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Hohe Hürden vor der Chance

Flüchtlingsjobs Hohe Hürden vor der Chance

Optimisten erkennen im Zuzug vieler Flüchtlinge in den Norden auch eine Chance: die Besetzung vieler vakanter Jobs und Ausbildungsstellen im Zeichen des sich verschärfenden Fachkräftemangels. Diese Chancen sieht auch die für Kiel zuständige Handwerkskammer Lübeck.

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Aufklärungsbedarf: Sabine Bruhns von der Handwerkskammer Lübeck berät die russische Migrantin Asha Alieva.

Quelle: Olaf Malzahn

Kiel/Lübeck. Wie viele Flüchtlinge solche Chancen nutzen (können), bleibt jedoch unklar. Denn die Hürden in den Arbeitsmarkt – vor allem die sprachlichen – sind hoch für die Bewerber.

„Die Bereitschaft der Betriebe, hier etwas zu tun, ist jedenfalls sehr, sehr groß“, erklärt der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer, Andreas Katschke. So gebe es derzeit im Land noch bis zu 600 unbesetzte Ausbildungsstellen in fast allen Branchen. Wie viele davon mit Flüchtlingen besetzt werden könnten, hänge von ihrer Qualifikation und Motivation ab. Dabei spiele die Sprache eine entscheidende Rolle. „Denn ohne ausreichende Kenntnisse können sie weder dem Berufsschulunterricht folgen noch sich in Betrieben ausreichend verständigen.“

 Weiteres Problem: Viele Flüchtlinge können keine Abschlüsse an Schulen, Hochschulen oder von Ausbildungen nachweisen. Dort sieht Katschke die Chance, Qualifikationen in Praktika unter Beweis zu stellen: „Wenn die Bewerber hier überzeugen, ist es den Betrieben völlig freigestellt, sie dann auch zu übernehmen.“ Keine Kompromisse will die Kammer jedoch bei Anforderungen in Gesellenprüfungen eingehen. „Es sind zwar sprachliche Hilfestellungen denkbar, aber fachlich dürfen wir in Prüfungen keine Abstriche machen.“

 Um Asylbewerbern Hilfestellung auf ihrem Weg in den deutschen Arbeitsmarkt zu leisten, dient die Handwerkskammer als Träger des Lübecker Beratungsprojekts „Handwerk ist interkulturell“ (gehört zum Netzwerk „Mehr Land in Sicht“). Rund 600 Flüchtlinge suchten dort im vergangenen Jahr Rat und Hilfe für Jobs oder Ausbildungen, mit mindestens 1000 rechnet Projektleiterin Sabine Bruhns in diesem Jahr. Etwa 75 Prozent der Projektteilnehmer finden so eine mehr oder minder viel versprechende Perspektive: durch Schulbesuch, ein Praktikum oder gar Ausbildung.

 Doch dieser Weg ist oft steinig. „Zu uns kommen oft Menschen mit langer Schulausbildung oder sogar Studienabschlüssen“, berichtet Sabine Bruhns. Oft fehlten aber durch die Flucht entsprechende Nachweise. Folge: Von den erworbenen Qualifikationen bliebe oft nicht mehr übrig als ein anerkannter Hauptschulabschluss. „Das ist für viele natürlich ein ernüchternder Schlag ins Kontor.“

 Hinzu kämen finanzielle Probleme. Denn die beglaubigte Übersetzung von Zeugnissen oder anderen Qualifikationsnachweisen koste meist mehrere hundert Euro, die die Flüchtlinge in der Regel selbst bezahlen müssten. Noch teurer, bis zu annähernd 1000 Euro, sind nach Schilderung der Projektleiterin sogenannte Kompetenzfeststellungen, die vor allem in fachlich anspruchsvollen Berufen wie Kfz-Mechatroniker, Zahntechniker oder Elektriker gefordert seien. Auch diese Kosten würden nur in Ausnahmefällen bezuschusst.

 Die größte Sorge bereitet Sabine Bruhns jedoch der eklatante Mangel an Sprachkursen. Nur etwa 30 ihrer Schützlinge hätten einen Platz in den vom Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge geförderten Kursen bekommen, mindestens 70 seien jedoch nötig. Dabei gebe es viele sehr „ermutigende“ Beispiele von Arbeitgebern, die gern Flüchtlinge ausbilden oder einstellen wollten. „Aber ohne ausreichende Sprachkenntnisse kommen sie einfach nicht zusammen.“

 Nach Angaben des Kieler Jobcenters liegen noch keine belastbaren Zahlen über Angebot und Nachfrage zu Ausbildungsplätzen oder Jobs für Flüchtlinge vor. Entsprechende Anfragen von Arbeitgebern gebe es nur vereinzelt. Trotzdem bereite man sich in enger Abstimmung mit der Stadt und der Arbeitsagentur auf die zu erwartenden „großen Aufgaben“ vor, erklärt Jobcenter-Sprecher Gerald Weber: „Denn die Geschehnisse der vergangenen Wochen und Tage zeigen, dass Sachlagen von den Ereignissen überholt werden.“

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Ein Artikel von
Jürgen Küppers
Lokalredaktion Kiel/SH

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