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Und wer hilft den Helfern?

Ehrenamtliche in Schleswig-Holstein Und wer hilft den Helfern?

Ohne sie geht es nicht: In Schleswig-Holstein leisten ehrenamtliche Helfer einen unschätzbaren Beitrag zur Aufnahme und Betreuung von Flüchtlingen. Sie bauen Feldbetten auf, richten Zimmer in Kasernen ein, helfen bei Behördengängen, geben Sprachunterricht, üben mit teils schwer traumatisierten Menschen das Leben im deutschen Alltag.

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Die freiwillige Helferin Brigitte Wottka sortiert in der Erstaufnahmeeinrichtung im nordfriesischen Seeth gespendete Windeln. Die Stapelholmer Kaserne wird als zusätzliche Zwischenstation für bis zu 600 Flüchtlinge genutzt.

Quelle: Bodo Marks/ dpa

Kiel. Doch auch die Helfer brauchen Hilfe. Nicht selten stoßen sie bei ihrer anspruchsvollen Aufgabe an ihre Grenzen.

Die Hilfsbereitschaft unter den Ehrenamtlern ist groß. Ebenso der Wille, den Begriff Willkommenskultur mit Leben zu füllen. Die schutzbedürftigen Flüchtlinge kommen aus Ländern wie Syrien, Eritrea, Afghanistan oder dem Irak. Sie wissen, wie es ist, in ständiger Angst zu leben, haben Familienangehörige verloren und sind vor Krieg und Gewalt aus ihren Heimatländern geflohen. In den Erstaufnahme-Einrichtungen oder den ihnen zugewiesenen Wohnungen warten sie auf den Beginn ihres neuen Lebens. Den Kontakt zur unbekannten Außenwelt ermöglichen zumeist die Ehrenamtler und übernehmen damit eine große Verantwortung. Nicht nur die persönlichen Schicksale der Flüchtlinge gehen ihnen nah, sie stehen auch den rechtlichen Hürden für Asylbewerber oft hilflos gegenüber.

„Manchmal habe ich das Gefühl, ich verwalte nur das Warten“, sagt eine ehrenamtliche Helferin, die eine Familie betreut, ihren Namen aber nicht in der Zeitung lesen möchte. „Je mehr ich mich engagiere, umso stärker wird das Gefühl, dass es nicht reicht.“ Mit diesem und ähnlichen Gefühlen ist sie nicht allein. Denn die Helfer müssen auch aushalten, dass sie das Asylverfahren nicht beschleunigen können oder dass sie bei allem Engagement machem kein neues Heimatgefühl vermitteln können.

„Es ist wichtig, dass auch die Helfer ihre Grenzen kennen und auf sich achten“, sagt Andrea Dallek vom Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein. Als Mitarbeiterin im Projekt „Dezentrale Flüchtlingshilfe“ schult und berät sie unter anderem Gruppen von Ehrenamtlern und weiß, dass viele von ihnen am Rand ihrer Belastbarkeit agieren. In Workshops des Flüchtlingsrates und in der Broschüre „Flüchtlingshilfe konkret“ bekommen sie wichtige Basisinformationen: Wie sehen die rechtlichen Bestimmungen aus? Wie geht man auf traumatisierte Menschen zu? Welche Hilfsangebote sind am wichtigsten? „Das Ziel muss sein, die Selbstständigkeit der Flüchtlinge zu fördern“, betont Dallek. „Sie brauchen praktische Unterstützung im Alltag, aber keine Aufopferung.“

Für die ehrenamtlichen Helfergruppen in den Gemeinden sei es wichtig, strukturiert zu arbeiten. „Oft ist völlig unklar, wer für welche Aufgabe zuständig ist.“ Gerade in kleineren Gemeinden seien die Ämter häufig mit der Betreuung der dezentral untergebrachten Flüchtlinge überfordert – und überließen viele Aufgaben den Ehrenamtlern. „Wir brauchen Supervision und Beratungsangebote für alle Helfer, klare Strukturen und Koordinierungsstellen in den Kreisen“, fordert Dallek.

Im evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Rantzau-Münsterdorf mit Sitz in Itzehoe hat indes mit Birgit Dušková die erste Pastorin für Flüchtlingsarbeit ihre Arbeit aufgenommen. Sie möchte das ehrenamtliche Engagement in den 30 Gemeinden des Kirchenkreises unterstützen, begleiten und strukturieren. „Viele legen einfach los und lassen sich sehr darauf ein, aber natürlich gibt es dann immer wieder schwierige Situationen“, berichtet Dušková.

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) unterstützt seine ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer mit Fortbildungen zu Themen wie „Arabische Kultur“ oder „Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen“, aber auch zur „Selbstfürsorge“. Ein Handlungsleitfaden soll weitere Hilfestellung geben. „Wir wissen, dass unsere Ehrenamtler vor einer schwierigen Aufgabe stehen“, sagt Nadine Nehls, Referentin für Bildung und Projekte beim DRK-Landesverband. „Die ersten Fortbildungen waren sofort ausgebucht.“ Der kontinuierliche Austausch unter den Engagierten sei von besonderer Bedeutung. „Es ist wichtig zu wissen, dass man mit seinen Fragen nicht allein ist.“

Aufnahme von Flüchtlingen: Tipps und Beratung

„Schleswig-Holstein soll eine Heimat für alle sein“: Unter diesem Motto hat das Innenministerium Schleswig-Holstein einen „Leitfaden für eine gute Aufnahme von Flüchtlingen“ entwickelt, der allen Akteuren bei der Flüchtlingsaufnahme sowie interessierten Bürgern einen Überblick über Zuständigkeiten und Fragestellungen zum Thema Willkommenskultur geben soll:

www.schleswig-holstein.de

Auf der Webseite des Flüchtlingsrats Schleswig-Holstein können Sie die Broschüre „Flüchtlingshilfe konkret“ kostenlos herunterladen. Sie gibt einen Überblick über die aktuelle Situation, die Hintergründe und mögliche Unterstützungen von Flüchtlingen. Das Kapitel „Chancen und Grenzen der ehrenamtlichen Unterstützung“ beschäftigt sich mit den besonderen Herausforderungen der Helfer:

www.frsh.de

Das Deutsche Rote Kreuz hat die Erfahrungen und Tipps von ehrenamtlichen Helfern in einem „Leitfaden DRK-Flüchtlingshilfe“ zusammengefasst:

www.drk-sh.de

Das Diakonische Werk Schleswig-Holstein und die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland haben einen „Leitfaden für Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe“ herausgegeben. Der Leitfaden basiert auf den Erfahrungen, die Gemeinden in der Flüchtlingshilfe gemacht haben. Die Broschüre kann auf der Webseite des Diakonischen Werkes Schleswig-Holstein kostenlos heruntergeladen werden:

www.diakonie-sh.de

Auf der Webseite des Erzbistums Hamburg können Sie die gemeinsam mit der Caritas erstellte Broschüre „Orientierungen und Anregungen für Gemeinden und kirchliche Einrichtungen“ zur ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe kostenlos herunterladen:

www.erzbistum-hamburg.de

Was ehrenamtliche Flüchtlingsbetreuer antreibt, was sie leisten und mit welchen strukturellen Schwierigkeiten sie konfrontiert werden, verdeutlicht eine Studie mit dem Titel „Strukturen und Motive der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit in Deutschland des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) der Humboldt-Universität.

www.bim.hu-berlin.de

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Ein Artikel von
Carola Jeschke
Lokalredaktion Kiel/SH

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