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Widerstand gegen die Zentralisierung

Geburtshilfe Widerstand gegen die Zentralisierung

Im Landeshaus wird wieder einmal heftig diskutiert. Marret Bohn, Landtagsabgeordnete der Grünen und selbst Ärztin, will hören, wie es auf Sylt und in Oldenburg jetzt läuft. Seit der Schließung der Geburtskliniken gelten dort ein Notfallkonzept und ein Boardingsystem. Es funktioniert, sagen die Kliniken. Es reicht nicht, sagen Hebammen und Eltern.

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Hebamme Ulla Grabowski (63, rechts) hat 4700 Kinder auf die Welt geholt. Sie sagt: „Gebären ist das Natürlichste der Welt. Wir sollten es nicht pathologisieren.“

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Boarding bedeutet: An den Klinikstandorten Eutin und Flensburg stehen Appartements bereit, in denen die werdenden Mütter auf Kassenkosten auf die Geburt warten und Geschwisterkinder betreut werden können. Anke Bertram, Hebamme auf Sylt, gehört zu den Kritikerinnen des Konzeptes. Eine Schwangere habe fünf lange Wochen im Boardinghaus in Flensburg auf die Geburt gewartet. „Das ist für die ganze Familie eine belastende Situation gewesen, bedeutet außerdem zusätzlichen Zeitaufwand und Mehrkosten.“

Bertram berichtet auch von anderen kritischen Situationen. Wie bei jener Schwangeren, bei der sechs Wochen vor dem errechneten Termin die Wehen einsetzten. „Es fuhr kein Autozug mehr. Also trugen die Sanitäter die Frau in ein Großraumabteil der Nordostseebahn. Dort musste sie zwischen den anderen Gästen in Wehen liegen. Erst nach drei Stunden war sie endlich in Flensburg.“ Für die Frau sei das ein Alptraum gewesen.

Auch Hebammen und Eltern aus Oldenburg und Fehmarn kritisieren das Ersatzkonzept als „unausgegoren“ und „untauglich“. Eine Mutter hat auf dem Standstreifen der Autobahn entbunden. Eine dreifache Mutter hat sich schon Wochen vor der Geburt immer wieder gefragt, ob sie sich auf den Weg machen sollte. „Irgendwann ist man so zermürbt, dass man sogar die Geburt einleiten lassen will. Das ist doch ein krankes System.“

Es sei immer von Sicherheit die Rede, genau die sei aber auf dem langen Weg zur Klinik nicht gewährleistet, kritisiert Bärbel Noack-Stürck, Vorsitzende des Hebammenverbandes. „Der Rettungsdienst ist nicht genug in Geburtshilfe ausgebildet. Die können die Hände doch gar nicht in die Frau kriegen.“ Deshalb müsse im Rettungswagen immer eine Hebamme mitfahren. Eine Forderung, die Bohn unterstützt: „Die Hebammen müssen in die Notfall- und Rettungskonzepte eingebunden werden. Hebammen können der Schwangeren mehr Sicherheit und persönliche Zuwendung vermitteln.“ Bisher ist eine Hebamme im Rettungswagen nicht möglich, weil Einsatz und Rufbereitschaft nicht vergütet werden.

Die FDP-Landtagsabgeordnete Anita Klahn hält das Boarding für „nicht zu Ende gedacht“. Katja Rathje-Hoffmann (CDU) streitet weiter für kleinere Kliniken mit unter 500 Geburten pro Jahr. Schließlich verliefen die meisten Geburten komplikationslos, auch dank der Hebammen. Die SPD-Abgeordnete Birte Pauls spricht sich gegen eine weitere Zentralisierung der Geburtshilfe aus. Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) verweist auf den Bericht zur Geburtshilfe, den sie im Herbst vorlegen will.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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