16 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Geplatzte Träume in Schweden

Flüchtlingspolitik Geplatzte Träume in Schweden

We want Sweden! Seit dem 10. September haben allein 5500 Flüchtlinge über Kiel das erträumte Zufluchtsland Schweden erreicht. Doch bei vielen von ihnen ist die Erleichterung inzwischen der Ernüchterung gewichen.

Voriger Artikel
So lockt nur der "echte Norden"
Nächster Artikel
Scheibe von Streifenwagen eingeschlagen

Anfang September wurde auch Kiel zum Fluchthafen: Tausende Menschen reisten von hier aus weiter nach Schweden, ins vermeintlich gelobte Land.

Quelle: Frank Peter

Kiel/Göteborg. So empfindet es auch Yasser Khayata. Der 44-jährige Syrer sitzt mit seiner Familie seit Wochen in einer unbeheizten Flüchtlingsunterkunft und sagt: „Wenn ich heute entscheiden müsste, würde ich in Deutschland bleiben.“ Eine Aussage, die bei Gesprächen mit Flüchtlingen in Schweden immer wieder fällt.

 Das Wort „Kiel“ ruft bei Yasser Khayata, seiner Frau und ihren beiden Kindern geradezu euphorische Kommentare hervor. Nirgendwo während der ganzen Flucht, zu der eine gefährliche Bootsfahrt nach Griechenland und lange Strecken zu Fuß gehörten, seien sie so gut aufgenommen worden wie in Kiel. „Als wir abends ankamen, war die Fähre nach Schweden schon abgefahren. Aber wir wurden von einem Kieler eingeladen, bei ihm zu übernachten, zu duschen, zu essen. Er heißt Olaf und wir sind ihm so dankbar für diese Gastfreundschaft!“

 Doch richtig beruhigt war die Familie erst, als sie auf der Fähre nach Göteborg saß. „Ich wollte Sicherheit für meine Familie, aber auch eine Zukunft.“ Und von Schweden wusste Yasser Khayata, dass dort auch Kriegsflüchtlinge eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung bekommen können, nicht nur eine auf drei Jahre begrenzte wie in Deutschland. Dass sich das schnell ändern könnte, konnte er sich nicht vorstellen.

Schweden rechnet mit 190000 Flüchtlingen

 Nach der Ankunft in Göteborg wird die Familie mit einem Bus in eine nahegelegene Erstaufnahmeeinrichtung des Migrationswerkes gebracht und registriert. Doch nach drei Tagen geht es weiter. Die Familie muss Platz machen für Neuankömmlinge: Noch im August war Schweden von 74000 Flüchtlingen im Jahr 2015 ausgegangen. Nun rechnet man mit 160000 bis 190000.

 Täglich kommen über Göteborg, Malmö und Trelleborg bis zu 2000 Flüchtlinge in Schweden an und lösen eine hektische Suche nach Gemeinschaftsunterkünften aus. Anders als in Deutschland gibt es viele Gebäude in kommunalem Besitz, die zumindest auf dem Land erst einmal genutzt werden können: Durch die Abwanderung in die Städte stehen vor allem Schulgebäude, Kitas und Versammlungshäuser leer. Auch Familie Khayata wird in solch einem Gebäude einquartiert. In einem ehemaligen Altenheim in einem 200-Seelen-Dorf etwa in der Mitte zwischen Göteborg und Stockholm bezieht die Familie ein Zimmer. Zwei Doppelstockbetten, Schrank, Tisch, Stühle. Damit ist die Familie zufrieden. Auch die Menschen im Dorf seien freundlich. „Aber hier sind 140 Menschen untergebracht, davon 50 Kinder, und wir haben von Anfang an, also seit 25 Tagen, keine Heizung und kein Warmwasser. Viele sind inzwischen krank. Ich kann kaum glauben, dass ich in Schweden bin.“ Draußen ist es tagsüber zehn Grad kalt, nachts nahe dem Gefrierpunkt. „Außerdem gibt es nicht genug Milch und Obst für die Kinder. Warum können wir nicht selbst einkaufen und kochen? Hier gibt es doch eine Küche.“

 Der Protest scheint in einem Punkt erfolgreich. Während unseres Gesprächs kommt eine Firma, um Heizung und Warmwasser in Gang zu bringen. Doch beim Essen bleibt das Migrationswerk bei seinen Regeln: In Gemeinschaftsunterkünften werden drei Mahlzeiten pro Tag gestellt, Selbstversorgung ist nicht möglich. Etwa 18 Euro stellt Schweden pro Tag und Flüchtling für Essen bereit und 22 Euro für die Unterbringung. Die Flüchtlinge selbst bekommen nur ein kleines Taschengeld: etwa 2,70 Euro am Tag der Familienvater, 2,20 Euro die Mutter, jedes Kind 1,50 Euro. Davon müssen Kleidung, Hygieneartikel, Bustickets, der Handyvertrag bezahlt werden.

 Viele in der Unterkunft würden sich gerne betätigen, lernen, sich für den Arbeitsmarkt fit machen. Auch wenn sie erst mit einer Aufenthaltserlaubnis arbeiten dürfen. Die zu bekommen, dauert zurzeit sechs bis zwölf Monaten – auch in Schweden fehlt das Personal, um die Asylanträge zügig zu bearbeiten. Die Flüchtlinge in dem Heim würden die Wartezeit gerne nutzen, um Schwedisch zu lernen. Die Kinder, die noch ein paar Wochen auf ihren Schulbesuch warten müssen, aber auch die Erwachsenen. „Eine Stunde Unterricht pro Woche wurde uns jetzt versprochen, aber das reicht nicht. Wir wollen mit den Menschen hier sprechen können“, sagt Fadi Sayegh (35), der allein aus Syrien gekommen ist. Der Pharmazeut würde sich gerne in der Universität fortbilden. Doch allein das Busticket dahin kostet im Monat rund 80 Euro, fast sein gesamtes Taschengeld. Dann müsste er aufs Handy verzichten, doch das ist die einzige Verbindung zu seiner Frau und seinen beiden kleinen Kindern, die er so vermisst. Sie sitzen in einem Flüchtlingslager im Nahen Osten und hoffen, schnell nach Schweden nachkommen zu können.

 Doch was lange Zeit als selbstverständlich in Schweden galt, ist jetzt ins Wanken geraten. Die Bedingungen für den Nachzug von Angehörigen wurden verschärft, vor allem das dauerhafte in ein begrenztes Bleiberecht umgewandelt.

 Die Verschärfung des Asylrechts verunsichert auch die Flüchtlinge stark, die in einem Hotel am Vätternsee einquartiert worden sind. „Ob die neuen Regeln auch für uns gelten, kann uns noch niemand sagen“, sagt Sayed (24) aus Syrien. In den Nachbarzimmern sorgt man sich noch mehr um die Sicherheit. 19 Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte wurden in den vergangenen Wochen gezählt, dazu der rassistisch begründete Amoklauf in der Schule in Trollhättan. „Schnell Schwedisch lernen und arbeiten wäre unser bester Schutz“ sagt Sayed, „dann sehen die Menschen, dass wir hier nur in Ruhe leben und für uns sorgen wollen. Solange wir zum Warten verdammt sind, denken doch viele, wir wollen nur auf ihre Kosten leben.“

 Schwedens Asylgesetz

 Kein Thema wird in Schweden so intensiv diskutiert wie die Flüchtlingspolitik. Obwohl das Asylgesetz deutlich verschärft wurde, wünschen 59 Prozent der Schweden weitere Restriktionen. Regierung und Teile der Opposition hatten am vergangenen Freitag einen 21-Punkte-Plan verabschiedet, der dem deutschen Asylgesetz ähnelt. Danach erhalten Asylbewerber in der Regel nur noch eine auf drei Jahre befristete Aufenthaltserlaubnis, der Nachzug von Familienmitgliedern wurde eingeschränkt. Flüchtlinge sollen schneller Schwedisch lernen und arbeiten, abgelehnte Asylbewerber schneller abgeschoben werden. Schwedens Kommunen dürfen die Aufnahme von Flüchtlingen nicht mehr verweigern.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

Mehr aus Nachrichten: Schleswig-Holstein 2/3