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Im Hotelzimmer gestrandet

Familie Al Shalabi Im Hotelzimmer gestrandet

Sechs Quadratmeter Freifläche muss ein mittelgroßer Hund in einem Zwinger haben. Davon können Yousef (3) und Zeinab (6) aus Syrien nur träumen. Seit fast acht Monaten leben sie mit ihren Eltern auf engsten Raum in einem Hotelzimmer. Isoliert und zum Warten verdammt.

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Seit acht Monaten lebt Mohamad Al Shalabi mit seiner Frau Dalal Franssa und seinen Töchtern Zeinab (6) und Yousef (3) in diesem Familienzimmer mit Bad. Oft ist auch Sohn Belal hier. Der 16-Jährige kann die meiste Zeit ein eigenes kleines Zimmer nutzen, in dem er lernt und schläft.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Ohne Wohnung finden die Mädchen bisher keinen Platz in Kita und Schule. Ohne Wohnung haben die Eltern keine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Ein Doppelbett, ein Etagenbett, ein Minitisch, ein Schrank, zwei Hocker und ein Bad. Es ist ein schönes, sauberes Familienzimmer. Ideal für einen Hotelaufenthalt mit kleinen Kindern. Doch als dauerhafte Wohnung für vier Personen ist der Raum viel zu eng. Warmes Essen kann nur draußen, am Imbiss oder in preiswerter Gastronomie eingenommen werden. Das Zimmer hat nicht einmal einen Kühlschrank.

Immerhin hat der Sohn nach der Kieler Woche wieder ein Extrazimmer bekommen, in dem er schlafen und für die Schule lernen kann. Denn der 16-Jährige hat vor vier Monaten eine Schulplatz im RBZ-Technik bekommen. Er ist, sagt Belal, so froh, dass er lernen darf und in der Schule regelmäßig Kontakte hat. „Sonst geht es nicht weiter mit der neuen Sprache.“

Auch seine kleinen Schwestern sehen sich nach Kontakten, nach Kindern, mit denen sie spielen können. „Die Kleine weint viel, sie will zurück zu ihren Freundinnen nach Syrien. Sie versteht ja noch nicht, warum wir hier so lange in diesem Zimmer sein müssen“, sagt der Vater Mohamad Al Shalabi. Der 43-Jährige ist durch den Krieg in der Heimat gezeichnet.

Familie flüchtete nach Jordanien

Beim Bombenanschlag auf das Haus der Familie in Damaskus wurden nicht nur das Gebäude und der Familienbetrieb – ein Handwerksunternehmen mit rund 40 Mitarbeitern – zerstört, sondern auch Al Shalabi selbst schwer verwundet. Der linke Arm war zerfetzt und ist seither ein unkontrollierbares Anhängsel. „Plötzlich hatten wir nichts mehr. Wir wollten nur noch unser Leben retten“, sagt er

Die Familie flüchtet nach Jordanien. Der Vater versucht, sich trotz seiner Wunde und Schmerzen alleine durchzuschlagen, kommt über die Türkei, wo er operiert werden muss, und Griechenland über die Balkanroute im Mai 2015 nach Deutschland. Nur wenige Monate später ist er als Asylbewerber anerkannt und erhält die Genehmigung, seine Familie nachzuholen. Dass ihnen Deutschland eine gemeinsame Zukunft ermöglicht, empfindet die Familie als das größte Glück.

"Ich kann sie hier nicht rauslassen"

Deshalb wollen sich die Eltern fügen, als sie im Dezember 2015 von der Jugendherberge in das Hotelzimmer ziehen, halten Monat für Monat still, wollen auf keinen Fall undankbar erscheinen. Doch der Alltag zerrt an den Nerven. Der Vater, dem die Knochen aus dem Arm entfernt werden mussten und bei dem weitere Operationen anstehen, der immer wieder zu Ärzten muss und nur mit Schlaftabletten zur Ruhe kommt.

Die Mutter, die in Syrien als Schneiderin gearbeitet hat und endlich Deutsch lernen und arbeiten will, sich aber um die beiden Mädchen kümmern muss. „Sie wollen immer raus hier, spielen, zu anderen Kindern. Aber ich kann sie doch hier nicht rauslassen“, sagt die Mutter. Vor dem Hotel ist eine vierspurige Straße, dahinter reger Zugverkehr, auf der einen Seite ein Parkhaus, aus der anderen ein Parkplatz. Wenn möglich fährt die Mutter mit den beiden mit dem Bus hinüber nach Gaarden, um Wäsche zu waschen und die Kinder mal im Werftpark toben zu lassen. Aber das ersetzt keine Kitaplätze. Und Zeinab will unbedingt in die Schule. „Eigentlich wird sie jetzt schulpflichtig., doch bei allen Kitas und Schulen, die ich angefragt habe, haben gesagt: Ohne Wohnung könne man die Mädchen nicht aufnehmen“, berichtet Hussein Jknad, der die Familie betreut und unterstützt. Der Kieler, der 2003 aus dem Irak nach Deutschland kam, bemüht sich deshalb seit Monaten um eine Wohnung für die Familie. Die Wohnung muss mehr als 85 Quadratmeter habe, die Kaltmiete darf aber, weil sie vom Jobcenter bezahlt wird, eine bestimmte Höhe nicht überschreiten. Im Amt Preetz Land oder in Selent dürfen es maximal 557,65 Euro sein – in Preetz und Plön 619,40 Euro und in Kiel 702 Euro. „Ich habe ein Wohnung in Plön gefunden, aber die war 70 Euro zu teuer.“

Hussein Al Shalabi betont, dass sie „natürlich“ auch eine Wohnung auf dem Lande nehmen würden, wenn der Sohn von dort irgendwie seine Schule erreichen kann. „Im Herbst 2015“, sagt der Vater, „war mein Ziel, meine linke Hand zu retten. Jetzt würde ich sie opfern, wenn nur meine Familie endlich ein Zuhause bekommt.“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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