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Ich wäre ein Wirtschaftsflüchtling gewesen

Georg Fritzsch Ich wäre ein Wirtschaftsflüchtling gewesen

25 Jahre Deutsche Einheit: Der in Meißen geborene Generalmusikdirektor des Theaters Kiel, Georg Fritzsch, pocht in einem Gastbeitrag auf Respekt vor dem Wert der Freiheit.

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Seit der Spielzeit 2003/2004 ist Georg Fritzsch GMD in Kiel.

Quelle: Björn Schaller

Ich wäre ein klassischer Wirtschaftsflüchtling gewesen. Damals, Mitte September 1989, als ich mit meinem Cello unter dem Arm auf dem Bahnhof von Fulda stand. Ich kam von meinem dritten „Westbesuch“. Meine Großmutter beging ihren 88. Geburtstag, Anlass einen Antrag auf Besuchserlaubnis stellen zu dürfen, der dann möglicherweise, wie in meinem Falle, genehmigt wurde.

Ich stand also da, die Frage zurück zu gehen in die DDR oder zu bleiben, schoss mir unaufhörlich durch den Kopf. Die Grundlage meiner beruflichen Existenz, mein Instrument, hatte ich in meiner Hand.

Zurück in den „Arbeiter-und Bauernstaat“, dessen Auflösungserscheinungen nicht so weit fühlbar gediehen waren, als dass das schnelle Ende für mich persönlich zu erwarten gewesen sei?

Oder Bleiben in dem Teil Deutschlands, in dem das freie Wort sowie der offene Weg in jede Himmelsrichtung Teil der Normalität und Grundverständnis der Gesellschaftskultur war und ist?

Ich wäre ein Wirtschaftsflüchtling gewesen. Ich war zwar in keiner Partei, ich war nicht Mitglied der FDJ oder der Pioniere, ich war nicht zur Jugendweihe, sondern ausschließlich zur Konfirmation gewesen – in den Augen des Systems, wenn schon kein Oppositioneller wenigstens aber ein „Nicht-System-Konformer“. Um offene Worte unverlegen, jedoch nicht mit wirklichen Repressalien konfrontiert, wie zahlreiche andere meiner Mitbürger, hatte ich zu diesen wenigstens keinen profunden Anlass geliefert.

Georg Fritzsch in jungen Jahren am Cello. 1963 in Meißen geboren, studierte er Violoncello an der Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ Dresden. Ein Dirigierstudium schloss sich an. Foto: privat

Quelle:

„Drübenbleiben“ – ich hätte es um der Freiheit willen getan. Freiheit – das hohe Gut, das wirklich wertschätzen zu können, man möglicherweise nicht in den „alten Bundesländern“ aufgewachsen sein sollte. Der Westen hätte mich mit offenen Armen empfangen, wie viele andere Landsleute auch. Warum eigentlich? Weil ich Deutscher aus dem anderen Teil war; aus dem Teil, dessen verknöcherte Führung irgendwann verboten hatte, den Text der Nationalhymne zu singen? „Deutschland einig Vaterland“ …. Hätten die Freiheit nicht viele andere in und aus der Welt viel dringender gebraucht und erwarten dürfen als ich?

Freiheit sucht und findet ihren Weg, wie das Wasser, überall in der Welt. Das haben die Tage des Herbstes ´89 gezeigt, vielleicht nicht so schnell, wie man es sich erhofft, und nicht ohne wirkliches Zutun der Betroffenen und ohne Hilfe der freiheitlichen Gesellschaften.

An diese Dinge muss ich denken, angesichts 25 Jahren Deutscher Einheit einerseits und angesichts vieler Tausender, die den Weg in die Freiheit suchen andererseits.

Respekt und Mitgefühl für die Flüchtlinge

Flüchtling – das Wort beinhaltet Flucht. Das heißt die Aufgabe von sehr Vielem. Das heißt Verlust von Haus und Hof, weitgehend von Familie und Freunden, von wirtschaftlichem Auskommen, das ist gleichbedeutend mit Abschied für immer oder wenigstens für sehr lange.

Bei diesem Gedanken wird mir ganz übel. Was muss in Menschen vorgehen, wenn sie sich entschließen, ihre Heimat zu verlassen? Menschen, die ihre Familie und besonders die Kinder wissentlich unkalkulierbaren Gefahren aussetzen. Wie lange werden sie gezögert haben im Angesicht von Tausenden Toten auf dem Mittelmeer, von zunehmendem Stacheldraht und Tränengas an Europas Außengrenzen – Menschen getrieben von der Hoffnung auf ein Leben in Europa ohne Not, Gewalt und/oder Vertreibung.

Haben diese Menschen keinen Anspruch auch nur auf ein besseres Leben, weil sie keine Europäer sind? Sollen die zerstörten Wohnhäuser und die zur Schau gestellten abgeschlagenen Schädel nicht Grund genug sein für Respekt und Mitgefühl?

Schicksal des einzelnen zählt in unserer Kultur

Man müsste ein Fantast sein, um nicht zu sehen, dass es Regelungen und Einschränkungen geben muss und wird, trotzdem gibt es „die Flüchtlinge“ nicht. Es ist zunächst mal das Schicksal jedes einzelnen Menschen, den wir als Teil einer abendländischen Wertekultur zu respektieren haben. Das Schicksal des Einzelnen, dem Empathie und Barmherzigkeit entgegengebracht werden, ist fundamentaler Teil unserer sozialen und kulturellen Identität und Normalität.

Es gibt sie nicht – „die Flüchtlinge“ oder „den Wirtschaftsflüchtling“, es gibt den Menschen, der seine Heimat und vieles mehr verlassen hat, der hohes Risiko eingegangen ist in der Hoffnung auf ein Leben in Freiheit, auf ein Leben, das uns damals 1989, wenn schon nicht zugefallen, so doch wenigstens geschenkt ist.

Ich finde, dass sich die Menschen hier in Kiel weitestgehend großartig verhalten angesichts der Menschen auf dem Nordmarktsportfeld, auf dem MFG-5-Gelände oder auf dem Weg zum Stena Terminal. Die Organisationen und die Träger reagieren schnell und lösungsorientiert, ohne großes Gezeter um finanziellen oder logistischen Aufwand, die Menschen wollen helfen. Disharmonien wie in anderen Teilen unseres Landes sind glücklicherweise selten – wie gut!

Ich bin damals wieder zurückgefahren über Herleshausen, zu groß war die Bedrückung der Ungewissheit, meine Tochter und meine Familie möglicherweise über Jahre nicht wiedersehen zu können, zu groß das Risiko in der neuen Heimat mit diesen Belastungen nicht glücklich sein zu können und die Zurückgebliebenen enttäuscht oder wenigstens allein gelassen zu haben.

Der Klang von Freiheit

„Deutschland einig Vaterland“ – es klingt für mich heute anders. Es ist das der Klang von 25 Jahren Freiheit, ebenso wie es misstönige „Pegida-isten“ Kontrapunkte enthält. Beides ist Realität, beides gehört zu diesem, unserem Deutschland. Die Auseinandersetzung um das Verständnis von Grundwerten wird uns noch lange beschäftigen. Für mich persönlich sind diese Dissonanzen schwer zu ertragen, der Ausgang der Sinfonie jedoch nicht komponiert. Der Umgang mit dem Menschen, der die Freiheit sucht, wird auf ihren finalen Ausgang hinweisen.

Ich möchte gern feiern, die 25 Jahre Deutsche Einheit, nicht laut und als brustgeschwelltes „Feierbiest“, aber ich würde gern feiern. Leider scheint mir das Verständnis für die Notwendigkeit, dieses Datum positiv zu besetzen und bewusst zu begehen bei uns hier in Schleswig-Holstein, in der Landeshauptstadt und – da will ich mir an die eigene Nase fassen – auch im Theater nicht sonderlich ausgeprägt. Schade eigentlich. Hätte es nicht den Sinn einer neuerlichen positiven Identitätsstiftung, gerade in einer Zeit, wo wir den Respekt vor dem Wert der Freiheit explizit benötigen?

Um Freiheit wirklich wertschätzen zu können, sollte man möglicherweise nicht in den alten Bundesländern aufgewachsen sein.

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