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Helmut Schmidts letzter Schulfreund

Erinnerungen an Altkanzler Helmut Schmidts letzter Schulfreund

Hans-Friedrich Lenkeit ist der letzte noch lebende Jugendfreund von Helmut und Loki Schmidt. Gemeinsam gingen sie zur Schule und haben den Krieg überlebt. Erinnerungen an den verstorbenen Alt-Kanzler.

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Bis zum Abitur drückte er gemeinsam mit Helmut Schmidt und dessen späterer Ehefrau Loki die Schulbank: Nachdenklich blättert Hans-Friedrich Lenkeit (97) in einem alten Fotoalbum.

Quelle: Leo Bloom

Aumühle. „Ich hätte nicht gedacht, dass mich der Tod von Helmut Schmidt so mitnimmt“, gesteht Hans-Friedrich Lenkeit. Der 97-Jährige ist der letzte noch lebende Jugendfreund von Helmut und Loki Schmidt. Zusammen haben sie die Schulbank gedrückt, den Krieg überlebt, Geburtstagsgrüße hin- und hergeschickt. Zur goldenen Hochzeit der Schmidts war Ehepaar Lenkeit im Winterhuder Fährhaus geladen, zum 95. Geburtstag von Lenkeit schaute Helmut Schmidt im Rollstuhl und mit allerlei Sicherheitsbeamten vorbei. „Nun habe ich die letzte Verbindung zu meiner Jugend verloren“, sagt der Hamburger.

 Hans-Friedrich Lenkeit lebt im Seniorenwohnstift „Kollegium Augustinum“ in Aumühle bei Hamburg. Auf dem Tisch liegt ein Jubiläumsbuch der damaligen Schule und ein Fotoalbum. Gerne wäre der 97-Jährige bei der Beerdigung seines Schulfreundes dabei gewesen. Doch seine Beileidsbekundung hatte keine Einladung zur Trauerfeier zur Folge. Das bedauert er: „Loki hatte immer alles bestens im Griff gehabt“, erinnert sich Lenkeit. „Sie war der soziale Mittelpunkt.“

 Von der fünften Klasse bis zum Abitur sind die drei gemeinsam auf die Lichtwarkschule in Winterhude gegangen. „Das war eine reformpädagogische Neugründung nach dem Ersten Weltkrieg, und die Schule war ziemlich rot angehaucht“, erklärt Lenkeit und blättert im Schulbuch. Schnell hat er ein altes Klassenbild aufgeschlagen. Vorne rechts hat sich Helmut Schmidt hingelümmelt – ein Jungspund mit Mütze. „Helmut hat keiner gesagt, er hieß bei uns immer Skiddel oder Schmiddel“, sagt er. „Loki war immer schon Loki. Sie war groß und kräftig und wurde von uns auch gerne mal ,Schmeling’ nach dem Boxer gerufen.“

"Der absolute Primus"

 Zwei Gruppen habe es in der Klasse gegeben, erzählt Lenkeit. Die sportlichen, militärischen – wozu er gehörte. Und die musisch Begabten mit Schmidt und Loki. „Helmut Schmidt war in der Klasse der absolute Primus. Das muss ich ihm zugestehen. Nur zwei Dinge konnte er nicht: Leibesübung und Singen.“ Warum er trotzdem bei der musischen Gruppe landete, sei sein Klavierspiel gewesen. „Aber die Gruppe war schon ungewöhnlich. Als sie sich untereinander Blütenblatt oder Wurzelstängelchen nannten, kam uns das schon ein bisschen albern vor.“ Eine Mathestunde kommt dem 97-Jährigen noch in den Sinn. Helmut Schmidt war etwa 16 Jahre alt, saß in der ersten Reihe und hatte die Hausaufgaben nicht gemacht. Als der Lehrer nach dem Warum fragte, kam die Antwort: „Ich hatte keine Lust.“ „Da fiel uns allen der Unterkiefer runter. Das war kühn und fast frech“, erinnert sich der der Jugendfreund. „Als Helmut Schmidt dann noch an der Tafel etwas vorrechnen sollte und einen Fehler des Lehrers entdeckte, packte unser Lehrer die Sachen und ging.“

 Beeindruckend war auch eine Stunde in „Rassenkunde“, wie das damals hieß. Schädelmessungen standen auf dem Stundenplan. „Ich war groß, blond und blauäugig“, erzählt Hans-Friedrich Lenkeit. „Aber bei mir kam nur ein ostpreußischer Quadratschädel raus. Nur Loki hatte den nordischten Schädel. Und das, obwohl sie immer meinte, sie sehe aus wie die Großmutter von Dschingis Khan.“ Nach dem Abitur kam der Krieg. Die Wege trennten sich. 1942 heirateten Helmut Schmidt und Loki („von der Liebe hatten wir zu Schulzeiten nichts bemerkt“). In dem Fotoalbum ist ein Hochzeitsbild des Paares zu sehen. Trauzeugin war Schulfreundin Uschi, die viele Jahre später die neue Lebenspartnerin von Lenkeit wurde.

 Nach dem Krieg trafen sich die beiden Freunde manchmal auf den Fluren im Hamburger Rathaus. Hans-Friedrich Lenkeit hatte Erfolge als Bauingenieur, Helmut Schmidt als Vollblutpolitiker. „Wir hatten keine intensive Freundschaft, aber eine stabile“, betont er. „Begrüßt wurde ich meist mit ,Na, Du Mors’“, erzählt er lächelnd. „Darauf hab’ ich dann ,Du kannst mi mol’ geantwortet.“ Es gab Klassentreffen bei Schmidts zu Hause, spontane Begegnungen bei Wahlkampfveranstaltungen. Als Lenkeit mit 86 Jahren von seinem Bergedorfer Sportverein verabschiedet wurde, schaute Schmidt vorbei.

 Nachdenklich klappt Hans-Friedrich Lenkeit das Fotoalbum zu. Zeit fürs Mittagessen. „Helmut Schmidt war ein prima Kerl. So etwas findet man nicht alle Tage.“

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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