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Pflege wird zum Job-Motor in SH

Erster landesweiter Pflegebericht Pflege wird zum Job-Motor in SH

Immer mehr Schleswig-Holsteiner arbeiten in der Altenpflege. 2013 waren es fast 40000 Menschen – 31 Prozent mehr als 2001. Das geht aus dem ersten umfassenden Pflegebericht der Landesregierung hervor, den Sozialministerin Kristin Alheit (SPD) am Dienstag dem Kabinett vorlegt. Offiziell pflegebedürftig sind 87800 Schleswig-Holsteiner.

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Die Karte zeigt die Anzahl der Pflegebedürftigen* in Schleswig-Holstein (*Leistungsempfänger - Pflegestufe I-III - einschließlich Empfänger ohne Pflegestufe mit erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz).

Quelle: CartoDB/Tanja Köhler

Kiel. Der Job-Motor Altenpflege hat aber eine Schattenseite: Die zusätzlichen Arbeitsplätze sind vor allem Teilzeitstellen. Die Gewerkschaft Verdi fordert deshalb mehr Stellen, die „auch zum Leben reichen“.

Das Jahr 2013 lieferte die Datenbasis des Berichts: In dem Jahr waren in Schleswig-Holstein in der Pflege rund 9500 mehr Menschen beschäftigt als noch 2001. Gleichzeitig ging die Zahl der Vollzeitbeschäftigten um fünf Prozent zurück, die der Teilzeitkräfte stieg um 59 Prozent. Damit hatten nur knapp 20 Prozent eine Vollzeitstelle.

Sabine Dass von Verdi spricht von Zwangsteilzeit. „Wir wissen von vielen Beschäftigten, dass sie lieber Vollzeit arbeiten würden. Sie sollen aber nur jene Zeiten abdecken, in denen der Arbeitsanfall hoch ist.“ Teilzeitstellen seien aus einem weiteren Grund attraktiv für Arbeitgeber. „Hat jemand einen 15-Stunden-Vertrag, springt aber für eine kranke Kollegin ein und arbeitet die volle Stundenzahl, dann muss dafür kein Überstundenzuschlag gezahlt werden.“ Im Durchschnitt verdienen examinierte Altenpflegekräfte in Vollzeit knapp 2597 Euro monatlich, wenn sie nach Tarif bezahlt werden. Die meisten Stellen haben aber keine Tarifbindung und bringen laut Verdiim Schnitt 2118 Euro. Die Gewerkschaft fordert einen bundesweit gültigen Tarifvertrag und eine Grundvergütung von 3000 Euro.

Der erste Landespflegebericht zeigt zudem, dass 2013 insgesamt 87800 Menschen Leistungen von der Pflegekasse erhalten haben. Das sind 14 Prozent mehr als im Jahr 2001. Dabei lief die Entwicklung im Land sehr unterschiedlich. So stieg die Zahl der Leistungsempfänger im Kreis Pinneberg um 35 Prozent, in Neumünster um 23 Prozent, im Kreis Plön aber nur um 1,3 Prozent. Diese Unterschiede seien durch die Bevölkerungsstatistik nicht zu erklären, heißt es in dem Bericht. Es gebe weiteren Untersuchungsbedarf.

Insgesamt fiel die Zunahme von anerkannt Pflegebedürftigen aber deutlich geringer aus als erwartet. Denn im gleichen Zeitraum ist die Altersgruppe 75plus um 35 Prozent gewachsen. Fazit des Landespflegeberichtes: Das Risiko für die Schleswig-Holsteiner, im Alter pflegebedürftig zu werden, habe sich offenbar verringert. Das gilt allerdings nicht für die Demenz-Erkrankungen. Sie sind weiter auf dem Vormarsch. 41 Prozent der Pflegebedürftigen haben eine Demenz. „Der Pflegebericht bietet eine geeignete Datengrundlage für die notwendige Diskussion über erforderliche Maßnahmen“, sagt Sozialministerin Alheit. Sie setzt auf mehr ambulante Hilfen, aber auch auf mehr alternative Wohnprojekte.

Sind die Schleswig-Holsteiner länger fit?

87800 Schleswig-Holsteiner sind offiziell pflegebedürftig. Das bedeutet: Sie erhalten Leistungen aus der Pflegeversicherung. 40 Prozent werden ausschließlich von ihren Angehörigen versorgt. Weitere 21 Prozent werden zuhause von Angehörigen und einem Pflegedienst betreut. 39 Prozent leben in einem Heim. Der erste Landespflegebericht zeigt aber auch, dass sich die Zahl der Pflegebedürftigen im Land sehr unterschiedlich entwickelt. Eine Erklärung gibt es dafür nicht.

Der Bericht zeigt die Entwicklung in der Pflege von 2001 bis 2013 nach. Die Zahl derjenigen, die Geld oder Pflegeleistungen von der Pflegeversicherung bekommen, ist in dieser Zeit um 10700 gestiegen. Erwartet hatte man aufgrund der demographischen Entwicklung mehr als das Doppelte. Sind die Schleswig- Holsteiner plötzlich länger fit? Davon geht der Bericht aus. Oder versuchen die Menschen, länger ohne Hilfe klarzukommen? Das ist ebenso ungeklärt wie die erheblichen Unterschiede im Land (siehe interaktive Karte): Im Kreis Plön blieb die Zahl der Leistungsempfänger nahezu konstant, obwohl auch dort mehr alte Menschen als im Jahr 2001 leben. Dagegen stieg die Zahl der anerkannten Pflegebedürftigen im Kreis Pinneberg um 35 Prozent, im Kreis Segeberg um 24 Prozent und in Neumünster um 23 Prozent.

Auch bei der Frage, ob man in ein Heim geht oder nicht, gibt es deutliche regionale Unterschiede. In Kiel und im Kreis Plön leben 33 von 100 Pflegebedürftigen in einem Heim. In Lübeck und Stormarn sind es hingegen 45 Pflegebedürftige. Die Autoren des Landespflegeberichts haben einen Zusammenhang nachgewiesen: Je mehr Heimplätze es in der Nähe gibt, desto mehr Menschen leben im Heim. Ob das Angebot die Nachfrage bedingt oder umgekehrt, bleibt aber unklar. Insgesamt will die Landesregierung aber umlenken – von Heimplätzen zu mehr ambulanten Angeboten und alternativen Wohnformen. Sozialministerin Kristin Alheit ruft dazu auf, eingefahrene Pflegevorstellungen zu verlassen und sich unabhängig vom eigenen Alter in Unterstützungsnetzwerken zu engagieren. Will heißen: Wenn wir zuhause alt werden wollen, müssen sich alle mehr engagieren.

Die Mehrheit der Pflegebedürftigen nimmt erst spät, ab 80 Jahren aufwärts, die Pflegeversicherung in Anspruch. Vor allem Frauen sind dann auf die Pflegeversicherung angewiesen: weil sie länger leben, aber auch weil sie oft ihren Partner pflegen und damit selbst zum Pflegefall werden. Interessant ist der Blick auf die Pflegestufen: Mehr als die Hälfte wird in die Pflegestufe 1 eingruppiert. 29 Prozent erhalten die Pflegestufe 2 und elf Prozent die Pflegestufe 3. Um diese Menschen so lange wie möglich ambulant versorgen zu können, sind zusätzliche Angebote notwendig. Eines davon ist die Tagespflege, also Einrichtungen, in der Pflegebedürftige tagsüber betreut werden. Diese Plätze haben sich seit 2001 mehr als vervierfacht. Die Kreise Pinneberg und Rendsburg-Eckernförde sowie die Stadt Kiel sind Vorreiter. Viele Menschen wissen offenbar aber nicht, dass für die Tagespflege zusätzlich Geld gewährt werden kann. Und noch etwas ist erst wenig bekannt: Pflegende Angehörige können sich inzwischen einen kleinen Betrag auszahlen lassen und trotzdem noch für eine bestimmte Summe einen ambulanten Pflegedienst beauftragen. In den Schreiben der Kassen ist das oft so kompliziert formuliert, dass viele diese Kombi-Leistung nicht in Anspruch nehmen.

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Ein Artikel von
Heike Stüben
Lokalredaktion Kiel/SH

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Kommentar

Die Zahl der Pflegebedürftigen wächst nicht so schnell wie die Zahl der Schleswig-Holsteiner jenseits der 70. Das hört sich erfreulich an. Doch Vorsicht! Daraus abzuleiten, dass unser Pflegerisiko tatsächlich in kurzer Zeit deutlich gesunken ist, ist, zurückhaltend ausgedrückt, mutig.

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