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Windkraft-Gegner teilen kräftig aus

„Gegenwind“-Symposium Windkraft-Gegner teilen kräftig aus

Zum Schluss wurde es doch noch laut. Der Landesverband Gegenwind hatte am Sonnabend zum 2. Windkraftsymposium ins RBZ Wirtschaft nach Kiel eingeladen, und nach mehreren Stunden machten viele der rund 80 Zuschauer gegenüber den anwesenden Landespolitikern von Grünen, CDU, FDP und Piraten ihrem Ärger Luft.

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Windkraftkritiker unter sich: Susanne Kirchhof vom Verein „Gegenwind“ diskutiert mit Professor Gonde Dittmer von der Fachhochschule Kiel (rechts) und Ingenieur Gerhard Artinger aus Bargteheide.

Quelle: Thomas Eisenkrätzer

Kiel. Vorausgegangen waren vorwiegend technisch orientierte Vorträge von Fachleuten, die sich dem Ausbauthema ähnlich kritisch nähern wie die Gastgeber.

„Bei uns verdienen sich einige in der Gemeinde auf Kosten der Gesellschaft dumm und dämlich“, schimpfte ein Mann im Publikum und wurde dafür heftig applaudiert. „Abstand, Abstand, Abstand“, forderte ein anderer. „Warum wird das von der Politik so wenig berücksichtigt?“ Ein Fehmaraner fragte, ob Menschen in Splittersiedlungen weniger schützenswert seien als die Bewohner fester Ortschaften – die Landesplanung sieht für Windräder Mindestabstände von 800 Metern zu Ortschaften und 400 Metern im Außenbereich vor. Eine Schülperin berichtete von ihrem „entzückenden kleinen Haus mit Wintergarten“ am Ortsrand, das nun so wenig wert sei, dass sich der Makler noch nicht einmal mehr zurückmelde. Und eine andere Frau outete sich als enttäuschte Grünen-Wählerin: „Ich habe Sie gewählt, weil Sie den Seeadler schützen“, warf sie dem Abgeordneten Detlef Matthiessen an den Kopf. Und nun solle 400 Meter von ihrem Haus entfernt eine Windkraftanlage entstehen.

Infraschall bedrückt viele

So viel steht fest: Die Skepsis der Kritiker ist auch nach der neuen Ankündigung der Landesregierung, das Ausbautempo zu drosseln und sich zehn Jahre länger Zeit zu lassen, keinesfalls kleiner geworden. „In toto“ halte Energiewendeminister Robert Habeck (Grüne) an seinen Zielen fest, stellte Susanne Kirchhof vom Landesverband Gegenwind klar. Windstrom sei aber nun einmal nicht sauber: „Natur wird zerstört, Artenschutz missachtet und die Gesundheit von Menschen beeinträchtigt.“

Detlef Krahé, Professor für Elektroakustik an der Bergischen Uni Wuppertal, wies darauf hin, dass sich 20 Prozent der Windrad-Anwohner durch Lärm und Schattenwurf sehr hoch bzw. hoch belästigt fühlen. „Tieffrequenter Infraschall sollte mehr Beachtung finden“, empfahl er der Politik.

Gonde Dittmer, Mathematiker und emeritierter Professor für Regelungstechnik an der FH Kiel, hält den Ausbau prinzipiell für widersinnig und deshalb auch jegliche Abstandsdiskussion für obsolet. Es gebe nicht genügend windreiche Standorte, in Windparks entstehe zwischen benachbarten Turbinen ein Abschottungseffekt, und darüber hinaus nehme die Anzahl der Starkwinde bis zum Jahr 2050 um bis zu 30 Prozent ab. Die Politik werde vom „einfältigen“ Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) quasi „gezwungen, so viel Schaden wie möglich anzurichten, um aus dem Topf mit den Zwangsbeiträgen der Elektrokunden möglichst viel Geld zum Nutzen des eigenen Landes abzuzweigen“, sagte er. Der Landesregierung bleibe also gar nichts anderes übrig, als viele Flächen auszuweisen. Dittmer forderte, „Politikern nicht das Feld zu überlassen“, sondern dem Umweltministerium einen Beirat aus „sachkundigen Bürgern“ zur Seite zu stellen. Der Minister solle die Wirksamkeit jeder einzelnen Maßnahme nachweisen.

Politik-Bashing sei unverschämt

Grünen-Landesvorsitzende Ruth Kastner, die mit ihrem Kollegen Arfst Wagner im Publikum saß, äußerte sich vor der Tür empört. „Dieses Bashing von Politik ist unverschämt.“ Umweltminister Habeck arbeite selbstverständlich mit Universitäten und anderen Experten zusammen, das sei doch keine Frage. „Wir sind hier, um zu sehen, ob sich auch die Gegner in Richtung einer gemeinsamen Kompromisslösung bewegen.“ Aber das könne sie nicht erkennen. „Stattdessen höre ich nur die bekannte monokausale Sicht.“

Ein 48-jähriger Landwirt aus Nordfriesland erzählte davon, dass sein Hof von Turbinen umzingelt sei. An manchem Tag sei der Lärm besonders schlimm – und zwar vom bereits zwei Kilometer entfernten Windpark. „Unsere Besucher, die wir darauf hinweisen, nicken zwar. Aber dann steigen sie in ihre Autos und machen die Türen hinter sich zu. Wir müssen dort jeden Tag leben.“

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Ein Artikel von
Christian Hiersemenzel
Landeshaus-Korrespondent

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