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Handwerkernachwuchs Das Engagement entscheidet

Den Handwerksbetrieben im Land fällt es immer schwerer, geeignete Bewerber für ihre Ausbildungsplätze zu finden.

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Auf dem Ausbildungsmarkt ziehen dunkle Wolken auf, aber es gibt auch Lichtblicke: Dachdeckermeister Bernd Kodel (rechts) aus Preetz ist mit Azubi Robert Franz rundum zufrieden.

Quelle: Sven Janssen

Kiel. Die Anforderungen sind in vielen Berufen in den vergangenen Jahren gestiegen – gleichzeitig wächst die Zahl der Schulabgänger, die noch nicht einmal die Grundrechenarten beherrschen. Außerdem macht den Betrieben eine steigende Abbrecherquote zu schaffen. „Der Durchhaltewille bei vielen Jugendlichen fehlt“, sagt Installateurmeister Markus Gebhardt. Schon mehrfach haben angehende Lehrlinge zum Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik seinen Betrieb in Kiel-Wellsee vorzeitig wieder verlassen – teilweise mit recht fadenscheinigen Begründungen. Dass schon so viele junge Männer unter Burnout litten, verwundert den 41-Jährigen. „Ich bin kein Arzt, aber ich vermute, dass sie einfach keine Lust mehr hatten.“

 Auch der Preetzer Dachdeckermeister Bernd Kodel (55) spricht von einer nach oben schnellenden Abbrecherquote: „Vor zehn Jahren hat es das noch nicht gegeben“, sagt er. Inzwischen haue auch in seiner Branche jeder fünfte Azubi in den Sack, meist im zweiten Lehrjahr. „Sie fangen noch motiviert an, aber irgendwann funktioniert es nicht mehr.“ Woran liegt das? Die Mehrheit der jungen Leute habe heutzutage kein klares Ziel mehr, sagt Kodel. Auch vielen Eltern sei es offenbar gleichgültig, was ihre Kinder machen. Entsprechend wankelmütig seien die Jugendlichen. „Das sieht man auch daran, dass viele nach der Schule erstmal ein Freiwilliges Soziales Jahr oder Urlaub machen, um sich selbst zu finden.“

 Daher achten die Betriebe vermehrt darauf, inwieweit die jungen Bewerber – 16, 17 Jahre alt – bereits zielstrebig sind: „Was mir immer positiv auffällt ist, wenn jemand sich in der Freiwilligen Feuerwehr engagiert oder einen Mannschaftssport ausübt“, sagt Gebhardt. Das zeige, jemand packe an und habe Ausdauer. Die Ausbeute in diesem Jahr ist dennoch gering: Unter den gut 20 Bewerbern war nur einer dabei, der auch im Praktikum überzeugte. Gerne hätte der Sanitär-Betrieb zum 1. August noch einen zweiten Lehrling eingestellt – fand ihn aber nicht.

 Ähnlich sieht es bei Kodel aus, der ebenfalls erst einen Ausbildungsvertrag herausgegeben hat: Kann er normalerweise aus fünf bis sechs Bewerbern wählen, die auch in einem Praktikum praktisches Talent gezeigt haben, waren es jetzt nur drei. Die Auswahl ist mit den Jahren schwieriger geworden: „Bei einigen Bewerbern kann man noch nicht mal das Einmaleins voraussetzen.“

 Es gibt aber auch hoffnungsvolle Zeichen: So beginnt etwa sein Sohn Clemens, der gerade Abitur gemacht hat, eine Lehre bei einem Dachdecker-Kollegen in Neumünster. Eines Tages will der Junior den elterlichen Betrieb übernehmen, genau so wie auch Bernd Kodel ihn selbst bereits von seinem Vater Manfred übernommen hatte.

 Ungewöhnlich ist das Modell nicht: Auch Robert Franz (20), Spross einer Dachdecker-Familie aus Bredstedt in Nordfriesland, hat die allgemeine Hochschulreife am dänischen Gymnasium in Schleswig erworben. Seine Lehre macht er bei Kodel, ist inzwischen im zweiten Lehrjahr und fühlt sich wohl: „Über die Berufsschule habe ich neue Freunde gefunden“, sagt er. Und auch frühere Azubis des Preetzer Betriebs mit Abitur haben ihren Weg gefunden: So nutze einer seine praktischen Erfahrungen auf dem Bau, um später Architektur zu studieren, ein anderer wurde Industriedesigner.

 All die Beispiele zeigen: Unattraktiv ist die Branche selbst für junge Leute mit Abitur nicht – auch wenn die Vergütung nicht gerade üppig ist. 600 Euro gibt es im ersten, 750 im zweiten und 1000 Euro im dritten Lehrjahr. „Das ist schon schwierig, davon zu leben“, sagt Franz. „Aber es funktioniert.“

 Schlechter scheint es da um das Image der Sanitär-Branche bestellt zu sein: Gebhardt fragt sich bei vielen Bewerbern, wie viele misslungene Anläufe sie schon hinter sich haben. „Man bekommt den Eindruck, dass ihre Ausbildung bei uns nur ein Notnagel ist, weil nichts anderes geklappt hat.“ Dabei sind die Arbeitsabläufe im Handwerk in den vergangenen Jahren immer komplexer geworden, sagen beide Meister übereinstimmend. Umso wichtiger sei es, engagierte Azubis zu finden, die in ihrer Arbeit aufgehen. Einen Hiwi, der stupide schwere Baumaterialien von A nach B trägt, brauche man heute nicht mehr, sagt Kodel. Dafür gebe es Maschinen. „In der Ausbildung kommt es auf die Praxis an.“

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