Jahren, „außerdem geschwollene Lymphknoten am Hals und in der Leistengegend“. Er ging er zu seinem Hausarzt, dieser überwies ihn zur weiteren Untersuchung mittels MRT (Magnetresonanz- oder Kernspin-Tomografie) in die Radiologenpraxis im Friedrich-Ebert-Krankenhaus (FEK) Neumünster. Der Befund – chronisch-lymphatische Leukämie (CLL) und Verdacht auf einen Nierentumor links – haute ihn um. Aber noch vor Weihnachten ging Lesniak für eine Woche ins FEK. Dort wurden ihm die Lymphknoten im Halsbereich entfernt. Eine Assistenzärztin führte eine „schmerzhafte Biopsie im Nierenbereich“ aus, also eine Entnahme von Lebendgewebe, dessen Fein-Untersuchung jedoch keinen Krebsbefund ergab. Im Januar sollte er dennoch kommen, zur operativen Entfernung der linken Niere.

Einfach so weitermachen?

„Die Diagnose – war gemein“, sagt das Paar wie aus einem Mund. „Als ich nach dem ersten Schock am Ende der Woche im Krankenhaus fragte, wie ich denn nun mein Leben umstellen sollte, lächelten der Onkologe und der Urologe und sagten: Einfach so weitermachen.“ Sie wollten ihm die linke Niere entfernen, einfach so, aber hatten keinen einzigen Tipp für ihn? „Das kann’s ja nicht sein, dachten wir.“ Salopp gesagt. Denn in Wahrheit verloren beide mit einem Schlag Vertrauen zur Schulmedizin. Lesniak sagte den OP-Termin ab.

Sie wurden selbst aktiv. Sie stießen auf Ratgeber von Dr. Ulrich Strunz („Frohmedizin“). Sie filterten jede Menge Informationen im Internet. Sie probierten vieles aus. Sie investierten Zeit, Mühe, Energie und Geld. Hausärztliche Laboruntersuchungen bezahlte die Kasse, nicht aber Dunkelfeldmikroskopie, Ozonbehandlung und Baseninfusionen bei einer Heilpraktikerin, auf deren Rat und Hilfe Lesniak bis heute große Stücke hält. Sein Hausarzt, der regelmäßig die Blutwerte kontrolliert, unterstütze ihn trotz anfänglicher Skepsis sehr.

Das Paar nahm eine radikale Kursänderung vor und ein Ziel fest in den Blick: „Das Immunsystem stärken, wo und womit immer es geht. Wir ernähren uns jetzt hauptsächlich basisch: kohlenhydratarm, ohne Milchprodukte. Kein Zucker, außer Birken- oder Kokosblütenzucker und Honig. Kein Mehl. Keine tierischen Produkte, nur Fisch. Nur nicht-verarbeitete Lebensmittel in Bio-Qualität. Mehr Gemüse als Obst, wegen der sekundären Pflanzeninhaltsstoffe und des fehlenden Fruchtzuckers. Wichtig sind die richtigen Fette und Öle, zum Beispiel Leinöl. Und Nahrungsergänzungsmittel, die wir übers Internet bestellen.“ Sie wurden wählerisch und sensibel gegen „all den Mist und Dreck in vielen Lebensmitteln, auch manchen im Bio-Markt“.

Sie – 1,78 Meter groß – nahm im ersten Jahr der Umstellung zehn Kilogramm ab; er – 1,90 Meter – 15 Kilo. Der Verzicht auf Alkohol und Nikotin war für beide selbstverständlich. Eine große Herausforderung bestand darin, Extremstress aus dem gewohnten Leben zu filtern und Hauruck-Aktionen zu unterlassen. Karin Oesinghaus sieht in der „Mäßigung, dem Verzicht auf alles Extreme“ den Schlüssel zum gesunden Leben. Er sagt: „Ich hatte es verlernt, den Ausgleich zu finden.“ Der erste neue Sport nach der Diagnose war „ein schnelles Tippeln mit ganz vielen Pausen“, angeregt durch die Dr. Strunz-Lektüre. Am 29. Juni 2014 trat Lesniak zum ersten neuen Zehn-Kilometer-Volkslauf an. Und hielt durch. „Ein unbeschreiblich schönes Gefühl.“

Zusammenhalt bei Facebook

„Früher war ich gegen Facebook“, sagt Lesniak. „Heute sind wir in zwei geschlossenen Facebook-Gruppen, in denen Betroffene, Ärzte, Heilpraktiker Informationen austauschen. Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen und Mutmachen. Für solche Zwecke ist dieses Medium echt toll.“ Andere zu motivieren wie sich selbst, ist für ihn ein zentral wichtiger Kraftfaktor. „Zum Boxen gehörte immer gute Vorbereitung, und man musste absolut diszipliniert sein – das kann ich jetzt abrufen. Aber ich merke, dass viele das leider nicht hinkriegen. Ich möchte sie ermutigen, selbst aktiv zu werden und sich nicht fallen zu lassen.“

Denn Tiefschläge und seelische Tiefdruckphasen bleiben nicht aus. Die MRT-Kontrolle vor einer Woche gehört in diese Kategorie. Der Radiologe, berichtet Lesniak, habe sich zwar auf die Diagnose Nierenzellkarzinom links festgelegt, zugleich aber eingeräumt, dass dafür das MRT keine hundertprozentige Gewissheit biete, und zu einer operativen Abklärung geraten. Doch Lesniak will nicht. Das Misstrauen sitzt zu tief, die Sehnsucht nach Unversehrtheit ist stark, und nach allem, was er weiß, ist die elf bis zwölf Zentimeter große Auffälligkeit an seiner Niere seit dem Erstbefund im November 2013 nicht größer geworden.

„Wenn meine Karin nicht wäre, wäre ich nicht mehr da“, sagt er. Im Sommer 2015 heirateten sie in Dänemark. „Dänemark ist unsere zweite Heimat, da sind unsere Kinder groß geworden, in der Nähe Sonderborgs haben wir oft gecampt.“ Man höre oft aus Krebsgruppen, dass einige dankbar seien für die Erkrankung, weil diese sie vieles gelehrt hätte. „So weit würde ich nicht gehen“, sagt Artur Lesniak. „Aber ich würde die Frage, ob ich mein altes Leben zurückhaben möchte, mit Nein beantworten.“

Das sagen die Ärzte

Wirkt basische Ernährung gegen Krebs? „Leider gibt es in der Ernährungsmedizin wenige kontrollierte, groß angelegte Studien, die solche anti-proliferativen Effekte belegen“, erklärt Prof. Dr. med. Matthias Laudes, Bereichsleiter Ernährungs-und Stoffwechselmedizin im Exzellenzzentrum Entzündungsmedizin, UKSH Kiel. „Es gibt aber sehr wohl Daten, dass negative Effekte zu erwarten sind, wenn durch eine solche radikale Diät und eine damit verbundene verminderte Kalorienzufuhr das Körpergewicht sinkt.“

PD Dr. med. Jutta Hübner, Vorsitzende der AG Prävention und Integrative Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft in Berlin: „Eine Umstellung der Kost auf basisch gehört leider zu den Mythen. Es gibt keinen Beleg, dass so etwas sinnvoll ist. Vielen Patienten geht es gut, wenn sie etwas aktiv tun. Man muss aber sehr vorsichtig sein, denn Nahrungsergänzungsmittel können auch schaden. Die Ansichten von Herrn Strunz halten wir aus wissenschaftlicher Sicht für problematisch.“ Ein ausgezeichnetes Buch über Nahrungsmittel gegen Krebs sei „Krebszellen mögen keine Himbeeren“ zweier kanadischer Mediziner.

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Ein Artikel von
Christian Trutschel
Lokalredaktion Kiel/SH

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