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Ich bin schwanger, ist das ansteckend?

Gesundheit Ich bin schwanger, ist das ansteckend?

Es war fast ein bisschen spät, als die US-amerikanische Fachgesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (ACOG) gemeinsam mit der Fachgesellschaft für Feto-Maternale Medizin (SMFM) vor zwei Jahren neue Empfehlungen zur Vermeidung unnötiger Kaiserschnitte veröffentlichte. 

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Die Geburt ist ein einschneidendes Erlebnis für die Mutter.

Quelle: Tyler Olsen/Fotolia

Denn der rapide Anstieg von Kaiserschnitt-Entbindungen zwischen 1996 und 2011 hatte sich schon etwas verlangsamt.

 Immerhin seien zum ersten Mal seit vielen Jahren „selbstkritische Überlegungen zur medikalisierten Geburtshilfe der vergangenen 20 Jahre laut“ geworden, hob die Zeitschrift „Die Hebamme“ hervor. Die US-amerikanischen Wissenschaftsautoren stellten fest, dass der Kaiserschnitt (medizinisch: die Sectio) in einigen Fällen – bei einem Riss der Gebärmutter, oder wenn der Mutterkuchen vor dem Gebärmuttermund liegt – eine lebensrettende Operation sei. Doch die sprunghafte Zunahme von Sectio-Entbindungen, ohne dass dadurch Krankhaftigkeit oder Sterblichkeit von Müttern oder Neugeborenen abnehme, gebe Grund zur Sorge, dass Kaiserschnitte zu oft verwendet würden ( „...that cesarean delivery is overused“). In den USA habe 2011 eine von drei Frauen per Sectio entbunden, die Rate in den US-Bundesstaaten liege zwischen 23,1 Prozent und 38,8 Prozent, betrachte man einzelne Kliniken, weite sich die Spanne von 7,1 Prozent bis 69,9 Prozent. Und dies, obwohl die Weltgesundheitsorganisation WHO seit Jahren immer wieder feststelle: Eine Sectio-Rate von über 15 Prozent ist medizinisch nicht gerechtfertigt.

 „Es gibt keine richtige oder gute Sectio-Rate“, stellt Dr. med. Markus Kuther, Chefarzt der Frauenklinik der Städtisches Krankenhaus Kiel GmbH, fest. „Oberste Priorität hat, dass am Ende eine gesunde Mutter und ein gesundes Kind stehen. Wenn ich das erreichen kann, ist mir völlig egal, wie ich es erreiche. Und alle Beteiligten müssen sich klar darüber sein, dass sie dieses oberste Ziel erreichen wollen.“

 Ja, sagt Kuther, „wir haben eine beklagenswert hohe Sectio-Rate, und, ja, wir kennen die Häuser, meistens trägergeführte, kleine Krankenhäuser mit einer Belegabteilung, die die höchsten Sectio-Raten haben, besonders zwischen Freitagnachmittag und montags früh.“ Aber wenn es tatsächlich so sei, dass der Kaiserschnitt zu den vielen behaupteten Komplikationen führe, „dann müssten wir bei einem Anstieg der Kaiserschnitt-Rate von 15 Prozent auf 30 Prozent ein Riesenproblem haben“. Bewiesen sei ein kausaler Zusammenhang mit häufigerem Auftreten von ADHS oder Allergien bei den durch Kaiserschnitt zur Welt gekommenen Kindern nicht. Kuther: „Ich sage nicht, dass es nicht so ist. Es kann kausal sein. Es kann aber auch eine Koinzidenz sein. Die Anzahl der brütenden Störche in Deutschland korreliert seit Jahren mit der Zahl der Geburten. Das ist eine Koinzidenz, kein kausaler Zusammenhang.“

 Dieses Streit-Thema – Kaiserschnitt- oder vaginale Geburt? – sei schon so lange top-aktuell, wie er in der Geburtshilfe tätig sei, also 22 Jahre. Und es werde weiter top-aktuell bleiben für die nächsten 200 Jahre. „Fast in keinem medizinischen Fall kommen so viele Punkte unserer modernen Welt pointiert zusammen wie in der Geburtshilfe. Was ich immer wieder, auch in Vorträgen über die sichere Geburt, zum Ausdruck bringe, ist: Wir müssen begreifen, dass Schwangerschaft ein physiologischer Zustand ist und nichts Krankhaftes. Und dass es fast immer gut geht.“ Entscheidend in diesem letzten Satz seien jedoch zwei Komponenten: „fast immer“ und „gut“. „Wir – die Gesellschaft und die Ärzte – tolerieren kein „fast immer“, nur ein „immer“. Darum haben wir hier eine Hochleistungsmedizin, und die Prozessqualität muss immer absolut gleich sein, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.“

 Und „gut“? Das sei eine Frage der Sichtweise. „Gut aus Sichtweise der Mutter? Des Kindes? Der Geburtshelfer? Des Anwalts der Gebärenden? Des Krankenhausträgers? Der Krankenkasse? Man wird aus jeder Sichtweise Wahrheiten bekommen.“ In Brasilien zum Beispiel, „entbinden eigentlich nur Frauen vaginal, die sich eine Sectio nicht leisten können. Jetzt sollen die Krankenhäuser eine Malus-Gebühr zahlen für jede Sectio.“ Damit wolle das Land die hohe Sectio-Rate senken. Die Krankenhäuser in Brasilien forderten stattdessen einen Bonus für vaginale Geburten, weil die Vorhaltungskosten für Hebammen, Frauenärzte, Kinderärzte, Kinder-Intensivstationen höher seien.

 „Die größte Arbeit“, erläutert Kuther, „besteht für uns darin, Mütter davon zu überzeugen, was für sie der richtige Weg ist. Es gibt Mütter, die unbedingt eine Spontangeburt wollen, aber wegen unterschiedlicher Risiken nicht dafür geeignet sind, und es gibt Mütter, die unbedingt einen Kaiserschnitt wollen, obwohl der bei ihnen gar nicht nötig ist.“ Es gebe einen „Hype um Schwangerschaft als Happening“, es sei „eine präpartale Industrie entstanden“. Kuther hält es für wichtig, „das zu entemotionalisieren und der Vernunft das Wort zu reden. „Es hat noch nie in der Geschichte der Menschheit bessere Bedingungen für eine Gebärende und ihr Kind gegeben als jetzt und hier.“ Noch in den 1980er-Jahren starben infolge von Schwangerschaft und Geburt in Deutschland zwölf von 100000 Schwangeren und Gebärenden, heute sind es sieben bis vier. „Bei der Neugeborenen-Sterblichkeit sind die Erfolge noch viel größer“, so Kuther. Eine gute Geburtshilfe sei messbar am Zustand der Mütter und Kinder. „Wenn eine Hebamme eine ganze Geburt begleitet, sind sowohl das Geburtserlebnis als auch die messbaren Werte von Mutter und Kind signifikant besser. Um diese Eins-zu-eins-Betreuung bestmöglich zu gewährleisten, haben die Hebammen im Städtischen Krankenhaus Zwölf-Stunden-Schichten.“

 Auch in der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am UKSH, Campus Kiel, wird dem Geburtsplanungsgespräch ein hoher Wert beigemessen. „Viele Patientinnen trauen sich heute die vaginale Geburt nicht mehr zu“, sagt der stellvertretende Klinikdirektor, Prof. Dr. Dirk Bauerschlag. Der Leiter des Kreißsaals, Oberarzt Dr. André Farrokh: „Ein Geburtsplanungsgespräch, für das man sich Zeit nehmen muss, ist sehr zu empfehlen, gerade wenn der Wunsch nach einem Kaiserschnitt besteht. Wenn man als Geburtshelfer Frauen nach ihren Gründen fragt, wenn man alle ihre Fragen beantwortet und mit ihnen über ihre Ängste spricht, dann entscheiden sich die meisten Frauen für eine vaginale Geburt. Sie bekommen das Selbstbewusstsein zu sagen: Ich versuch’s auf normalem Weg.“ Es gebe absolute Gründe für einen Kaiserschnitt: wenn das Kind quer liege oder wenn sich der Mutterkuchen löse, „ein akuter Notfall“, erklärt Farrokh. Die auf diesen absoluten Gründen basierende Quote „hat sich in den letzten 100 Jahren nicht verändert“. Ursächlich für den Anstieg der Sectio-Rate seien die vier häufigsten relativen Gründe: Geburtsstillstand, Beckenendlage (Steißlage) des Kindes, Herztöne des Kindes sind pathologisch, Zustand der Mutter nach Kaiserschnitt. „Wenn eine Frau schon eine Sectio hatte, bedeutet das nicht, dass sie beim zweiten Kind wieder eine braucht. Bei uns können Frauen nach einem Kaiserschnitt ihr zweites Kind vaginal gebären, und sie können auch bei Beckenendlage vaginal gebären.“ Wenn Herztöne des Kindes auffällig seien, werde im UKSH nicht automatisch ein Kaiserschnitt gemacht, „sondern es werden weitere Zusatzkriterien herangezogen, mit denen wir einen Kaiserschnitt vermeiden können, ohne Mutter und Kind zu gefährden“. Geburtsstillstand sei „ein großes Thema, aber man muss ihn erst einmal definieren, damit man nicht zu früh auf eine Kaiserschnittgeburt umsteigt“, so Farrokh. Jahrzehntelang sei ein auf statistischen Studien aus den 1950ern basierender Normwert maßgeblich für Geburtshelfer gewesen. Demnach öffne sich der Muttermund unter der Geburt pro Stunde einen bis zwei Zentimeter. 2010 kam ein englisches Konsortium für sichere Geburt zu dem Ergebnis, das Bestandteil der WHO-Empfehlungen ist: Der Muttermund öffne sich – im statistischen Durchschnitt – einen halben Zentimeter pro Stunde. „Man hat also deutlich mehr Zeit, ohne dass man ein Risiko für Mutter oder Kind eingeht“, erläutert Farrokh. „Das neue geburtshilfliche Team an der Frauenklinik konnte die Kaiserschnittrate in den vergangenen zwölf Monaten um sechs Prozentpunkte auf unter 30 Prozent senken.“

Welcher Weg ist der bessere?

Vorzüge einer normalen, vaginalen Geburt sind nach Angaben von Dr. André Farrokh, Oberarzt an der Kieler UKSH-Frauenklinik: kürzerer Aufenthalt in der Klinik, weniger Infektionen, weniger Anpassungsstörungen beim Kind – Anpassungsstörungen sind nicht vital bedrohlich, das Kind muss beim Atmen unterstützt werden oder kann ohne Unterstützung noch nicht den Blutzucker oder die Herzfrequenz halten – und weniger Thrombosen und Embolien.Nachteile einer vaginalen Geburt zu benennen, sei wirklich schwierig, denn: „Wenn weder Mutter noch Kind besondere Risiken haben, dann sollte es die vaginale Geburt sein.“ Besondere Risiken, die einen Kaiserschnitt erfordern, würden bei einer guten Betreuung durch Hebamme und Geburtshelfer frühzeitig erkannt.Für eine „Wunschgeburt per Kaiserschnitt“ gibt es keine spezielle Abrechnungsziffer und darum bisher keine Statistik. Welche Motive und welche Vorteile einer Kaiserschnittgeburt gibt es? Weniger Blutungskomplikationen, weniger Bluttransfusionen. Einige Frauen befürchten Überdehnung der Scheide und Überlastung des Beckenbodens und wünschen deshalb die Sectio, so Farrokh. „Die Studienlage zeigt, dass es für solche Befürchtungen keinen Grund gibt. Die Schwangerschaft belastet den Beckenboden, aber der Geburtsmodus hat keinen Einfluss darauf.“ Harn-Inkontinenz komme bei Frauen, die mit Kaiserschnitt entbunden haben, etwas seltener vor als bei Frauen nach normaler Geburt. Bei beiden jedoch verschwinde sie meist nach einigen Monaten. Welche sind die Nachteile einer Sectio? „Die klassischen post-operativen Probleme“, sagt Farrokh und nennt: mehr Thrombosen, mehr Verwachsungen mit chronischen Schmerzen, mehr Infektionen,mehr Blasen- und Darmverletzungen, mehr Anpassungsstörungen beim Kind, mehr Plazentationsstörungen – wenn sich der Mutterkuchen an der Gebärmutter so festsetzt, dass er nicht, wie im Normalfall, etwa eine halbe Stunde nach dem Kind herauskommt, oder dass er in oder durch die Gebärmutterwand gewachsen ist. Ein Grund dafür: ein vorangegangener Kaiserschnitt. Plazentationsstörungen traten im Jahr 1930 bei einer von 35000 Geburten auf. 1950 war das Verhältnis 1:19000, heute ist es 1:2500.Deutlich niedriger als in allen frühereren Generationen ist die Komplikationsrate (inklusive Müttersterblichkeit) in Deutschland: Sie beträgt 0,9 Prozent bei vaginaler Entbindung – das sind 6642 Geburten, bezogen auf die 738000 Geburten 2015 – und 2,7 Prozent (in Zahl: 19926) bei Kaiserschnitt-Entbindung.

Die einfachen Dinge

Was sollte eine Schwangere beherzigen? „Die ganz einfachen Dinge“, sagt Dr. Markus Kuther, Chefarzt der Frauenklinik des Städtischen Krankenhauses: „Sie sollte regelmäßig zu den Basis-Vorsorgeuntersuchungen gehen. Sich gesund ernähren. Nicht zu viele Kohlenhydrate essen. Nicht zu viel zunehmen. Sich ausreichend bewegen. Und nicht zu viele Bücher oder Internet-Artikel über Schwangerschaft und Geburt lesen.“

Die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln sei nicht sinnvoll, außer die von Jod und Folsäure.

Beide werden auch Frauen empfohlen, die noch nicht schwanger sind, aber werden wollen.

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Ein Artikel von
Christian Trutschel
Lokalredaktion Kiel/SH

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