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Rendezvous mit der Steinzeit

Große Wanderung Rendezvous mit der Steinzeit

Gekleidet und ausgerüstet wie ein Steinzeit-Mensch will Chris Pallasch von Kiel-Ellerbek nach Ertebølle in Nord-Jütland laufen. Eine Strecke von rund 400 Kilometern, für die der Experimental-Archäologe etwa vier Wochen einplant.

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Gekleidet wie ein Steinzeit-Mensch startet Chris Pallasch am Sporthafen Wellsee seine Wanderung nach Ertebølle.

Quelle: Frank Peter

Kiel. Am Montagmorgen startete er seine Tour am Sporthafen Wellingdorf.

 Chris Pallasch läuft gemächlich die Straße entlang. In der Hand hält er einen Bogen und einen Speer, auf die er sich beim Gehen gelegentlich stützt. Der 49-Jährige trägt ein Hemd aus hellem Leder und eine Art Rock. Um die Hüfte hat er ein Lederband gebunden, an dem verschiedene kleine Taschen befestigt sind. Eine Leder-Kiepe trägt er auf dem Rücken, aus der ein Stock herausragt, an dem Gefäße baumeln. Seine Füße hat er mit Fell umwickelt. Trotz dieser Kluft schaut sich keiner in Wellingdorf nach Pallasch um. Dabei wirkt er zwischen den Autos, Häusern und Sportbooten so, als habe er sich verlaufen.

 „Ich will in den nächsten Wochen möglichst so leben, wie ein Steinzeitmensch in der Mittelsteinzeit gelebt hat“, erzählt Pallasch. Das bedeutet nicht nur, so gekleidet zu sein, sondern sich auch ebenso zu ernähren. „Ich habe für die kommenden vier Tage getrocknetes Fleisch und Früchte dabei.

 In Dänemark werde ich dann versuchen, vor allem Fisch zu essen. Dort ist das mit der Angelerlaubnis etwas einfacher als hier.“ Sein Weg verläuft von Ellerbek nach Ertebølle. In beiden Orten sind im 19. und 20. Jahrhundert archäologische Funde gemacht worden, die der gleichen Steinzeit-Kultur zugeordnet werden und ihr den Namen gaben. „Da möchte ich jetzt die Verbindung schaffen“, sagt Pallasch.

"Eine fantastische Entdecker-Zeit"

 Chris Pallasch ist Experimental-Archäologe, Museumspädagoge und außerdem begeistert von der Steinzeit. „Das war eine fantastische Entdecker-Zeit. Vieles was damals erfunden wurde, wie etwa ein Beil, wurde im Laufe der Jahre nur in der Materialbeschaffung weiterentwickelt.“ Im vergangenen Jahr hat Pallasch im Auftrag des Steinzeitparks Dithmarschen das Projekt „Living Mesolithic“ organisiert. Sechs Wochen lang haben die Teilnehmer unter mittelsteinzeitlichen Bedingungen gelebt. Nur die Nahrungsbeschaffung und Ernährung verlief nicht nach Pallaschs Vorstellungen. Viele der Teilnehmer bekamen Magenprobleme und haben diesen Teil des Experiments abgebrochen. Deshalb freut sich Pallasch bei seiner Wanderung durch Schleswig-Holstein und Jütland besonders darauf, eben dies auszutesten. „Ich verzichte sowieso schon lange auf Salz und Zucker. Und auch mit der Ernährung in der Steinzeit beschäftige ich mich schon seit fast zwei Jahren.

 Deshalb ist das wohl nicht so eine große Umstellung.“ Dem 49-Jährigen ist die Vorfreude auf diesen Teil seines Experiments anzumerken. Begeistert erzählt er von all dem Essbaren am Wegesrand. „Ich hoffe besonders, dass ich Reet finde.“ Die Pflanze, die viele nur vom Decken des Daches kennen, sei fast komplett essbar, erzählt Pallasch. „Der untere Kolben schmeckt wie eine sehr saftige Salatgurke. Den oberen Teil kann man kochen und braten, dann erinnert er fast an Mais.“

 Ein dreiviertel Jahr hat Pallasch seine Wanderung intensiv vorbereitet. Das bedeutete neben der Auseinandersetzung mit der zeitgemäßen Ernährung auch die passende Kleidung zu nähen, Angelhaken aus Knochen herzustellen, eine Messerspitzen aus Stein zu schlagen und eine geeignete Wegstrecke herauszusuchen. „Ich habe mit einem Computerprogramm versucht, den besten Weg zu finden, mit wenig Höhenunterschieden, an Gewässern entlang und ohne viele Umwege“, sagt er. Oft verlaufen genau dort Straßen. Vor allem die Bundesstraßen will Pallasch meiden – auch wenn das nicht immer der vom Computer errechnete Weg ist.

 Während seiner Wanderung wird der Steinzeit-Wanderer seine Erfahrungen notieren, auch Online. Hierfür hat er ein Handy dabei und weicht von der zeitgemäßen Ausstattung ab. Auch einen GPS-Tracker hat er am Rucksack, der seine Strecke festhält. „Ich glaube, ich werde nichts vermissen. Ich freue mich einfach darauf, endlich aus der Stadt herauszukommen“, sagt Chris Pallasch und macht sich auf den Weg in die Vergangenheit.

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Ein Artikel von
Anne-Kathrin Steinmetz
Lokalredaktion Kiel/SH

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