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Wenn der Arzt nicht mehr helfen kann

Diskussion zur Sterbehilfe Wenn der Arzt nicht mehr helfen kann

In Würde und ohne Qual sterben dürfen, wenn die Schmerzen unerträglich werden – das wünscht sich die meisten Bundesbürger. Doch auf ihren Arzt könnnen sie dabei nicht bauen. Der Paragraph 217 sorgt dafür, dass Mediziner mit einem Bein im Gefängnis stehen, wenn sie helfen, selbst aus dem Leben zu scheiden.

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Prof. Jochen Taupitz hält es für eine Katastrophe, dass Ärzte, die Schwerkranken den Wunsch nach einem assistierten Suizid erfüllen wollen, ein Strafbarkeitsrisiko eingehen.

Quelle: Deutscher Ethikrat

Kiel. Der Paragraf im Strafgesetzbuch sollte organisierten Sterbehilfe-Vereinen die Grundlage entziehen. Doch er trifft auch den Hausarzt oder Palliativmediziner, der seinem sterbenskranken Patienten ein selbstbestimmtes Ende ermöglicht. Juristen wie Prof. Jochen Taupitz fordern deshalb dringend Rechtssicherheit für Ärzte bei der assistierten Sterbehilfe. Wohlgemerkt: Es geht dabei nicht um aktive Sterbehilfe, also die Giftspritze, die der Arzt setzt. Es geht um assistierte Sterbehilfe: Der Arzt gibt dem Patienten, der auch nach ausführlicher lebensbejahender Beratung sein Leben beenden will, ein Medikament, das der Patient selbst einnimmt. Alles muss dokumentiert werden, und es darf kein Geld fließen.

 Taupitz, Direktor des Instituts für Medizinrecht der Universitäten Heidelberg und Mannheim und bis April 2016 stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Ethikrats, ist dabei wichtig, dass kein Arzt zum assistierten Suizid verpflichtet wird. „Es bleibt immer seine Gewissensentscheidung. Aber wir sollten dafür sorgen, dass jeder einen vertrauensvollen Ansprechpartner finden kann, wenn ein Weiterleben unerträglich erscheint.“ Wenn ein Arzt heute so handelt, geht er ein erhebliches Strafbarkeitsrisiko ein. Taupitz hält das für eine Katastrophe.

 Paragraf 217 stellt die „geschäftsmäßige (auf Wiederholung angelegte) Förderung zur Selbsttötung“ unter Strafe. „Stellt ein Palliativmediziner einem sterbenskranken Patienten auf dessen ausdrücklichen Wunsch einen Becher mit einem Medikament ans Bett, kann schon das erste Mal als geschäftsmäßiges Handeln eingestuft werden. Denn es ist davon auszugehen, dass dieser Arzt in einer vergleichbaren Situation anderen Patienten auch helfen würde“, erklärt Taupitz.

 Die Folgen: „Menschen werden sich in dieser Situation tunlichst nicht an ihren Arzt wenden, sondern sich vor einen Zug werfen oder eine andere schreckliche Art des Suizids wählen. Oder sie bitten einen Angehörigen, denn diese bleiben im Gegensatz zum Arzt straffrei, weil bei Ihnen kaum Wiederholungsabsicht in Betracht kommt.“ Doch Angehörige können nur bestimmte Medikamente besorgen und es ist nicht sicher, ob die Selbsttötung damit überhaupt klappt. Und selbst wenn, können sie nicht absehen, wie sehr und wie lange sich der Sterbende quälen muss. Kritiker des neuen Paragrafen finden das unwürdig.

 Zudem stellen sie sich weitere Fragen: Was ist, wenn der Patient sich nur deshalb töten will, weil er seiner Familie nicht zur Last fallen will? Und was ist, wenn Angehörige einen Menschen in die Selbsttötung treiben, um ans Erbe zu kommen? „Mit der neuen Regelung werden solche Fälle nicht verhindert“, sagt der Medizinjurist.

 Andererseits kann man fragen, ob eine vom Arzt assistierte Selbsttötung nicht jene ausschließt, die sich nicht mehr bewegen können und nicht mehr den Becher mit dem todbringenden Medikament zum Mund führen können. Wird ihnen die Chance auf ein selbstbestimmtes Ende genommen? „Nein, alle Fachleute versichern, dass es über Apparaturen heute möglich ist, selbstbestimmt etwa über die Bewegung der Augen den entscheidenden Schritt auszulösen. Dass Ärzte einem Patienten das Medikament selbst einflößen, darf nicht passieren. Dann würden wir die Grenzen zur Euthanasie überschreiten.“

 Dass eine vom Arzt assistierte Selbsttötung eine Suizidwelle auslösen würde, glaubt der Medizinjurist nicht. „Wir wissen aus anderen Ländern, dass allein die Möglichkeit des assistierten Suizids Menschen eine große Angst nimmt, weil er einen würdigen, schmerzfreien allerletzten Ausweg eröffnet.“

Experten diskutieren: Selbstbestimmung bis zum Ende

„Sterbehilfe?! Selbstbestimmung zwischen Leben und Tod“ – unter dieser Überschrift lädt die Schleswig-Holsteinische Rechtsanwaltskammer am Donnerstag, 17. November, um 18 Uhr zu einer Podiumsdiskussion in das Kieler Landeshaus, Düsternbrooker Weg 70, ein.

Neben dem Medizinjuristen Prof. Jochen Taupitz werden Dr. Thomas Sitte, Palliativmediziner und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Palliativstiftung, der Internist, Autor und Mitbegründer des Vivantes Hospiz in Berlin, Dr. Michael de Ridder, und der Vatikankorrespondent und Bild-Reporter Albert Link mit dem Publikum diskutieren.

Der Eintritt ist frei , notwendig sind aber ein Personalausweis und eine Anmeldung bei Kristina Riedel von AzetPR: Telefon 040-41327023, Fax 040-41327070, riedel@azetpr.com

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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