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„Ein Entwurf muss Weite haben“

Interview: Erzbischof Stefan Heße „Ein Entwurf muss Weite haben“

Kommende Woche stimmt der schleswig-holsteinische Landtag erneut über einen Gottesbezug in der Landesverfassung ab. Im Interview mit KN-online erklärt der katholische Erzbischof Stefan Heße, warum die Formel aus seiner Sicht in die Verfassung gehört und wie sich mit dem veränderten Stellenwert von Glauben auch die Struktur von Gemeinden ändert.

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Für Erzbischof Stefan Heße darf ein Gottesbezug in der Landesverfassung nicht zu eng gefasst sein, damit sich alle mitgenommen fühlen.

Quelle: Ulf Dahl

Kiel. Herr Erzbischof, seit ein paar Tagen liegt ein neuer, umfassender Vorschlag für eine Verfassungsänderung auf dem Tisch. Ist Ihr Anliegen, dass Gott darin vorkommen soll, verwässert worden?

Stefan Heße: Nein. Der Gottesbezug ist enthalten, das ist mir wichtig. Und Menschen, die keinen religiösen Hintergrund haben, werden mit der Formulierung „aus dem Glauben an Gott oder aus anderen Quellen“ erfasst. Damit hat man einen Kompromiss gefunden, der möglichst vielen entgegenkommt und keinen ausschließt. Ein solcher Entwurf muss Weite haben, und die sehe ich. Darüber hinaus ist eine Demutsformel enthalten. Ich finde es wichtig, dass wir uns nicht über alles erheben, sondern uns als Menschen bescheiden.

Angenommen, der Entwurf verfehlt die Zweidrittelmehrheit: Was machen Sie dann?

Zunächst einmal hoffe ich, dass es klappt. Wir sind als katholische und evangelische Kirche nicht die Auslöser, sondern es gibt eine eigene Volksinitiative. Mit der bin ich im guten Gespräch.

Warum muss Gott überhaupt in die Verfassung? Wir haben doch eine Trennung von Staat und Religion.

Wir lösen diese Trennung ja nicht auf. Aber nichtsdestotrotz sind viele Menschen in diesem Land religiös. Und diesen vielen Tausenden, die bei der Volksinitiative unterschrieben haben, ist es ein Anliegen, dass dieser Horizont in die Verfassung kommt. Indem man sich auch auf andere Quellen bezieht, können sich auch viele andere mitgenommen fühlen. Immer dort, wo Menschen stark mit sich selbst beschäftigt sind, denken wir zu klein und zu eng. Je weiter Perspektive geht, umso menschengerechter erscheint mir das.

Können Sie gar nicht verstehen, dass einige mit dem Gottesbezug ein Riesenproblem haben?

Doch, natürlich. Ich finde aber, dass die Formulierung so offen ist, dass sie keinem schadet und auch keinen einengt.

Rechtspopulisten haben bereits angekündigt, das Anliegen der Volksinitiative bei einem parlamentarischen Scheitern zu unterstützen.

Wenn das so sein sollte, dann müssen alle Alarmglocken klingeln. Die Populisten verwenden ja schnell die Parole vom „Untergang des Abendlandes“. Aber wir werden uns dafür nicht instrumentalisieren lassen. Schon gar nicht, weil wir gerade hier eine starke Gemeinschaft bilden mit Menschen jüdischen und muslimischen Glaubens.

Könnte man die heftige Debatte auch so bewerten, dass der Graben zwischen denjenigen, die glauben, und denjenigen, die nicht glauben, tiefer geworden ist?

Wir sind Kirche, die sich nicht einschließt, sondern in dieses Gemeinwesen offensiv einbringt. Wir sind nicht Kirche für uns selber, sondern Kirche für die anderen. Und wir sind keine Kirche der Macht, sondern eine unter vielen, und wir müssen respektvoll in diesen Dialog der vielen unsere Stimme einbringen. Und dabei sollten Argumente das Überzeugende sein. Das Christentum ist eine Religion, die versucht, Glauben und Vernunft zusammenzubringen. Freiheit ist die Grundlage, denn Glaube kann nur da erwachsen, wo er frei ist. Alles, was nicht frei, sondern erzwungen ist, ist kein Glaube.

Die Steuerquellen sprudeln, und Sie hatten 2015 Einnahmen von 97 Millionen Euro. Wofür geben Sie das zusätzliche Geld aus?

Wir sind im Erzbistum Hamburg in den laufenden Ausgaben zu 95 Prozent von Kirchensteuereinnahmen abhängig. Das ist eine andere Situation, als ich es als Generalvikar von Köln kannte. Es gibt einen gewaltigen Stau an Investitionen. Viele Gotteshäuser und Schulen brauchen dringend einen neuen Anstrich oder eine Sanierung. Wir sind ein ganz junges Bistum mit 21 Jahren und haben entsprechend noch nicht so viel Gelegenheit gehabt, finanzielle Ressourcen zu schaffen, deren Erträge wir nutzen können. In der Regel brauchen wir das Geld für den laufenden Betrieb.

Die protestantische Kirche will ihre zusätzlichen Einnahmen vor allem für Flüchtlinge ausgeben.

Wir haben einen eigenen Flüchtlingsfonds. Da sind weit mehr als 700000 Euro durch Spenden zusammengekommen, das ist für die Katholiken hier in der Diaspora sehr, sehr viel.

Die Katholiken in Kiel leben seit einiger Zeit in einer Großpfarrei, im sogenannten Pastoralen Raum. Viele Gläubige verbinden damit aber auch die Erfahrung, dass weniger Gottesdienste angeboten werden und sie ihre Kirchengemeinde als Heimat verlieren.

Ich glaube, dass das System der Pastoralen Räume richtig ist. Es wurde zwar durch Priester- und Gläubigenmangel ausgelöst, aber wir werden damit auch dem veränderten Leben der Menschen gerechter. Junge Menschen sind heute nicht mehr so auf Gemeinden fixiert wie in der Vergangenheit. So wird zugleich deutlich, dass Kirche mehr ist als der Kirchturm. Kirchliches Leben sind Orte wie der Mittagstisch für Obdachlose in St. Heinrich in Kiel oder auch unsere katholischen Kitas. Jenseits von Kiel, wo die Entfernung zu den Kirchen viel größer ist, machen sich die Folgen des Priestermangels viel stärker bemerkbar. Ich denke, dass Getaufte und Gefirmte noch viel stärker als in der Vergangenheit das kirchliche Leben mitgestalten werden.

Wie schätzen Sie die Stimmung in Kiel ein?

Ich bin dankbar, dass wir in Kiel eine feste und starke katholische Gemeinde haben. Ich weiß aber auch, dass sie vor einigen Monaten Störungen im Zusammenhang mit dem Wirken eines Priesters erfahren hat, die bis heute nicht vollständig geklärt sind und die ich nicht herunterspielen möchte. (Anmerkung der Redaktion: Im vergangenen Herbst gab es in der Kirchengemeinde St. Nikolaus Streit um die Facebook-Aktivitäten eines Priesters (wir berichteten), der Inhalte der rechtskonservativen Zeitung „Junge Freiheit“ und einer umstrittenen katholischen Internetplattform verbreitet hat.) Ich weiß um die Sorgen vieler Gemeindemitglieder gerade im Hinblick auf die Kinder- und Jugendarbeit. Es laufen viele Gespräche, um dieses Thema anzupacken.

Interview: Kristian Blasel und Christian Hiersemenzel

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Ein Artikel von
Kristian Blasel
Ressortleiter Lokalredaktion/Kiel

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