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Explosionen in ehemaligem Hochbunker

45 Verletzte bei Brand in Hamburg Explosionen in ehemaligem Hochbunker

Eigentlich schien die Feuerwehr nach gut zwei Stunden den Brand im Griff zu haben. Ein Trupp erkundet die Lage, da zerreißt ein Knall die Stille, eine haushohe Stichflamme schießt in den Himmel — und eine Druckwelle reißt Feuerwehrleute von den Beinen.

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 Zwei Feuerwehrleute mit verschmierter Einsatzkleidung kommen in Hamburg aus dem brennenden Hochbunker.

Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa

Hamburg. Noch Stunden nach der Explosion kringelt sich weißer Rauch aus den kleinen Lüftungsschlitzen des alten Bunkers. Durch die Straßen des Hamburger Industrie- und Wohnviertels Rothenburgsort schwebt ein Duft — manchmal feiner, manchmal penetrant -, wie man ihn aus Duftlampen kennt.

Die Straße vor dem Bunker erinnert an Bilder aus dem Bürgerkrieg. Verrußte Autos, Fahrräder und Trümmerteile, die 15 Meter weit an die gegenüberliegende Hauswand geschleudert wurden. Erschöpfte Feuerwehrmänner, die schweren Schrittes mit ihrer mindestens 35 Kilo schweren Ausrüstung aus dem Bunker kommen, auch sie schwarz vor Ruß. Das Thermometer zeigt fast 30 Grad.

Rückblende: Am Dienstag um 4.23 Uhr geht der Notruf bei der Hamburger Feuerwehr ein. In dem Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, eingerahmt von zwei Mehrfamilienhäusern, brennt es. Feuerwehrleute löschen, bringen rund 60 Anwohner in Sicherheit. Schwarzer Rauch wälzt sich durch die Straßenflucht. Die Wetterlage drückt den Rauch herunter, Feuerwehrautos verschwinden im Schwarz.

Als sich die Lage zu entspannen scheint, als gerade ein Trupp Feuerwehrleute sich in dem Bunker nach oben kämpft, gegen 7.00 Uhr ein großer Knall, eine heftige Stichflamme. Feuerwehrmänner erzählen, wie sie wie Spielzeugfiguren durch das Gebäude geschleudert werden. Selbst vor dem Bunker reißt es Einsatzkräfte von den Beinen.

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Bei den Löscharbeiten kam es zu einer Explosion. Hier wird ein verletzter Feuerwehrmann versorgt.

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„Der Bunker hat meterdicke Betonwände, ein dickes Betondach und keine Fenster“, beschreibt Feuerwehrsprecher Thorsten Grams, was sich dort abgespielt hat. Die Druckwelle nach der Detonation hat damit nur einen Weg: Durch die beiden Eingangstüren des Bunkers. Sie ist so stark, dass sie einen großen Van, der direkt vor einer der Türen steht, einen halben Meter zur Seite schiebt, bis ein Laternenpfahl ihn stoppt. Mehr als ein Dutzend Feuerwehrleute wird verletzt, von Prellungen und vielleicht auch Knochenbrüchen ist die Rede. Bis zum Nachmittag zählt die Feuerwehr fast 50 leicht bis mittelschwer verletzte Menschen, die meisten von ihnen hatten Rauchgas eingeatmet.

Gitta Burmester wohnt im gegenüberliegenden Haus. Sichtlich geschockt wartet sie unweit des Brandortes in einem Straßencafé. „Ich bin so um 3.40 Uhr von dem Gestank aufgewacht“, erzählt die 62-Jährige. „Dann war überall Blaulicht. Mir wurde übel. Feuerwehrleute haben gegen unsere Tür gehämmert und uns dann rausgebracht.“ Auch ihr Mann ist in Sicherheit. Aber die beiden Wellensittiche sind noch in der Wohnung. Andere Nachbarn warten mit Tränen in den Augen darauf, wieder in ihre Wohnung zurückkehren zu können.

Mehrere Lastwagenfahrer, die ein paar Meter entfernt auf dem Hof ihres Unternehmens in ihren Lkw geschlafen hatten, werden aus der Gefahrenzone gebracht. „Später haben wir Kaffee getrunken, und dann plötzlich ein fürchterlicher Knall“, erzählt Wolfgang K. Der 59-Jährige sieht noch die riesige Stichflamme, „bestimmt Dutzende Meter hoch“.

In dem Hochbunker, so hoch wie ein siebenstöckiges Haus, sind eine Tischlerei und ein Lager für ätherische Öle. Die Feuerwehr spricht von 100 Tonnen. Ätherische Öle werden für Duftlampen, Raumerfrischer oder Saunaaufgüsse genutzt, aber auch als technische Lösungsmittel, etwa um Holzmöbel oder Dielen zu behandeln. Das Unternehmen habe die Stoffe angemeldet, sagt Feuerwehrsprecher Grams. „Wir wussten, was da drin ist. Aber wir konnten das ja nicht einfach vor sich hinbrennen lassen.“ In jedem scheinbar harmlosen Keller könne ein Camper seine Gasflasche gelagert haben. „Ein Restrisiko bleibt immer.“

Hochbunker in Hamburg 

Im Zweiten Weltkrieg wurden in Hamburg zwischen 1940 und 1945 insgesamt 1051 Bunker gebaut — so viele wie in keiner anderen deutschen Stadt. Auch 70 Jahre nach Kriegsende gibt es in der Hansestadt noch rund 650 Bunker aus dieser Zeit. Die meisten Schutzräume sind unter der Erde verborgen, es existieren aber auch noch rund 30 Hochbunker. Einige von ihnen stehen unter Denkmalschutz und können besichtigt werden, andere wurden zum Wohnen und Arbeiten umgestaltet oder als Proberäume für Bands genutzt.

Einer der größten Hochbunker Deutschlands steht auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg-St. Pauli. Der 1942 aus 100 000 Tonnen Stahl und Beton errichtete Luftabwehr- und Luftschutzbunker bot während der Luftangriffe rund 20 000 Menschen Zuflucht. Der quadratische Koloss ist 75 Meter breit und ragt 40 Meter in die Höhe - mit 5 Meter dicken Decken und 3,5 Meter starken Wänden.

1950 begann der Nordwestdeutsche Rundfunk als Vorläufersender von NDR und WDR mit einem Fernsehtestprogramm aus diesem Bunker. Bis in die 1950er Jahre gab es zudem zahlreiche Wohnungen für ausgebombte Hamburger in seinen Mauern. Auf eine geplante Sprengung des Giganten wurde 1990 verzichtet — möglicherweise wegen der gewaltigen Kosten von geschätzt 30 Millionen Mark. Heute haben in dem Bunker mehrere Firmen und zwei Musikclubs ihren Sitz.

Ein ähnliche markanter Bau ist der 30 Meter hohe Bunker von 1943 im Stadtteil Wilhelmsburg, dessen massive Mauern bei Bombenangriffen bis zu 30 000 Menschen Schutz boten. Zur Internationalen Bauausstellung 2013 wurde der seit Kriegsende ungenutzte Hochbunker in ein Öko-Kraftwerk mit verschiedenen Energiequellen verwandelt.

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Foto:  Bei einem Brand und einer Explosion in dem ehemaligen Bunker aus dem zweiten Weltkrieg sind mindestens 38 Menschen verletzt worden.

Wegen des schweren Brandes in einem Hamburger Bunker mussten 400 Anwohner ihre Wohnungen verlassen. Auch zwei Tage danach können sie noch nicht nach Hause, denn Schadstoffe könnten sich dort abgelagert haben.

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