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Größter Risikofaktor: Der Mensch

Havarien auf dem NOK Größter Risikofaktor: Der Mensch

Der Nord-Ostsee-Kanal hat in diesem Frühjahr nicht nur durch die erfolgreiche Reparatur der Schleusen Schlagzeilen gemacht. Es gab auch eine Serie von Havarien. Zehn Kollisionen und Grundberührungen gab es allein seit Jahreswechsel bis Ende März.

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Die schwere Kollision der „Siderfly“ mit einem Tanker entstand nach einer Fehleinschätzung auf der Tankerbrücke.

Quelle: Frank Behling

Kiel. Ursache für die Havarien waren gleich mehrfach Abstimmungsprobleme oder Probleme bei der Kommunikation. Technische Defekte ließen sich bei den anschließenden Überprüfungen nicht feststellen.

 Auch bei dem schlimmsten Unglück war am 8. Januar menschliches Versagen die Ursache. An dem Morgen rammte die Schwebefähre den Frachter „Selene Prahm“. Zwei Menschen wurden verletzt, darunter auch der Fährführer. Dieser Unfall ist von der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung in Hamburg als schwerer Seeunfall in die Liste der Untersuchungen aufgenommen worden. Die Behörde ermittelt die Ursachen der Unfälle auf dem Kanal. Drei Unfälle auf der Wasserstraße befinden sich derzeit in Hamburg in der Untersuchung. Bei den letzten beiden Analysen hatte die Bundesstelle die Kollision des Frachters „Siderfly“ und die Schleusentorkollision der „Saint George“ untersucht. In beiden Fällen hatten die Ermittler schwerwiegende Fehler beim Manövrieren der Schiffe offengelegt.

 „Grundsätzlich ist der Kanal eine sichere Wasserstraße. Das Risiko einer Havarie ist statistisch im Promillebereich“, sagt Michael Hartmann, Ältermann der Lotsenbrüderschaft NOK I aus Brunsbüttel. Auf die gestiegenen Anforderungen reagieren die Lotsen auf dem Kanal mit mehr Training. „Das fängt bei der Ausbildung an. Inzwischen gehört für die Kollegen das Training von besonderen Situationen am Simulator zum Alltag“, sagt Hartmann. Ein Problem seien die Einsparungen auf den Schiffen. „Die Qualität des Personals ist nicht so wie früher“, urteilt Hartmann. So hapere es besonders bei der Verständigung auf der Brücke. Oft würden Sprachkenntnisse bei den Besatzungen fehlen.

 Die Zahl der Havarien bewegt sich seit Jahren auf dem Kanal konstant zwischen 90 und 120 pro Jahr. Im vergangenen Jahr wurden 95 Havarien bei 32091 Schiffspassagen gezählt. Ein Viertel der Unfälle passiert in den Schleusen. Davon sind nach Angaben der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt etwa 90 Prozent Bagatellschäden.

 Ähnlich sieht es bei den Anfahrungen von Böschungen aus. Davon gab es 2015 immerhin 19. Die meisten ereignen sich auf der Oststrecke im engen Kanal-Profil zwischen Königsförde und Kiel. Bei den Havarien machen die Böschungsberührungen den größten Anteil aus. Diese sorgen dafür, dass der Kanal meist für längere Zeit gesperrt werden muss. „Die Kollegen müssen dann meist stundenlang auf Schlepper warten. So etwas dauert natürlich“, sagt Lotse Hartmann.

 Man müsse allerdings sehen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Havarie auf dem Nord-Ostsee-Kanal schon sehr gering sei, sagt Hans-Herrmann Lückert, Vorsitzender der Bundeslotsenkammer. Die Lotsenbrüderschaften erhöhen trotzdem die Anstrengungen bei der Ausbildung des Nachwuchses. Bis 2017 wollen die Lotsen sich mit dem Verkehrsministerium über die Einführung eines eigenen Ausbildungsweges für Seelotsen einigen, berichtet Lückert. Auf dem Kanal sind in zwei Brüderschaften etwa 300 Lotsen im Einsatz.

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Ein Artikel von
Frank Behling
Lokalredaktion Kiel/SH

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