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"Ich glaube an den deutschen Staat“

Ein Jahr nach der Flucht "Ich glaube an den deutschen Staat“

Über 10 000 Tote hat der Bürgerkrieg im Jemen schon gefordert. Doch das Land, in dem auch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) wütet, steht nicht im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. Mohammed Abotaleb floh vor einem Jahr aus der Hauptstadt Sanaa nach Deutschland.

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Mohammed Abotaleb aus dem Jemen ist seit einem Jahr in Deutschland. In Eckernförde arbeitet er als Integrationslotse bei Pro Regio und hofft auf Anerkennung seines Asylantrags.

Quelle: Cornelia Müller

Eckernförde. Er braucht starke Nerven: Es ist nicht absehbar, ob und wann Frau und Kinder nachkommen dürfen. Mohammed Abotaleb ist ein weltgewandter Mann, höflich, hilfsbereit. Er spricht sehr gut Deutsch. In Eckernförde arbeitet er für UTS/Pro Regio. Der Trägerverein Umwelt, Technik, Soziales mit 80 Beschäftigten engagiert sich für Beratung, Sprachunterricht, Arbeitsmarktzugang von Migranten.

Abotaleb betreut unter anderem Flüchtlinge aus Syrien. Er übersetzt, hört zu, gibt Tipps für den Alltag. „Ich bin Integrationslotse, ich habe hier eine 30-Stunden-Stelle“, sagt er beim Treffen im Pro Regio-Büro. Vor der Tür warten schon Klienten aus Syrien. Die offene, ruhige Art des 34-Jährigen lässt sie hoffen, dass sie es schaffen werden in Deutschland. Dass sie lächeln werden wie ihr Berater, der seit einem Jahr hier ist und sie jetzt zu den Behörden begleitet.

"Die deutsche Öffentlichkeit weiß es kaum"

„Es sieht besser aus, als es in Wirklichkeit für mich ist“, sagt Abotaleb, als die Tür zu ist. „Ich weiß nicht, ob ich bleiben darf.“ Denn den Flüchtlingsstatus wie Syrer haben Jemeniten nicht. Im Juni habe er Asylantrag gestellt. Auf den Anhörungstermin wartet er noch. Seine drei Töchter sind elf, acht und anderthalb Jahre alt und bei seiner Frau im Jemen. „Ich hatte die Hoffnung, dass es für uns einfach sein würde, einen Neuanfang in der Freiheit zu starten – als Steuerzahler wie die Deutschen.“ Auf einer Geschäftsreise war Abotaleb in Berlin aus dem Flugzeug gestiegen und nicht mehr zurückgeflogen. Das hatte er mit seiner Frau vereinbart. Sein Schengen-Visum lief da gerade ab. Durch Ausbildung und Beruf ist er vernetzt in Deutschland. Doch jetzt hat er massive Sorgen: „Meine Familie ist in sehr großer Gefahr.“

Mohammeds Vater hatte in Sanaa ein Reisebüro. Sein Sohn studierte 2002 Volkswirtschaft in Heidelberg und übernahm später die Firma. „Die Kontakte mit Deutschland waren immer Basis für Reisen, die wir in beide Richtungen organisiert haben. Ich habe mehrere deutsche Geschäftspartner. Es ging unserer Familie gut, aus wirtschaftlichen Gründen wäre ich nie gegangen. Der Bürgerkrieg, politische Verfolgung und der IS haben alles zunichte gemacht. Dass bei uns wie in Aleppo Kinder getötet und verstümmelt werden, dass jeden Tag Menschen bei Anschlägen sterben, weiß die deutsche Öffentlichkeit kaum.“ Der jüngste UN-Bericht über den Jemen bestätigt, dass die Zahl der Todesopfer alle Annahmen weit übertrifft.

Die Bilder bleiben im Kopf

Abotaleb blickt auf seine Hände, die leicht zittern. „Ich habe zwei Selbstmordattentate überlebt. Freunde und Bekannte wurden getötet. Wir sind Schiiten und für die Angreifer Ungläubige. Religion ist nur noch grausames Mittel der Macht. Die schrecklichen Bilder gehen nicht mehr aus meinem Kopf. Ich muss Frau und Kinder aus dieser Hölle holen. Saudi-Arabien hat alles abgeriegelt im Jemen. Keiner kommt mehr raus.“

Dass er trotz allem bei UTS/Pro Regio eine Anstellung gefunden hat, sei „ein Geschenk“. „Ich kann mir eine kleine Wohnung in Eckernförde leisten und brauche keine Unterstützung vom Staat“, sagt er. Geschäftsführer Lutz Oetker hat sich für die Arbeitserlaubnis eingesetzt: „Mohammed ist voll integriert und ein hoch qualifizierter Mitarbeiter für uns, der einen sehr guten Job macht.“ Das Team zittere jetzt mit um seine Familie, „um eines der vielen Einzelschicksale, die der Staat nicht sieht, die die Sozialbehörde in Eckernförde aber sehr wohl würdigt“.

Abotaleb begrüßt den nächsten Klienten und gibt auch ihm das Monatsmagazin Asadi. An der Zeitschrift von Deutschen und Migranten für Zugewanderte mit Artikeln auf Deutsch, Arabisch, Persisch arbeitet er in der Freizeit mit. „Asadi ist persisch und heißt Freiheit“, wird er auf arabisch aufklären. Dass sein eigener Status ungewisser ist als der seines Gegenübers, darf jetzt keine Rolle spielen. „Ich glaube an den deutschen Staat“, ergänzt er. „Deutschland leistet Großartiges angesichts so vieler Flüchtlinge. Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Meine Frau weiß das.“

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Ein Artikel von
Cornelia Müller
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