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Aktion soll betroffenen Frauen helfen

"Gewalt kommt nicht in die Tüte" Aktion soll betroffenen Frauen helfen

Nette Geste zu einem ernsten Thema: Rund 30 Frauen verteilten am Montagmorgen im Kieler Citti-Park kostenlos Brötchen an Passanten. Innerhalb von zwei Stunden landeten 2500 Tüten in den Einkaufstaschen der Besucher – in der Hoffnung, dass einigen Frauen dadurch vielleicht geholfen werden kann.

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Gemeinsam gegen Gewalt: Pamela Zimmermann, Maike Schiemann, Gabriele Schneider, Ayse Fehimli-Kuzu und Ingrid Litzow (von links) packen die von der Bäckerei Steiskal gespendeten Brötchen in die Aktionstüten. Die Frauen sind in spezialisierten Beratungsstellen und Facheinrichtungen engagiert.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Mit der landesweiten Aktion „Gewalt kommt nicht in die Tüte“ soll so die Nummer des deutschlandweiten Hilfetelefons in Umlauf gebracht werden, aber auch Infos über Frauenberatungsstellen und Frauenhäuser. Über 60 Bäcker in Schleswig-Holstein machen mit, in Kiel spendet die Bäckerei Steiskal jährlich 5000 Brötchen. Finanzministerin Monika Heinold und die Kieler Stadträtin Renate Treutel eröffneten die Auftaktveranstaltung in Kiel.

 Mit einem Lächeln verschenken die Frauen im Einkaufszentrum ihre Brötchentüten. Immer wieder muss Nachschub geholt werden. Immer wieder müssen sie erklären. Die eifrigen Brötchengeberinnen sind allesamt haupt- oder ehrenamtlich bei Beratungsstellen und Facheinrichtungen für Frauen und Mädchen in der Landeshauptstadt engagiert. Und auch wenn sie heute lächeln, so machen sie die Lebensgeschichten der betroffenen Frauen oft traurig und sprachlos. Jede vierte Frau ist in Deutschland von häuslicher Gewalt betroffen. Rund 45000 Frauen fliehen jährlich mit ihren Kindern in ein Frauenhaus.

Gegen Gewalt an Frauen starkmachen

 „Im Jahr haben wir 3000 Beratungen von Frauen, die sexuelle Gewalt erfahren haben“, erzählt Kirsten Reibisch, die als Sozialpädagogin beim Kieler Frauennotruf arbeitet. „Bei uns sind es 1500 Beratungsgespräche zu häuslicher Gewalt“, sagt Maike Schiemann von der Beratungsstelle „Die Lerche“. Und so würde es immer weitergehen, wenn man die anderen sieben Kieler Einrichtungen fragen würde, die sich gegen Gewalt an Frauen starkmachen. Die Zahlen werfen ein trauriges Bild auf unsere Gesellschaft – und es ist zu erwarten, dass sie wegen der ankommenden Flüchtlinge noch höher werden, berichten die Frauen. „Gewalt kann praktisch jede treffen“, so Maike Schiemann. „Sie zieht sich durch alle Standes- und Bildungsschichten.“ Mal sitzt ihnen die selbstbewusste Ärztin gegenüber, die in ihrem Beruf Großes leistet. Mal ist es die junge Frau ohne Ausbildung und Beruf, die so schüchtern ist, dass sie den Beraterinnen kaum in die Augen schauen kann. Sie alle aber eint, dass sie sich von einem Mann schlagen ließen.

 Wie kann es soweit kommen? „Das ist eine Spirale, die sich nach und nach weiterentwickelt“, sagt Maike Schiemann. „Am Anfang ist immer alles schön und nett. Aber dann kommt ein Lebenseinschnitt wie eine Schwangerschaft oder Arbeitslosigkeit – und alles ändert sich. Immer wieder kommt es dann zu Gewaltausbrüchen.“ Zwei Tipps hat sie für betroffene Frauen: „Wenn es brenzlig wird und sich eine Situation zuspitzt, gehen Sie raus. Zu einer Freundin oder spazieren. Hauptsache, Sie verlassen die Situation“, sagt die 54-jährige Sozialpädagogin. „Und: Sorgen Sie für Öffentlichkeit. Das ist ein großer Schutz. Das fällt bestimmt nicht leicht. Das schafft aber Sicherheit. Je mehr Menschen im Umfeld davon wissen, desto mehr Unterstützung gibt es.“

Traumatische Erlebnisse auf der Flucht

 „Oft wird Gewalt über Generationen hinweg weitergegeben“, sagt Kirsten Reibisch. „Hinzu kommt, dass unverarbeitete Traumatisierungen bei den nachfolgenden Generationen zu schwerwiegenden Symptomen führen können. Auch Traumatisierungen aus dem Zweiten Weltkrieg können auf diese Weise transgenerational übertragen werden und die nachfolgenden Familienmitglieder schwer belasten.“ Die Kinder solcher Generationen verlören häufig das Gespür für sich selbst und hätten wenig Selbstwertgefühl.

 Direkt mit dem Krieg hat vor allem Nurcan Kurun zu tun. Die 56-jährige Kurdin flüchtete 1984 nach Deutschland und betreut nun bei TIO Flüchtlingsfrauen, die Gewalt erleben. TIO steht für Treff- und Informationsort für Migrantinnen. Schon auf der Flucht hätten die Frauen oftmals Fürchterliches erlebt. „Diese Kriegstraumata begleiten die Menschen nicht einen Tag oder einen Monat, sondern das ganze Leben.“ Seien sie in Deutschland, höre die Machtlosigkeit aber nicht immer auf. Hier ginge die Gewalt oftmals weiter. „Das ist äußert dramatisch, denn meist laufen die Frauen über das Asylverfahren des Mannes. Sie können nicht einfach gehen, wenn sie geschlagen werden“, sagt sie. Auch die Frauen, die zwecks Familienzusammenführung nachgeholt werden, dürften sich laut Gesetz drei Jahre lang nicht von ihrem Mann trennen. „Hier zeigen wir den Frauen aber, dass es immer eine Lösung gibt“, so die Beraterin. Nurcan Kurun verteilt die letzten Brötchentüten an vorbeikommende Passanten. Sie träumt davon, dass es irgendwann einmal ein gewaltfreies Leben geben wird. Nachdenklich fragt sie: „Warum fällt uns Frieden so schwer?“

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Ein Artikel von
Kristiane Backheuer
Lokalredaktion Kiel/SH

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Kommentar

Die Zahlen sind schockierend: Jede vierte Frau hat schon einmal häusliche Gewalt erlebt, 45000 Frauen fliehen jährlich in Deutschland mit ihren Kindern in Frauenhäuser. Die Tendenz ist steigend. Wenn Männer ihre Frauen verprügeln, wenn Väter ihre Töchter vergewaltigen, ist das alles andere als Privatsache. Dann muss die Gesellschaft eingreifen und helfen.

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