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In Indizienprozessen ist alles möglich

Doppelmord von Haale In Indizienprozessen ist alles möglich

Der Doppelmord an zwei Frauen auf einem Pferde-Gnadenhof in Haale wird von Mittwoch an vor dem Kieler Landgericht verhandelt. Angeklagt ist der 29-jährige Dennis N., der die Tat bestreitet. Ob die Indizien für eine Verurteilung ausreichen, werden die zwölf angesetzten Verhandlungstage zeigen. Im Indizienprozess ist von einem Freispruch bis zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe alles möglich.

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In Sülfeld sollte ein 63-Jähriger seinen Sohn ermordet haben. Er sprach von einem Unfall. Vor Gericht wurde er freigesprochen.

Quelle: dpa (Archiv)

Kiel. Spektakuläre Mordprozesse wie dieser haben Seltenheitswert in Schleswig-Holsteins Justizgeschichte. Meistens ist die Faktenlage erdrückend, Polizei und Staatsanwaltschaft haben eindeutige Beweise gegen die Beschuldigten, stützen ihre Anklage auf konkrete Spuren. Vor allem DNA-Untersuchungen von Gegenständen an Tatorten, genetische Spuren bei Opfern und Verdächtigen liefern seit Jahren unumstößliche Beweise. Bestenfalls haben Angeklagte bereits vor Prozessauftakt ein Geständnis abgelegt.

 Doch mitunter gibt es all das nicht. Dann müssen Richter und Schöffen auf Basis von Indizien entscheiden – so wie im Fall der Kieler Millionärswitwe Dora Vierow. Mehr als zehn Jahre beschäftigte der Tod der 88-Jährigen die Justiz. Angeklagt war ein Kieler Arzt-Ehepaar, das die Kaufmannswitwe im Juni 1987 mit einer Überdosis des Schmerzmittels Dolantin getötet haben soll, um mit einem gefälschten Testament an das Erbe ihres Opfers zu gelangen. Der damals 49-jährige Orthopäde und die 45 Jahre alte Anästhesistin bestritten die Vorwürfe. 139 Verhandlungstage benötigte das Kieler Landgericht bis zum Schuldspruch im April 1995. Der Mediziner wurde wegen Mordes zu elf Jahren, seine Frau wegen Totschlags zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Die Verteidiger gingen in dem Indizienfall in Revision, im November 1996 wurde das Urteil vom Bundesgerichtshof (BGH) verworfen, der Fall vorm Landgericht Lübeck neu aufgerollt. Dort benötigte die I. Große Strafkammer nur sechs Tage für die Beweisaufnahme, um das beschuldigte Ehepaar freizusprechen. Ein „anzudenkendes versuchtes Tötungsdelikt“ sei dem Paar nicht anzulasten, hieß es seinerzeit in der Urteilsbegründung.

 Der Indizienprozess im „Mord ohne Leiche“ sorgte im Jahr 2000 bundesweit für Aufmerksamkeit. Auf der Anklagebank des Lübecker Landgerichts saß Hartmut Crantz, von dessen Ehefrau Monika seit dem 6. Januar 1999 jede Spur fehlt. Eine Leiche wurde bis heute nicht entdeckt.

 Für die Justiz war der Fall dennoch klar. Die damals 48-Jährige aus Ratzeburg (Kreis Herzogtum Lauenburg) war vermögend, lag mit ihrem Mann geschäftlich im Streit – und wollte ihn wohl auch privat vor die Tür setzen. Wegen Mordes aus Habgier wurde Hartmut Crantz nach mehr als 60 Verhandlungstagen im Dezember 2000 zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht sah ihn durch Indizien überführt. Wenige Tage später versuchte Crantz, sich das Leben zu nehmen. Er schluckte Tabletten, überlebte, schöpfte neue Hoffnung, weil der BGH 2001 das erste Urteil wegen eines Formfehlers aufhob. Nur: Auch im zweiten Indizienprozess wurde Crantz nach 62 Verhandlungstagen zu lebenslanger Haft verurteilt. Wenige Tage später, am 10. Juni 2003, nahm er sich in seiner Zelle das Leben. In einem Abschiedsbrief beteuerte Crantz noch einmal seine Unschuld.

 Mit einem Freispruch endete 2013 überraschend der Prozess um den sogenannten Stückelmord von Sülfeld (Kreis Segeberg). Auf der Anklagebank saß der damals 63-jährige Hans-Martin V., der laut Anklage im Juni 2012 nach einem Streit seinen betrunkenen Sohn Henning getötet, anschließend zerstückelt und in eine Jauchegrube geworfen haben sollte. Der Schweinemäster bestritt den Mord, sprach von einem tragischen Unfall. Er gestand aber, die Leiche beseitigt zu haben, um der Schwester des toten 27-Jährigen den Schock zu ersparen.

 Vorsatz konnten die Richter dem Rentner nicht nachweisen, und nach nur vier Verhandlungstagen fällte das Schwurgericht sein Urteil nach dem alten juristischen Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“.

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