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„Normaler Alltagswahnsinn“

Innenansichten aus einer Kita „Normaler Alltagswahnsinn“

Sie ist Mitte 30, arbeitet als Erzieherin in einer Krippe irgendwo in Schleswig-Holstein und ist überzeugt, dass sie eine wichtige Arbeit macht. „Weil ich in den ersten Lebensjahren so viel bewirken kann. Was Kinder in dieser Zeit erleben, das prägt sie. Was ihnen fehlt, holen sie oft nie mehr auf.

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Der Beruf einer Erzieherin erfordert auch Körpereinsatz, wie diese Szene aus einer Kita zeigt. Belastender ist für viele jedoch die große Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis.

Quelle: imago

Und das trifft immer noch zu viele Kinder.“ Und dennoch: Manchmal verzweifelt die Schleswig-Holsteinerin an ihrem Beruf. Dann fühlt sie sich einfach nur ausgenutzt.  Vor allem an jenen Tagen, an denen sie zur Arbeit kommt und erfährt, dass wieder jemand krank geworden ist und sie mit einspringen muss. „Das passiert eigentlich jede Woche. Nach dem Personalschlüssel müssen mindestens zwei Betreuungskräfte in jeder Gruppe sein. Das ist die Theorie. In der Praxis geht das oft nicht.“ Sie müsse dann zwischen zwei Kindergruppen hin- und herspringen. So sei eine Gruppe vorübergehend natürlich nur mit einer Kraft besetzt. Das sei gar nicht zulässig, aber nicht vermeidbar. „Das erhöht für mich den Stress. Für die Kinder bedeutet es aber, dass die Konstanz der Bezugsperson fehlt, obwohl die ganz wichtig für Krippenkinder ist.“ Eine Erkenntnis, die sie mindestens ebenso belastet wie die reale Mehrarbeit.

 Alles andere muss an solchen Tagen erst einmal liegen bleiben. „Ungefähr ein Viertel der Arbeitszeit geht für Elternarbeit, Dokumentation und Fortbildung drauf. Denn unsere Arbeit hat sich deutlich verändert. Es geht nicht nur um liebevolle Betreuung, es geht frühkindliche Bildung, den Abbau von Entwicklungsdefiziten, dazu um Familienberatung und praktische Hilfe.“ Da sind Zweijährige, die stark nach Zigarettenrauch riechen, wenn sie in die Kita kommen. Da sind Eltern, die ihr Kind im Kinderwagen ohne Blickkontakt schieben, weil sie immer aufs Handy schauen. Da sind Mütter und Väter, die Briefe nicht verstehen und Hilfe beim Ausfüllen von Formularen brauchen. Und da sind – wenn auch selten – Hinweise, dass Gewalt in der Familie vorkommt.

 „Ich trage ich viel Verantwortung. Die spiegelt sich aber nicht im Gehalt wider, wenn ich bei einer Vollzeitstelle 2000 Euro netto habe.“ Noch schwieriger sei es für Teilzeitkräfte. „Die verdienen nicht nur zu wenig zum Leben. Ihre Arbeitszeit ist auch meist komplett für die Gruppenbetreuung eingeplant. Für Dokumentationen und Elterngespräche bleibt da nur die Freizeit.“

 Deshalb seien Teilzeitstellen kaum noch zu besetzen. In der Kita im Nachbarort suche man seit Längerem. „Es gab Bewerbungen, aber die wollten alle Vollzeitstellen.“ In der Kita müsse nun ständig die Leiterin die Kinder mitbetreuen. „Dafür steht ihr aber keine Vertretung zu. Das heißt: Die eigentlichen Aufgaben wie Konzept- und Qualitätsentwicklung erledigt sie in der Freizeit.“

 Normaler Alltagswahnsinn in Kitas nennt sie das. „Es gibt Kolleginnen, die haben mit Ende 30 schon zwei Burnouts hinter sich.“ Dabei seien Überlastungen vermeidbar. Beispiel Personalschlüssel: Der wird nach Anzahl und Alter der Kinder berechnet. „Nach einer Richtlinie des Kreises sollen noch zehn Prozent Personalstunden dazukommen, um Ausfälle abzudecken. Doch einige Gemeinden setzen diese Regel einfach außer Kraft.“ Und auch die Träger würden zu Tricks greifen. Weil die Zuschüsse auch von den Öffnungszeiten abhängen, hätten manche Kitas offiziell auch in Ferien geöffnet. „Weil es nur eine Notbesetzung gibt, sollen die Erzieher den Eltern nahelegen, die Kinder nicht zu bringen. Im Extremfall müssen Eltern sogar eine Bescheinigung vom Arbeitgeber vorlegen, dass sie keinen Urlaub nehmen können.“

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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