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Froh zu sein, bedarf es wenig

Stark sein trotz Krebs Froh zu sein, bedarf es wenig

Sie nennen ihn Didi. Mit einem „j“ am Ende. Didij. Wahrscheinlich, weil jeder sofort spürt, dass er kein Didi ist, sondern eine Autorität. Ein begnadeter Chorleiter. Humorvoll. Feinfühlig fordernd. „Jetzt oder nie!“ heißt dieser Chor und ist noch keine zwei Jahre alt. „Bei unserem Auftritt im Städtischen Krankenhaus Kiel, da gab es ein paar Unsauberkeiten“, moniert Didij. Pause.

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Andrea Krull (links) wurde im Juli 2013 mit der Diagnose Eierstockkrebs konfrontiert, Birgit Gode im Februar 2015. Krull gründete die Selbsthilfegruppe OvarSH und den Chor „Jetzt oder nie!“. „Ich glaube, die Erkenntnis zu akzeptieren, dass der Tod hier auf der Schulter sitzt, aber auch etwas zu tun, damit er dort sitzen bleibt, macht das Leben besonders intensiv schön. Man muss lernen, mit diesem Instrument umzugehen. Ich lerne das immer besser“, sagt Krull. Und Gode: „Der Chor ist meine Psychoo

Quelle: C. Trutschel

Kiel. „Aber dass ein so junger Chor schon so gut drei- und vierstimmig singt – alle Achtung.“ Es ist Chorprobe, wie an jedem Donnerstag um 19 Uhr, im Caspar-von-Saldern-Haus in Neumünster. Frühlingsabendsonne erhellt den großen Raum. Mehr als 30 der aktuell 46 Mitglieder sind gekommen. Die meisten haben Krebs. Nicht die Frauenärztin, nicht der Urologe und seine Frau – sie und einige andere machen mit, weil sie die Idee gut finden und stärken wollen. Jeder ist hier willkommen, Vorkenntnisse sind nicht erforderlich.

Auch Didij hat keinen Krebs. Er hat es an der Hüfte. Auf seinen Stock gestützt, steht er vor denen, die die erste Stimme haben, singt ihnen vor, mit klarer, starker Stimme. Geht ein paar Schritte weiter, singt den zweiten Stimmen die zweite vor, den Bässen den Bass, gibt der Rhythmus-Gruppe ihr „M t-k m tsh“ und ein „Ho! Ha-ha-ha-ha“ – was trotzig klingt. Nach 20 Minuten steht der heute zum ersten Mal intonierte Kanon schon auf drei Stimmen. Etwas wacklig noch, aber das wird. Im Oktober wollen sie alle beim Internationalen Chortreffen in Barcelona dabei sein, „darum fange ich so früh an, dies mit euch zu üben“, sagt Didij. Früher sang er als Solist an der Kieler Oper, heißt Dieter Podszus, lebt in Bad Segeberg und leitet auch den Rönnauer Singkreis. Mit viel Erfolg, wie schon andere Chöre zuvor.

"Das war meine Leidenschaft"

Die Idee zu diesem hatte Andrea Krull, Lehrerin. Vor sieben Tagen wurde sie 50, und diesen Geburtstag, das hatte sie 2011 beantragt, wollte sie zu etwas Besonderem machen: mit einem Sabbatjahr. Um frei zu sein für Reisen. Reisen – war ihr erster Beruf. Mit 27 hatte sie ihr Studium – Politologie, Englisch, Italienisch, davon vier Semester in Aberdeen und Florenz – abgeschlossen und war ausgebildete Reisekauffrau. Sie spezialisierte sich auf Dr. Tigges-Studienreisen. „Welche Inhalte muss eine Studienreise haben, damit sie sowohl Frau Schlüter als auch Professor Schwarz gut finden? Das war meine Leidenschaft.“ Sie kam weit rum, in Australien, Neuseeland, Indonesien, ganz Europa, Nordamerika.

Dann kam der Krebs. Die Diagnose, im Juli 2013: Ovarialkarzinom, Eierstockkrebs. Ein tückischer Tumor. Früh entdeckt, ist er zwar gut operabel. Doch die Fünf-Jahres-Überlebensrate ist niedrig. Denn 87 Prozent der Patientinnen bekommen ein Rezidiv, einen trotz radikaler Behandlung wieder auftretenden Tumor, und sterben daran. Große OP, Chemotherapie, Anschlussheilbehandlung, „seit Januar 2014 bin ich gesund“, sagt Krull. Noch in der Chemo-Phase gründete sie mit Anne Zeretzke eine Selbsthilfegruppe: die OvarSH. Es gibt nur fünf in Deutschland. Warum? „Weil viele Eierstockkrebs-Patientinnen früh sterben.“ Sie wirkt nicht bitter, als sie das sagt. Auch hart ist nicht das richtige Wort. Eher: absolut entschlossen. „In der ARD-Serie „Was ist Glück?“ sah ich Anke Engelke einen Chor der Muffligen gründen. Das Ganze wurde medizinisch begleitet. Nach sechs Monaten waren bei allen die Blutwerte deutlich besser, die Atmungs- und Haltungswerte super, sie fühlten sich nicht mehr isoliert, und sie sagten: Nix mit Ende – wir machen weiter!“ Andrea Krull gründete den ersten Krebskranken-Chor. Doch wer sollte ihn leiten? Den Hinweis auf Didij gab Anne Zeretzke: „Ich glaube, der wäre der Richtige, aber ich habe keine Ahnung, wo er jetzt lebt.“ Andrea Krull wandte sich an die Musikschule in Neumünster, „und über deren Netzwerk haben wir ihn gefunden.“ Anne Zeretzke starb im Juli 2014.

"Ich habe wohl eine ganz gute Prognose"

Didij lenkte beide Chöre zu gemeinsamen Auftritten. „Der Rönnauer Singkreis hat viel mehr Erfahrung“, sagt Krull. „Dadurch bekam mein Chor so einen richtigen Push und wurde selbstbewusst – großartig.“ Frisch ernannte Pressesprecherin ist Birgit Gode. Dass sie Eierstockkrebs hat, weiß sie seit Februar 2015. „Ich war zum Frauenarzt gegangen, weil ich das Gefühl hatte, irgendetwas stimmt nicht. Sechs Tage später war ich schon operiert. Dann die Chemo, bis Juli.“ Vorsichtig fügt sie hinzu: „Ich habe wohl eine ganz gute Prognose.“ Den Chor fand sie richtig und gut für sich, die Selbsthilfegruppe nicht. „Meinem Sohn und dem Chefarzt der Frauenklinik im Städtischen Krankenhaus Kiel, Dr. Markus Kuther, habe ich das Versprechen gegeben, nicht ins Internet zu gucken und mich von all den Krankheitsgeschichten, die doch bei jeder anders sind, verängstigen zu lassen. Alles, was ich von der Krankheit weiß, hat heute mit meiner Freundin zu tun, die gerade so kämpfen muss.“ Als Birgit Gode erkrankte, „hat meine beste Freundin eine Special-Event-Crew gegründet. Die Mitglieder bekamen Aufgaben: bei mir am Bett sitzen, einkaufen – jeden Tag etwas anderes. Das war wahnsinnig gut für mich. Nach einiger Zeit war es ja gar nicht mehr nötig, aber das Wissen darum, das hat so gut getan.“ Was sie empfing, gibt Gode weiter. „Am Donnerstag, bei der Chorprobe, kamen wir zu spät, das ist nicht erlaubt. Aber wir hatten eine gute Entschuldigung, die Didij akzeptierte: Ein Chormitglied mit einem Rezidiv konnte kurzfristig Besuch empfangen, also waren wir dort.“

Andrea Krull betont, das Krankheitsmanagement müsse auf verschiedenen Ebenen stattfinden: „Klinisch. Sozial. Ganzheitlich. Spirituell. Denn eine Krebserkrankung ist nicht nur körperlich – sie verändert sämtliche Strukturen im Umfeld.“ Sorge mache ihr, dass sie immer öfter bei ihrer OvarSH-Arbeit mit betroffenen Patientinnen höre, dass Krebs finanziellen Ruin nach sich ziehe. Birgit Gode trennte sich von ihrem Lebensgefährten. Ihr Sohn studiert in Münster. Eine psychoonkologische Beratung und Betreuung sei ihr im Kieler Krankenhaus wie jeder Krebspatientin angeboten worden. „Aber ich habe sie nicht in Anspruch genommen. Ich war relativ stabil. Der Chor ist meine Psychoonkologie.“

"Das will ich machen. Punkt"

Andrea Krull „brauchte psychologische Hilfe. Ich habe das ganz sachlich bearbeitet. Wenn Psychoonkologie 30 Prozent mehr Lebenszeit bringt, dann mache ich das. Wenn ein Chor 20 Prozent mehr Lebenszeit bringt, dann mache ich auch das. Und wenn Sport die Lebensqualität verbessert und die Prognose im Falle eines Rezidivs, dann ziehe ich auch diese Karte. Ich bin jetzt im dritten Überlebensjahr. Ich muss damit rechnen, ein Rezidiv zu bekommen. Aber du kannst dem ein Schnippchen schlagen, indem du dir ganz klar machst, dass du noch nicht tot bist, und das Leben bejahst.“

Einen Traum wollte sie im Herbst umsetzen: mit dem Motorrad die Route 66 zu fahren, von Kalifornien aus. Ihr Mann und ihr Sohn, 16, waren mitgekommen, fahren wollte sie allein, „aber es wurden keine Maschinen mehr verliehen, weil es zu kalt geworden war.“ Nicht der erste Anlauf, der an externen Gründen scheiterte. Aber der Traum lebt. „Das will ich machen“, sagt Andrea Krull. „Punkt.“

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