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Das Gewitter im Gehirn

Epilepsie Das Gewitter im Gehirn

Im Schnitt alle sechs bis acht Wochen hat die 31-Jährige eine Epilepsie-Anfallserie. Unvermutet, unvorbereitet, aus heiterem Himmel. Sie weiß nie, wann ihr Körper sie das nächste Mal im Stich lässt. „Oh Gott, hoffentlich habe ich nicht öffentlich eingenässt“, schießt es Sarah Elise Bischof meist als Erstes durch den Kopf, wenn sie wieder zu sich kommt.

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„Man muss die Krankheit so annehmen, wie sie ist, und immer wieder das Schöne im Leben suchen“: Sarah Elise Bischof über ihr Leben mit Epilepsie.

Quelle: Björn Schaller

Schönhorst. Und: „Hoffentlich habe ich niemandem Angst gemacht.“ Erst sehr viel später fragt sie sich, wie es ihr geht.

 Wir besuchen Sarah Elise Bischof in ihrem Elternhaus in Schönhorst. Gerade ist sie aus München angereist. Später wird sie im drei Kilometer entfernten Flintbek ihr Buch vorstellen. „Panthertage“ heißt ihr autobiografischer Roman. Darin beschreibt sie ihre Krankheit, die wie ein wildes Raubtier immer wieder aus dem Nichts angesprungen kommt. Eine fröhliche junge Frau öffnet uns die Tür. Im Wohnzimmer erzählt sie von der Epilepsie. Sie möchte aufklären, den Menschen die Angst nehmen. Nur deshalb habe sie sich dazu entschieden, in die Öffentlichkeit zu gehen. „Das ist mir nicht leicht gefallen“, sagt sie. „Aber ich wünsche mir, dass die Menschen ihre Vorurteile verlieren. Hätte jeder mal drei Anfälle gesehen, würde er das gar nicht mehr so schlimm finden.“

 Es ist kurz nach ihrem 20. Geburtstag, als sie Mitte September 2004 das erste Mal in ihrer Studentenwohnung am Kieler Südfriedhof im Schlaf einen epileptischen Anfall bekommt. „Ich dachte, ich habe wohl Herz-Kreislauf-Beschwerden“, sagt sie und fügt lachend hinzu: „Ich war schon damals so ein storchenähnliches Gewächs mit nicht viel auf den Rippen.“ Nur warum die Zunge zerbissen, das Bett nass ist und sie starke Muskelschmerzen hat, kann sie sich nicht erklären.

 Das nächste Mal fällt sie Ende Oktober in ihrer Küche um. Als beim dritten Mal eine Freundin dabei ist, ruft die den Notarzt. Im Städtischen Krankenhaus in Kiel messen die Ärzte epileptische Aktivitäten im Gehirn von Sarah Elise Bischof. Als ihre Mutter ans Bett tritt, haucht sie nur schwach: „Früher wäre ich deswegen vergast worden.“

 In der Uniklinik wird wenig später die Diagnose bestätigt. „Ich bin als junges, abenteuerlustiges Mädchen, das reisen, tanzen und feiern wollte, in die Klinik gegangen – und als Behinderte wieder herausgekommen.“ Bis sie die Krankheit annimmt, dauert es etliche Zeit. „Ich wollte mich partout nicht mit Epilepsie auseinandersetzen“, sagt die inzwischen studierte Literaturwissenschaftlerin. „Ich bin halt ein paar Mal umgefallen, nehme jetzt Medikamente und dann ist gut“, sagt sie sich. Doch es ist nicht alles gut. „Es gibt so unendlich viele Arten von Epilepsie, da ist es schwer, das richtige Medikament zu finden“, berichtet Bischof. Die ersten Tabletten zeigen gar keine Wirkung. Immer wieder tobt das „Gewitter im Gehirn“ und reißt ihr den Boden unter den Füßen weg. Nur langsam wird ihr bewusst, dass die Krankheit eine größere Dimension hat als gedacht.

Vollbremsung in jungen Jahren

 Sie legt eine Vollbremsung hin. Trinkt keinen Alkohol mehr, verzichtet aufs Autofahren, zieht sich zurück. „Ich hatte das Gefühl, in mir tickt eine Bombe, und die darf ich bloß nicht erschüttern, sonst geht sie hoch“, sagt sie nachdenklich. Erst Chihuahua-Mischling „Havanna“ (benannt nach dem Lied „Havanna Affair“ der Rockpunkband Ramones) bringt neuen Lebensmut. „Da braucht mal jemand mich, das ist ein tolles Gefühl nach all der Hilflosigkeit.“ Ihr damaliger Freund richtet die Hündin so ab, dass sie bei Anfällen bellt. Auch ein Netzwerk von Freunden bringt Sicherheit. Ihre Eltern halten ihr den Rücken frei.

 Fünf Jahre nach der Diagnose erfüllt sie sich einen Traum und studiert ein Jahr in Schweden. „Auch da gibt es Ärzte. Man muss einfach mutig sein“, sagt sie sich. Anschließend zieht sie nach München und beendet dort ihr Studium.

 Inzwischen hat Sarah Elise Bischof ihr Leben ziemlich gut im Griff. Sie arbeitet 20 Stunden die Woche bei einer Agentur für digitales Marketing in München (allerdings nach 150 teils diskriminierenden Bewerbungserfahrungen), schreibt gerade an zwei neuen Projekten und verkündet glücklich lächelnd, dass ihre „Panthertage“ vielleicht verfilmt werden. „Man muss die Krankheit so annehmen, wie sie ist und immer wieder das Schöne im Leben suchen“, sagt sie und blickt auf die Uhr. Die Lesung wartet. Im Nachbarzimmer wechselt sie ihr gestreiftes Shirt gegen das kleine Schwarze, schlüpft in hohe Pumps und zieht den roten Lippenstift nach. Eine junge, starke Frau auf dem Weg zur Botschafterin einer Krankheit, die heimtückisch und unberechenbar ist. Einer Krankheit aber auch, von der man sich nicht einschüchtern lassen dürfe. „Das Leben ist nicht leicht“, sagt sie zum Abschied. „Aber schön.“

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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