23 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Aus der Wüste ins Watt

Flüchtlinge auf Langeneß Aus der Wüste ins Watt

Ende einer langen Flucht: Für eine syrische Familie mit drei Kindern ist Hallig Langeneß das neue Zuhause. Nach einem ersten Schock haben sich die Flüchtlinge an das Leben im Wattenmeer gewöhnt – auch dank der großen Hilfsbereitschaft.

Voriger Artikel
Ärger um private City-Streifen
Nächster Artikel
Autofahrer stirbt bei Unfall auf B5

Ahmed Alsamiye und seine Tochter Halasham: Zu Hause, in Syrien, konnte er den Horizont nicht sehen. Auf Langeneß lernten er und seine Familie gleich in den ersten Tagen die Herbststürme kennen.

Quelle: Carsten Rehder/dpa

Langeneß. Die Sonne spiegelt sich über dem Wattenmeer, Ahmeds Blick schweift vom Wohnzimmer in die Weite des Horizonts. Nur ein Auto stört die flache Wiesenidylle zwischen zwei Warften. Seit November lebt der 32 Jahre alte Syrer mit seiner Familie auf Hallig Langeneß – 4000 Kilometer entfernt von seinem Heimatdorf in der Nähe der syrischen Grenze zum Libanon und Israel. Den Horizont konnte er dort nicht sehen. „Ich dachte, ich wäre am Ende der Welt angekommen“, sagt er über seine neue Heimat.

Keine Anonymität der Großstadt, kein Problemviertel. Auf der kleinen Hallig wohnen nur 100 Menschen. Das neue Heim der Familie mit drei Kindern ist eine 95 Quadratmeter große Ferienwohnung der Petersens – Meerblick inklusive aus allen Zimmern. „Als sie hier ankamen, fragten sie: Kommen da noch mehr“, erinnert sich Irina Petersen. Ahmeds Frau Iman trägt Kopftuch, mag auch nicht fotografiert werden. Gegensätze prallen aufeinander. Gleich an den ersten Tagen lernten die Syrer die Naturgewalten des Wattenmeers kennen. „Entweder war Sturm oder Regen oder einfach beides.“ Herbststürme peitschten über die Nordsee. Landunter. Vor allem die Dunkelheit bereitet den Flüchtlingen anfangs Probleme.

Idealbedingungen für Integration

Knapp fünf Monate später hat sich die Familie auf Langeneß eingelebt. Die beiden Mädchen Fatma (sechs) und Sham (vier) besuchen die Halligschule beziehungsweise den Kindergarten, lernen jeden Tag mehr Deutsch. Die kleine Halasham (eins) bleibt noch zu Hause. Im Sommer kommt Kind Nummer vier. „Ich Schule“, sagt Sham und klettert in das weiße Auto der Petersens. Vater Johann bringt die Kinder zur Halligschule. 18 Schüler aller Altersstufen werden dort von zwei Lehrern unterrichtet. Idealbedingungen für die Integration in eine neue Welt mit anderer Kultur, einer neuen Sprache.

Wenn sie im Garten vor dem Haus spielen, unterhalten sich die Kinder bereits auf Deutsch. „Wir reden einfach“, sagt Petersens Sohn Leo. Die Verständigung mit den Kleinen geht prima. Die Kommunikation mit ihren Eltern fällt den Petersens dagegen noch schwer. Sie sprechen kein Arabisch, die neuen Mitbewohner im Obergeschoss kein Englisch. „Es geht mit Händen und Füßen irgendwie“, sagt Irina Petersen. Und manchmal auch mit Hilfe eines Dolmetschers. Einmal in der Woche fährt sie mit ihrer Tochter Lene und Ahmed auf der Lore auf der Halligbahn ans Festland. Die Tochter hat dann Klavierunterricht in Niebüll, Irina nutzt die Zeit für einen Besuch beim irakischen Kaufmann Mustafa. Dann wird mit seiner Hilfe als Dolmetscher besprochen, wo den Syrern gerade der Schuh drückt oder was ihnen fehlt.

Dass die syrische Familie auf Langeneß überhaupt eine Zuflucht finden konnte, hat mit der Hartnäckigkeit der Petersens zu tun. Familienvater Johann bringt mit seinem Holzboot und der Lore die Post auf die Halligen Oland, Langeneß, Gröde und Habel. Als er die Bilder aus dem Krieg in Syrien und das Leid der Menschen sah, wollte er helfen, durfte aber nicht. Man könne hier niemanden ’rüberschicken, hieß es in der Ausländerbehörde des Kreises Nordfriesland zunächst.

Die meisten Halligbewohner sind angetan

Eine Hallig ist auch nach Ansicht von Schleswig-Holsteins Flüchtlingsbeauftragtem Stefan Schmidt nicht wirklich ideal für Flüchtlinge. „Wenn es aber klappt und noch dazu der Kontakt zur Familie besteht, ist das für eine Integration natürlich das Beste.“ Schließlich stimmten die Behörden angesichts der vielen Flüchtlinge zu. Am 2. November holten die Petersens die syrische Familie in Niebüll ab, fuhren sie mit der Lore nach Langeneß. „Die waren ziemlich entsetzt“, sagt Johann Petersen. Ihren Nachbarn auf der Hallig erzählte die Familie zunächst nichts. „Das Ganze hätte ja auch schiefgehen können.“ Ging es aber nicht. Die Syrer fühlen sich wohl. „Das Gros der Halligbewohner ist ganz angetan.“

Ahmed will arbeiten, so schnell es geht. Sein Wunsch ist ein Job als Fahrer, wie er ihn in seiner Heimat hatte, erzählt er. Er würde aber auch in der Landwirtschaft helfen. Dass er mit Tieren umgehen kann, hat er bereits bei der Arbeit mit den Highland-Rindern der Petersens bewiesen. Junge Familien fehlen auf den Halligen, Arbeitskräfte werden dort eigentlich immer gesucht. „Wir haben schließlich ein kleines demografisches Problem“, sagt Petersen. „Die anderen hier fragen mich schon immer: Können wir den nicht auch mal haben?“

Ahmed kann sich durchaus vorstellen, auf der Hallig zu arbeiten, um seine Familie zu versorgen: Ob sie dort für immer bleiben wollen, lässt er offen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
KN-KSV-Liveticker

Verfolgen Sie alle Spiele von Holstein Kiel im KN-KSV-Liveticker.

Das THW-Magazin

Erfahren Sie mehr!
Einblicke hinter die
Kulissen des THW-Kiel

Anzeige
ANZEIGE
Mehr aus Nachrichten: Schleswig-Holstein 2/3