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Prozess-Auftakt mit Hindernissen

JVA-Geiselnahme Prozess-Auftakt mit Hindernissen

Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen hat am Mittwoch der Geiselnahme-Prozess am Landgericht Lübeck begonnen. Sechs Justizbeamte in Schutzwesten bewachten zwei der Angeklagten, weil erhöhte Fluchtgefahr bestehen soll. Vier Insassen sollen an Heiligabend 2014 einen JVA-Beamten als Geisel genommen haben.

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Alexej S. soll einem Beamten ein Brotmesser an den Hals gehalten haben. Vor Gericht verdeckt er sein Gesicht mit einem Pulli. Neben ihm seine Anwältin Kerstin Raber.

Quelle: dpa/Markus Scholz

Lübeck. Die Litauer Gintaras A. (51) sowie Eugenijus F. (38), der Georgier Kahaberi A. (25) und der Russe Alexej S. (23) werden beschuldigt, an Heiligabend 2014 den Beamten Rene K. der Justizvollzugsanstalt (JVA) als Geisel genommen zu haben, um zu fliehen (wir berichteten).

Zu Prozessbeginn wurde deutlich, wie brisant der Fall ist. Die vier Verteidiger hatten erst am Montag oder Dienstag angeforderte Akten bekommen, wollten das Opfer daher entgegen der Planung gestern noch nicht vernehmen. Der Anwalt von Kahaberi A., Oliver Dedow, sagte: „Ich verstehe nicht, warum das Übersenden erst so spät geschah.“ Da die Rechtsanwälte somit unter anderem eine weitere Zeugenaussage von Rene K. nicht kannten, wollten sie ihn auch nicht hören. „Jetzt haben wir das Problem, den Zeugen nicht so vernehmen zu können, wie wir uns das wünschen würden“, sagte die Verteidigerin von Alexej S., Kerstin Raber. Richter Kai Schröder teilte ihre Einschätzung: „Ich werde nicht starten, bevor nicht alle Akten gelesen wurden.“

Verspäteter Zugang für Ermittler

Ebenfalls in den Unterlagen enthalten ist die Aussage der damaligen JVA-Chefin Agnete Mauruschat. Gegen sie wurde gesondert ermittelt, weil sie den Vorfall zunächst vertuscht haben soll. Die Polizei durfte erst einen Tag später im Gefängnis ermitteln, weshalb laut Gintaras A.’s Verteidiger Frank-Eckhard Brand womöglich Beweise verschwunden waren: „So wurden keine Flaschen mit dem Alkohol gefunden, den die Angeklagten vor der Geiselnahme getrunken hatten.“ Die Promillewerte hätten ebenso nicht mehr gemessen werden können. Dies und weitere Folgen der verzögerten Ermittlungen seien laut Brand noch „gewaltige Dinge, die zu klären sind“.

Das Verhalten Mauruschats hatte auch politisch hohe Wellen geschlagen, weil sich Justizministerin Anke Spoorendonk (SSW) anfangs schützend vor sie gestellt hatte. Die JVA-Chefin wurde inzwischen versetzt, die Ermittlungen gegen sie aber im September eingestellt. Staatsanwalt Martin Peterlein wollte sich nicht zu den verspäteten Ermittlungen und den Konsequenzen äußern. „Jetzt müssen wir damit arbeiten, was wir haben.“

Mit Brotmesser am Hals

In der Anklage wird den Männern vorgeworfen, Rene K. überwältigt und als „Druckmittel“ eingesetzt zu haben. Dass er sich dabei einen Rippenbruch zuzog, sei „billigend in Kauf genommen“ worden, so Peterlein. Alexej S. soll dem JVA-Beamten ein Brotmesser an den Hals gehalten haben. Seine Kollegen seien so dazu gezwungen worden, zwei Türen aufzuschließen. Der Fluchtversuch wurde letztlich auch dank der Hilfe eines Mithäftlings beendet. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Quartett gemeinschaftliche Geiselnahme, gemeinschaftliche schwere Körperverletzung, Nötigung und versuchte Gefangenenmeuterei vor.

Vom zuvor angeblich gemeinsam konsumierten Wodka steht in der Anklage jedoch nichts. „Die Staatsanwaltschaft sieht diesen Punkt nicht als entscheidend an“, sagte Rechtsanwalt Brand. „Das müssen wir sehen.“ Sein Kollege Dedow gab bereits an, dass sein Mandant Kahaberi A. wegen des Rausches „kaum noch Erinnerungen“ habe. Alle vier Angeklagten wollen sich am zweiten Verhandlungstag äußern. Dem Wunsch von Eugenijus F.’s Anwalt Jan Kürschner, die Sicherheitsbeamten beim nächsten Mal abzuziehen, erteilte Richter Schröder eine Abfuhr. „Dann werde ich Fußfesseln anordnen.“ Die Fluchtgefahr schätzte Schröder als „außerordentlich plausibel“ ein. Der Prozess wird am kommenden Mittwoch fortgesetzt.

Von Peer Hellerling

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