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Nordkirche zeigt sich selbstbewusst

Interview Nordkirche zeigt sich selbstbewusst

Trotz schrumpfender Mitgliederzahlen: Vor der Synode vom 24. bis 26. September in Lübeck-Travemünde demonstriert die Nordkirche Selbstbewusstsein: „Gerade an der Flüchtlingsarbeit zeigt sich doch: Die Nordkirche steht im Maschinenraum der Gesellschaft“, sagte Präses Andreas Tietze.

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„Natürlich haben wir genauso unter dem demografischen Wandel zu leiden wie Parteien und Gewerkschaften“, sagt Präses Andreas Tietze zum Mitgliederschwund. „Wichtig ist, dass wir uns auf das besinnen, was wir können, und ständig unsere Angebote an die Menschen überprüfen.“

Quelle: Frank Peter

Kiel. Wichtig sei, dass die Kirche ihre Angebote an die Menschen überprüfe.

Die Nordkirche macht sich fit für die Zukunft: Auf der Synode vom 24. bis 26. September geht es um die Ortsgemeinde und damit die Basisarbeit. Für Präses Andreas Tietze – zugleich Landtagsabgeordneter der Grünen – zeigt gerade die Flüchtlingsarbeit, dass die Christen aktiver Teil der Gesellschaft sind.

Frage: Der Landtag wird nach dem Erfolg der Volksinitiative erneut über eine Gottesformel in der Verfassung beraten. Deutet sich ein Kompromiss an?

 Ich bin zutiefst beeindruckt, dass in einer solch kurzen Zeit 42000 Unterschriften zusammengekommen sind. Dies war eine echte Bürgeraktion von Menschen verschiedener Religionsgemeinschaften. Die Freundlichkeit und Offenheit, mit der sie das Thema „Gottesbezug“ angegangen sind, hat sicher auch viele meiner bisher skeptischen Kollegen im Landtag fasziniert.

 Und nun springt der Funke auf die Skeptiker über?

 Die Diskussion wurde im vergangenen Jahr teilweise sehr polarisierend geführt. Jetzt ist Bewegung in die Sache gekommen. Ob es einen Kompromiss gibt, hängt von der Formulierung ab. Die Initiative selbst hat die polnische Verfassung ins Spiel gebracht, in der es heißt: „… beschließen wir, (…) sowohl diejenigen, die an Gott (…) glauben, als auch diejenigen, die (…) diese universellen Werte aus anderen Quellen ableiten ... “. Sinngemäß wäre so etwas denkbar.

 Sie diskutieren in der Synode über die Zukunft der Ortsgemeinde. Dabei geht es auch um die Frage, wo die Nordkirche gut drei Jahre nach der Fusion steht. Ist da schon etwas zusammengewachsen?

 Natürlich ist die Nordkirche heterogen. Nur ein Beispiel: Der Kirchenkreis Pommern hat knapp 90000 Mitglieder, der Kirchenkreis Hamburg-Ost etwa 440000. Auch in Schleswig-Holstein gibt es ja große regionale Unterschiede. Die kann man nicht in so kurzer Zeit überwinden. Wir haben aber in der Landessynode einen Grundsatz: Wir fragen nicht, woher der andere kommt. Wir nehmen wahr, wo wir gemeinsam hinwollen. Die Nordkirche hätte nie eine Chance gehabt, wenn wir nicht von Anfang an auf Augenhöhe miteinander umgegangen wären.

 In Schleswig-Holstein ist der Anteil der Kirchenmitglieder an der Bevölkerung auf unter 50 Prozent gerutscht. Tut das nicht weh?

 Gegenfrage: Können Sie mir eine einzige andere Organisation oder Institution im Land nennen, die eine Million Mitglieder hat? Natürlich haben wir genauso unter dem demografischen Wandel zu leiden wie Parteien und Gewerkschaften. Wichtig ist, dass wir uns auf das besinnen, was wir können, und ständig unsere Angebote an die Menschen überprüfen.

 Zu den großen Herausforderungen zählt die zunehmende religiöse Gleichgültigkeit in der Gesellschaft. Welches Rezept haben Sie dagegen?

 Wir haben kein Patentrezept, aber gute Ideen. Gerade an der Flüchtlingsarbeit zeigt sich doch: Die Nordkirche steht im Maschinenraum der Gesellschaft. Dort, wo Leid ist, wo Menschen von Krieg, Hunger und Armut bedroht werden, sind Christen mitten im Leben und in der Bürgergesellschaft aktiv. Unsere Pastorinnen und Pastoren, aber auch Ehrenamtliche sind vielerorts Koordinatoren dieser Flüchtlingsarbeit. Sie motivieren die Helfer, sie stellen Logistik und Räume zur Verfügung.

 Die Nordkirche im Maschinenraum der Gesellschaft: Trifft dieses Bild auch auf den Osten zu?

 Auch da, wo die meisten Dunkeldeutschland vermuten, gibt es viele helle Flecken. Und daran ist die Kirche aktiv beteiligt. Tief beeindruckt hat mich ein Besuch in Pommern, wo in einem Projekt Theaterleute aus Berlin und der Pastor gemeinsam eine bunte Vielfalt an Kultur anbieten – gegen Ausländerfeindlichkeit und Fremdenhass. Drumherum liegen Dörfer, in denen Nazis ihr Unwesen treiben. Mittlerweile kommen Menschen aus der ganzen Gegend, die bisher mit Kirche nichts am Hut hatten, und sagen: „Gut, dass Ihr da seid.“

 Welche weiteren Möglichkeiten sehen Sie, um für die Kirche zu werben und die Zukunft der Ortsgemeinde zu sichern?

 Natürlich haben die Amtshandlungen großen Einfluss darauf, wie der Einzelne zur Kirche steht. Ist zum Beispiel eine Taufe oder Trauung gut gelungen, entwickelt sich eine positive Haltung zur Kirche. Erleben die Menschen das Gegenteil, können Kirchenaustritte folgen. Das Verhältnis zur Kirche entscheidet sich in der Begegnung Mensch zu Mensch.

 Also hängt die Zukunft der Kirche allein am Pastor?

 Diese Bürde, für das gesamte Wohl und Wehe der Kirche verantwortlich zu sein, darf man niemandem auferlegen. Es stimmt auch nicht. Viel hängt etwa vom Zusammenspiel zwischen Pastor und Kirchengemeinderat ab.

 Und vom Zeitgeist: Ein Pastor kann keinen Gottesdienst wie bei Twitter in 140 Zeichen über die Bühne bringen. Trotzdem kommt es darauf an, sich auf die moderne Mediengesellschaft einzustellen und manchmal auch einen neuen Stil der Verkündigung zu wählen.

 Zum Beispiel?

 Der Motorrad-Gottesdienst in Hamburg. Da sehen Sie knapp 30000 Biker, wirklich harte Typen, die Tränen in den Augen haben. Das ist fast eine eigene Gemeinde. Ähnliches gibt es für Schausteller oder Binnenschiffer. Sehr gut angenommen wird auch unser Angebot der Pilgerkirche. Wir kommen also in unterschiedlichste Milieus hinein. Das kann nicht jede Gemeinde aus eigener Kraft leisten. Das geht nur mit Unterstützung der Landeskirche. Das ist auch die große Chance der Fusion.

  Die Kulturkirche in Hamburg-Altona zieht mit ihrem Programm viele Nicht-Mitglieder an. Könnte das auch ein Konzept für ländliche Regionen sein?

 In Hamburg geht kulturell richtig was ab. Da steht die Kulturkirche auch im Wettbewerb mit anderen „Anbietern“ aus ganz Deutschland und muss ein sehr, sehr hohes Niveau präsentieren. So etwas dauerhaft zu leisten, wird auf dem flachen Land nur schwer möglich sein. Aber: In Mecklenburg-Vorpommern und auch in Schleswig-Holstein haben Kulturschaffende aus Metropolen Bauernhöfe und alte Scheunen aufgekauft. An solchen Stellen könnte ich mir gut Angebote in der Urlaubszeit vorstellen, die Kirche, Kultur und Tourismus verbinden. Denn das ist die Nordkirche ja auch: die Urlauberkirche in Deutschland.

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Ein Artikel von
Uta Wilke
Redaktion Lokales Kiel/SH

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