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Cybercrime: Eine unterschätzte Gefahr

Gastbeitrag Cybercrime: Eine unterschätzte Gefahr

Sie räumen Konten leer, stehlen sensible persönliche Daten oder legen ganze Industriebetriebe lahm: Cyberverbrecher nutzen die Anonymität des Internets und können damit jedem Nutzer schaden. Trotzdem bleiben die meisten Taten im Dunkeln.

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Cyberattacken können aus der ganzen Welt kommen und jeden Internetnutzer treffen. Immer häufiger sind auch Unternehmen, Behörden und sogar Krankenhäuser davon betroffen.

Quelle: Julian Stratenschulte/dpa

Kiel. Im Folgenden erläutert Torge Stelck, Sprecher des Landespolizeiamtes, in einem Gastbeitrag, warum das so ist und wie man sich schützen kann.

 Die Polizei zählt zu Cybercrime verschiedene Straftaten, in denen Computersysteme gehackt, Daten gestohlen oder verändert werden. Im vergangenen Jahr wurden laut Zahlen des Bundeskriminalamts (BKA) von gestern bundesweit 45793 Cybercrime-Delikte angezeigt. Den größten Anteil hieran hat der „Computerbetrug“, also zum Beispiel das Geldabheben mit einer gestohlenen EC-Karte samt PIN.

 Im Vergleich zu 2014 hat das BKA vergangenes Jahr einen Rückgang der Delikte von 8,3 Prozent verzeichnet. Aufgeklärt wurde etwa ein Drittel der angezeigten Fälle. Vergleiche zu den Vorjahren sind aber nur eingeschränkt möglich, da die Richtlinien für die Erfassung 2015 mit dem Ziel einer besseren Vergleichbarkeit zu anderen Delikten verändert worden sind. Daher sieht das BKA keinen Grund zur Entwarnung: Die Ermittler gehen davon aus, dass im vergangenen Jahr durch Cybercrime-Attacken ein Schaden von 40,5 Millionen Euro entstanden ist.

 Ein großes Problem ist das riesige Dunkelfeld, also die Taten, die gar nicht bemerkt oder bei der Polizei angezeigt werden. Dies liegt nach Auskunft von Alexander Hahn, Leiter des Cybercrime-Dezernats im Landeskriminalamt in Kiel, etwa an besseren Anti-Virus-Programmen oder der Angst geschädigter Unternehmen, ihren guten Ruf zu verlieren. Viele Taten verbleiben auch im Dunkeln, weil die Geschädigten den eingetretenen Schaden als gering ansehen und daher den Aufwand einer Anzeige scheuen. Dabei zitiert der oberste Cybercrime-Bekämpfer im Norden noch eine andere Statistik: Der Branchenverband der IT-Wirtschaft spricht in seiner Cybercrime-Studie von einem jährlichen Schaden in Höhe von 51 Milliarden Euro für die deutsche Wirtschaft und rechnet dabei die nicht angezeigten Taten mit ein.

Schadprogramme aus dem Darknet

 Mehr Anzeigen wären aus Sicht des LKA wichtig, um Cyberattacken besser analysieren und dann die Täter ermitteln zu können. Schwierig und langwierig seien Ermittlungen auch deshalb, weil Cybercrime ein internationales Geschäft sei und sich bestimmte Schadprogramme sogar ohne technisches Wissen im „Dark-net“ besorgen lassen. Die Täter handelten meist aus finanziellen Gründen und versuchten, Geldtransaktionen auf eigene anonyme Konten zu leiten. Dieses Vorgehen spiele insbesondere bei derzeit vermehrt auftretenden Erpressungen eine Rolle. Aktuelles Phänomen sei zum Beispiel so genannte „Krypto-Ransomware“. Hier werden Computer von Privatpersonen oder ganze EDV-Systeme von Firmen, Kliniken oder Verwaltungen infiziert und die enthaltenen Daten verschlüsselt. Der Nutzer kann dadurch nicht mehr auf seine Daten zugreifen und wird durch die Täter erpresst, um gegen Zahlung eines „Lösegeldes“ einen Entschlüsselungscode zu erhalten. Doch selbst wenn die Geschädigten zahlen, bleiben die Daten häufig gesperrt.

 Die Landespolizei hat in den vergangenen Jahren mehrere Spezialdienststellen geschaffen, um den Tätern auf die Spur zu kommen. Zurzeit gibt es neben den Ermittlern im Landeskriminalamt, die sich um herausragende Taten kümmern, Cybercrime-Jäger bei allen Polizeidirektionen in Schleswig-Holstein. „Wünschenswert wären zusätzliche Spezialisten, da das Landeskriminalamt von einer weiteren Ausweitung der Cyberkriminalität ausgeht“, so Hahn.

 Der Dezernatsleiter erläutert auch, dass es trotz aller Schwierigkeiten gelungen sei, immer wieder Nutzer von Untergrund- bzw. Darknet-Foren zu ermitteln, in denen Straftaten verabredet und durchgeführt wurden. Dabei finden in der Regel Hausdurchsuchungen statt, bei denen Hardware sichergestellt und intensiv ausgewertet wird.

 Hahn wünscht sich weitere Verbesserungen, um die Ermittlungsarbeit erfolgreicher zu machen. So seien längere Fristen in der Vorratsdatenspeicherung wichtig. Auch eine bessere internationale Kooperation und die Harmonisierung von rechtlichen Rahmenbedingungen stehen auf seiner Wunschliste, denn das „Internet kennt eben keine Grenzen“, so Hahn. Zudem sieht er Hindernisse durch die Abhängigkeit vom Wohlwollen internationaler Unternehmen, wenn es etwa um die Herausgabe von Informationen oder Löschungen von so genannten Hass-Postings geht.

 Von Torge Stelck

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