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Die Vermessung der Kaumuskulatur

Erfinder aus SH Die Vermessung der Kaumuskulatur

Dr. Klaus-Richard Herrmann praktiziert am äußersten Rand von Schleswig-Holstein. Diese geografische Randlage charakterisiert auch seine Position als Erfinder. Seit einigen Jahren schon propagiert der 68-Jährige eine von ihm entwickelte Diagnostik und Therapie der cranio-mandibulären Dysfunktion, kurz CMD.

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Klaus-Richard Herrmann erklärt an einem Wissenschaftsposter den Funktionszusammenhang von Kiefergelenk und einer Faszienverbindung, die möglicherweise Verspannungen der Kau- auf die Nackenmuskulatur weiterleitet.

Quelle: Christian Trutschel

Lübeck. Doch viele seiner Kollegen bleiben skeptisch, auch wenn etliche Fachmagazine unter Überschriften wie „Ein übersehener Paradigmenwechsel?“ (2010) oder „CMD – neuer Ansatz in Sicht?“ (2013) berichteten. Vielleicht liegt das daran, dass Herrmann eine Therapie anwendet, die nicht der Lehrmeinung entspricht.

 Nächtliches Zähneknirschen ist ein zentrales Element einer CMD, erklärt diese jedoch nicht ganz. Klarer sind die Folgen: beschädigte Zähne und Kiefergelenke, Kopf- und Gesichtsschmerzen, ständige Verspannungen, Schädigungen der Halswirbelsäule, möglicherweise auch Tinnitus und Bluthochdruck. Betroffene suchen bevorzugt Augen- und Hals-Nasen-Ohren-Ärzte auf. Orthopäden stellen vielleicht einen Wirbelsäulenverschleiß fest, führen diesen aber nicht zwingend auf eine Fehlfunktion im Kiefer zurück, in deren Folge die stärkste Muskelpartie im Körper die Zerkleinerung körpereigener Strukturen in Gang setzt.

 Klaus-Richard Herrmann, Segelflieger seit mehr als 40 Jahren, geht CMD von der rein mechanischen Seite her an. Am Anfang stand ein Geistesblitz. Sein Fluglehrer Karl-August Dierk habe Schüler ermahnt, wenn diese das Steuer des Segelflugzeugs so fest umklammerten, dass das Blut aus ihren Fingern wich: „Trimm das Segelflugzeug! Bitte keine weißen Finger!“ Herrmann bezog diesen Gedanken auf die beiden Kiefergelenke: „Kiefergelenke sollen führen, aber besser nie belastet werden. Werden sie belastet, deformieren sich die Gelenke und drücken aufs Ohr.“

Idee an der Werkbank entstanden

 Nerven und Faszien registrierten jede noch so kleine „durch Zähne verführte Kiefergelenk-Verstellung“. Der Körper aktiviere daraufhin Muskeln, um gegenzusteuern. Daraus entwickeln sich Folgebeschwerden. Herrmann entdeckte eine Faszienverbindung, „die ein Teil der aufgesplitterten Fascia cervicalis profunda ist“, wie ihm Jochen Fanghänel, emeritierter Greifswalder Anatomie-Professor, bestätigte. Durch diese Verbindung von Kiefer und Nacken „können Weiterleitungen von Verspannungen der Kaumuskulatur auf die Nackenmuskulatur erklärt werden“, schreibt Dr. Imke Weyers vom Institut für Anatomie der Universität zu Lübeck.

 „Idealerweise“, erklärt Herrmann, „sollten beide Gelenkköpfe zentral in den Gelenkgruben positioniert sein, mit entspannter Muskulatur durch die Zahnreihen abgestützt.“ Für die Analyse der Fehlstellungen des Kiefergelenks und die Wiederherstellung der Idealposition kreierte der Lübecker selbstwertbewusst eine neue Fachrichtung, die Kiefergelenkorthopädie (KGO), und ein KGO-Gerät, das eine funktionell modifizierte Aufbissschiene ist. „Die Idee ist an der Werkbank im Aeroclub Lübeck entstanden.“

 Sein Clubkamerad, Lufthansa-Flugkapitän Claus Cordes, habe ihm erzählt, dass im größten Airbus A380 automatisch Kerosin von vorn nach hinten gepumpt werde, wenn Stewardessen volle Getränkewagen von hinten nach vorne rollten. Wie beim Flugzeug, wo die Summe der Auftriebskräfte dafür sorgt, dass es ausbalanciert ist, „muss auch die Schwerpunktabstützung des Unterkiefers stimmen“. Dabei dürfe, entgegen der Lehrmeinung, „eine Front-Eckzahn-Führung nie sein.“ Die Aufbissschiene bei CMD „darf auf keinen Fall über die unteren Schneidezähne gehen. Sonst entsteht eine Achse, um die der Unterkiefer hinten nach oben bewegt wird und der Gelenkkopf Condylus in die Gelenkgrube drückt.“

 Seine KGO-Therapie bewirke das Gegenteil und: „Kopfschmerzen und Hörminderung, sofern diese durch Fehlbelastungen des eigenen Gebisses ausgelöst wurden, sind bisher bei allen Patienten verschwunden, nachdem ich die Korrektur des Kiefers vorgenommen hatte. Knochen und auch die Gelenke regenerierten – unabhängig vom Lebensalter.“ Außerdem entspannten sich zuvor verspannte Kaumuskeln. Den Nachweis führt Herrmann mit elektromyografischen (EMG) Messungen. 20000 EMG-Messungen an mehr als 2000 Patienten lagen bereits vor, als Herrmanns „Besonderer Therapieweg bei CMD“ 2014 vom Förderkreis Qualitätssicherung im Gesundheitswesen in Schleswig-Holstein (FKQS) für den Qualitätspreis nominiert und im Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt vorgestellt wurde.

Kosten für Patienten

Die Kosten für Herrmanns Patienten: ab 800 Euro für Funktionsdiagnostik, Bilddokumentation und KGO-Therapie in vier bis acht Sitzungen; sind danach Kauflächenaufbauten oder Prothetik erforderlich, kommen weitere Eigenanteile hinzu.

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