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Haben Tierlaster die Vogelgrippe hergebracht?

Expertenanalyse Haben Tierlaster die Vogelgrippe hergebracht?

Neue Einschätzungen von Kieler Experten: Nicht nur die kompromisslose Aufstallung wird kritisiert, sondern auch eine Hypothese aufgestellt: Ist das aktuelle H5N8-Virus auf einem anderen Weg als bisher angenommen nach Schleswig-Holstein gelangt?

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Sievert Lorenzen (78), emeritierter Zoologieprofessor in Kiel, fordert, dass die Verbreitung der Geflügelpest „ohne Scheuklappen“ untersucht wird.

Quelle: Uwe Paesler

Kiel. Aufstallung von Geflügel – ohne Ausnahme. Massentötung – auch wenn nur einige Tiere an einem nur niedrigpathogenen Virus erkrankt sind. Das sind unsinnige Antworten auf einen H5N8-Ausbruch, findet der Zoologe Dr. Sievert Lorenzen. „Auch wenn man uns immer wieder die Zugvogelhypothese vorsetzt – wie das aktuelle H5N8-Virus zu uns kam, ist nach wie vor ungeklärt.“ Der emeritierte Professor der Kieler Universität fordert, dass „endlich ohne Denkverbote alle möglichen Eintragswege untersucht werden, auch die der globalen Geflügeltransporte.“

 Mit dieser Forderung steht der Zoologe, der vor 25 Jahren mit seiner BSE-Bewertung richtig lag, nicht allein. Auch Lars Lachmann vom Nabu und das Wissenschaftsforum Aviäre Influenza (WAI) äußern sich kritisch. Beim WAI wurden nach eigener Darstellung alle verfügbaren Quellen zum aktuellen H5N8-Geschehen ausgewertet. Das Ergebnis: „Was bisher von den offiziellen Untersuchungen zu den Hintergründen der Geflügelpest-Epidemie sichtbar geworden ist, lässt befürchten, dass eine wissenschaftlich seriöse, objektive Untersuchung der Ursachen auch in diesem Fall in Deutschland nicht stattfindet.“

 Bisher hält man es beim Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) für wahrscheinlich, dass das Virus aus Geflügelhaltungen in Asien kommt, dort in ziehende Wildvögel gelangte und von ihnen bis nach Deutschland verbreitet wurde. Eine zentrale Rolle spiele dabei der See Ubsu-Nur an der Grenze von Sibirien und der Mongolei. Dort wurde im Mai 2016 bei Wasservögeln eine neue Variante des H5N8-Virus nachgewiesen. Das FLI argumentiert: Diese Vögel hätten einen gesunden Eindruck gemacht, seien geschossen und dann beprobt worden. Dabei wurde festgestellt, dass sie infiziert, aber nicht erkrankt waren. Zugvögel könnten nach ihrer Ansteckung weite Strecken geflogen sein und das Virus bis nach Europa gebracht haben. Inzwischen hat man offenbar selbst Zweifel an dieser Theorie: „Wie weit infizierte Wildvögel fliegen können, ist nicht bekannt“, heißt es beim FLI. Das sei aber auch nicht erforderlich: „Entscheidend ist, dass sich Infektionsketten aufbauen, über die das Virus von Rast-Ort zu Rast-Ort weitergegeben wird.“

 WAI, Nabu und Lorenzen bezweifeln diese Verbreitung dennoch. Ihre Argumente: Andere Quellen und die russische Originalveröffentlichung würden belegen, dass die beprobten Vögel bereits tot aufgefunden worden seien. „Damit steht die Behauptung auf tönernen Füßen, dass Wildvögel symptomlos bleiben und das Virus bis in die europäischen Winterquartiere weitertragen können“, sagt Lachmann. Zudem würde die Hypothese zeitlich nicht passen: Sibirische Wasservögel träfen bei uns ab August ein. Die ersten H5N8-Opfer hätten demnach also deutlich früher auffallen müssen. Zudem ist laut WAI das Virus bei den sibirischen Wildvögeln eindeutig kein Vorläufer des aktuellen Virus in Europa. „Vielmehr haben sich beide von einem gemeinsamen Vorläufervirus abgespalten, das in einem chinesischen Schlachthof entdeckt wurde“, sagt Lachmann.

 Für den Zoologen Lorenzen steht fest: Diese Argumente erzwingen, andere Eintragswege zu untersuchen. „Dringend notwendig wäre, die Handelswege der Geflügelindustrie unter die Lupe zu nehmen“. Er verweist auf die Abfolge der H5N8-Nachweise in Europa: Zuerst wurde das Virus im Oktober in Ungarn bei einem Höckerschwan entdeckt. Bereits im Oktober zirkulierte es laut Nabu aber auch in einer dortigen Putenmast, danach in etlichen anderen Geflügelbeständen. Bekannt wurde das aber erst Anfang November.

 „Was ist bis dahin mit den Geflügelexporten passiert? Wir wissen, dass ungarische Geflügelexporte zu 99 Prozent in nur drei Länder gehen: nach Polen, Österreich und Deutschland. Genau dort wurden dann fast zeitgleich die ersten an H5N8 gestorbenen Wildvögel gefunden“, sagt Lorenzen. Auffällig sei, wo diese Ausbruchherde liegen: „Bei einem polnischen Hausgeflügelbestand östlich von Frankfurt/Oder und bei Reiherenten am Stettiner Haff in der Nähe eines Schlachthofes. Zwei Tage später wurden dann die Reiherenten am Plöner und am Bodensee entdeckt“, sagt Lachmann. Diese Fundstellen lägen an Routen, die Lkw-Fahrer nutzen könnten, um Autobahngebühren zu sparen.

 „Grundsätzlich können bei Transporten Viren freigesetzt werden, zum Beispiel über kontaminierte Federn, Kot und Staub“, bestätigt Lorenzen. „Wenn der Lkw-Fahrer Pause macht, muss er die Lüftung hochstellen, damit die Tiere nicht unter Hitzestress leiden. Durch die Lüftung können Viren über die Luft in Gewässer eingetragen oder bei Regen von Fahrbahnoberflächen abgewaschen werden.“

 Die Kritiker der Wildvogelhypothese können allerdings nicht belegen, dass Laster aus Ungarn im fraglichen Zeitraum tatsächlich diese Routen genutzt haben. „Wir kommen nicht an die GPS-Daten der Geflügeltransporter heran. Das FLI kann das aber und muss es auch tun.“ Lorenzen will das zusammen mit der Zellbiologin Prof. Karina Reiß, dem Plöner Ornithologen Bernd Koop und dem Facharzt für Mikrobiologie, Prof. Dr. Sucharit Bhakdi, nachdrücklich fordern, wenn sie demnächst einer Einladung des FLI folgen.

 Sollte sich die Verbreitung über den Handel bestätigen, müsse die Politik die Geflügelpestverordnung ändern. „Denn wenn von Wildvögeln nur ein geringes Infektionsrisiko ausgeht, macht die Stallpflicht für freilaufendes Geflügel keinen Sinn, sondern ist nur eine weitere Schikane für kleine Freilandhaltungen“, sagt Lorenzen und verweist auf das WAI. Dort heißt es: „Die Folgen für Wasservögel sind im Allgemeinen weniger katastrophal als für Geflügelbestände, und die Verluste liegen erfahrungsgemäß im niedrigen Prozentbereich von Rastvogelbeständen. Zudem verschwinden die Viren im Freiland nach wenigen Wochen.“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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