17 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
Lübecker Helfer in der Grauzone

Flüchtlinge Lübecker Helfer in der Grauzone

Die Polizei duldet es. Die Staatsanwaltschaft will nicht „mit Kanonen auf Spatzen schießen“. Die Stadt unterstützt die Aktivisten sogar. Am Rande der Altstadt haben Lübecker eine Anlaufstelle für Flüchtlinge eingerichtet, die nach Skandinavien weiterreisen wollen. Anfangs war es eine spontane Idee, um kurzfristig Hilfe zu leisten. Nach nunmehr zwei Wochen ist das Refugee-Camp in dem selbstverwalteten Kulturzentrum „Alternative“ zu einem festen, bundesweiten Drehkreuz geworden. Ein Ortstermin.

Voriger Artikel
Licht und Schatten bei der Inklusion
Nächster Artikel
Pralle Schöpfung erfreut die Sinne

Christoph Kleine (48) gehört zu den Organisatoren des Solidarität-Camps. Der Betrieb im Kulturzentrum ruht. Ein Zelt, Konzertsaal und Bar, Café und Probenräume dienen jetzt als Matratzenlager.

Quelle: Leo Bloom

Lübeck. 140 sind es in dieser Nacht. 140 Menschen aus Syrien, dem Irak, aus Afghanistan und Eritrea, für die noch vor Morgengrauen von Lübeck aus der nächste Abschnitt ihrer Flucht in ein hoffentlich besseres Leben beginnt. Die wenigen Habseligkeiten schnell in Taschen gerafft. Auf dem Weg vom Schlaflager zum gecharterten Linienbus noch ein Brot, ein Getränk und ein Lächeln der Aktivisten zum Abschied. Dann geht es los. Los nach Travemünde und von dort aus per Fähre nach Malmö oder Trelleborg. Die Tickets sind gebucht und bezahlt, finanziert aus Spenden von Menschen aus Lübeck und Umgebung. „Es ist bemerkenswert, wie sehr die Bevölkerung uns unterstützt, wie viele Menschen mit anpacken und was hier logistisch gewachsen ist“, sagt Christoph Kleine.

 Ganz am Anfang war es der 48-Jährige, der schnell eine Lösung suchte. „Es war der 8. September, als die Bundespolizei im Lübecker Hauptbahnhof einen Zug stoppte, in dem über 200 Flüchtlinge auf der Weiterreise nach Skandinavien saßen“, berichtet Kleine. Obgleich die Beamten nicht gegen die Flüchtlinge vorging, bezeichnet er die folgenden Stunden als Drama. Die wenigsten willigten ein, sich in eine Erstaufnahmeeinrichtung bringen zu lassen. Die Mehrheit wollte zu Verwandten und Freunden nach Schweden oder Finnland weiterreisen. „Es musste ein Ausweg gefunden werden, so dass wir uns spontan entschlossen haben, Flüchtlinge auf der Durchreise in der Alternative aufzunehmen“, sagt Kleine vom Lübecker Flüchtlingsforum. Im Eiltempo wurden Matratzen, Lebensmittel und Kleiderspenden herbeigeschafft, im Internet um materielle und finanzielle Unterstützung gebeten. Mit dem Geld kaufen die Unterstützer seither Fährtickets – wohl wissend, dass sie sich streng genommen strafbar machen. Juristisch könnte man Kleine und seinen mittlerweile 300 Helfern des „Solidarität-Camps“ Beihilfe zum Verstoß gegen das Aufenthaltsgesetz vorwerfen, schlimmstenfalls sogar Schleuserei. Aber: Bisher sind weder Polizei noch Staatsanwaltschaft aktiv geworden. Im Gegenteil: Selbst die Stadtverwaltung unterstützt die Aktivisten, hat ihnen ein angrenzendes und leerstehendes Gebäude des Grünflächenamtes zur Verfügung gestellt.

 Rund um die Uhr wird in der viel zu kleinen Küche gekocht. „Bis zu 20 Stunden am Stück habe ich schon nonstop am Herd gestanden und Gerichte aus Reis und Linsen zubereitet“, sagt Janos Kistenmacher.Auch Medizinstudentin Talina Schmidt ist im Dauereinsatz, versorgt die Flüchtlinge mit warmen Getränken. „Jede Hand wird gebraucht – und meine Zeit spende ich gern, zumal ich hier sehen kann, dass die Hilfe ankommt“, sagt die 21-Jährige. Längst gibt es einen Schichtplan. Sind genug Dolmetscher für Arabisch und Farsi vor Ort? Haben sich schon Ärzte für das Wochenende in die Liste eingetragen? Haben die Reedereien die offenen Platzkontingente durchgegeben? „Zu jeder Tages- und Nachtzeit sind organisatorische Entscheidungen zu treffen – und wir alle tun es gern. Das ist für uns alle gelebte Solidarität“, sagt Kleine.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Nordkirchen-Synode
Foto: Wollen die Gemeinden für Menschen ohne religiöse Zugehörogkeit öffnen: Frank Zabel (v.l.), Gerhard Ulrich, Dr. Andreas Tietze und Dr. Martin Vetter.

Die Nordkirchen-Synode hat auf ihrer Tagung die Verantwortung ihrer über 1000 Gemeinden für die Flüchtlingsarbeit in den Blick genommen. „Die Ortsgemeinde bietet die Struktur, in der Integration für jene erbracht werden kann, die wir willkommen heißen und die bei uns Schutz suchen“, sagte Landesbischof Gerhard Ulrich.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten: Schleswig-Holstein 2/3