23 ° / 11 ° Gewitter

Navigation:
Sein Vater war Deep Purple

Jürgen Richard Blackmore Sein Vater war Deep Purple

Nützen, mitten in Schleswig-Holstein. Der Angelverein heißt „Hol Rut“, der Männergesangverein „Frohsinn“. Hier spielt die Geschichte von Jürgen Richard Blackmore, Sohn von Ritchie Blackmore, Gründer und Leadgitarrist von Deep Purple, der mit „Smoke on the Water“ ein musikalisches Weltkulturerbe geschaffen hat.

Voriger Artikel
Kleiner Bulle ist gut drauf
Nächster Artikel
Viereinhalb Jahre für Familienvater

Das lila Auto an der Wand ist zerfallen: Jürgen Richard Blackmore hat keinen Kontakt mehr mit seinem Vater, dem so berühmten Ex-Gitarristen der Rockband Deep Purple.

Quelle: Uwe Paesler

Nützen. Kein Gemäuer in diesem Dorf wird jemals zum Unesco-Welterbe geadelt werden. Das Zeug dazu hat eher eine Fender Stratocaster in einem unscheinbaren Backsteinhaus. Keine normale Gitarre, eine legendäre. Wie kam diese Gitarre nach Nützen?

Jürgen R. Blackmore empfängt in seinem Wohnzimmer. Die beiden Hunde hat er in den Garten verbannt, der Kater schleicht gelassen um die Beine des Gastes, Freundin Anja bietet Kaffee an. Der Profimusiker erzählt erst einmal über seine Krankheit. Vor zwei Jahren hat er sich durch einen Zeckenbiss eine Borreliose eingehandelt, seitdem kann er seinen Beruf nicht mehr ausüben, sondern nur über sein Projekt „Musikerei“ Wunsch-CDs produzieren. „Ich liege von 365 Tagen 100 flach“, sagt er. Er hat Ärzte und Heilpraktiker konsultiert und glaubt nicht mehr daran, jeweils wieder auf der Bühne stehen zu können. Dabei ist er erst 51.

Sein Vater Ritchie Blackmore war gerade 19 geworden, als er 1964 die Hamburgerin Margit Volkmar heiratet. Kurz darauf kommt Jürgen zur Welt. Die junge Familie lebt bei London. Als die Ehe nach fünf Jahren scheitert, ziehen Mutter und Sohn nach Hamburg.

Jürgen nutzt die Mittel der Straße

Jürgen wächst in Eimsbüttel auf. Mit zehn Jahren registriert er, dass er einen berühmten Vater hat, er fragt nach und muss lernen zu verstehen: Dieser Gitarren-Gigant wird niemals Zeit haben für ihn. Fußball spielen oder Angeln gehen – ausgeschlossen. In der Schule wird er gehänselt und beschimpft. Er wehrt sich mit den Mitteln der Straße. „Ich habe mich viel geprügelt.“ In dieser Phase schenkt ihm sein Vater nach einem Konzert in Hamburg die Fender Stratocaster. „Beibringen musst du dir das selbst“, gibt Ritchie Blackmore ihm mit auf den Weg. Der Sohn stellt das gute Stück erst mal in die Ecke.

Mit 13 begleitet er in den Ferien Deep Purple auf deren Deutschland-Tournee und lernt alle Bandmitglieder kennen. Mit 15 beginnt er in Hamburg eine Lehre als Gitarrenbauer, aber erst mit 18 fängt er an, sich musikalisch intensiv mit diesem Instrument zu beschäftigen. Er legt Platten auf, Rock und Heavy Metal, spielt mit, improvisiert, entwickelt seinen Solo-Stil, schließt sich lokalen Bands an. Trifft er mal seinen Vater, bekommt er ein paar Tipps. In der Musikszene wird nun verglichen: „Zeig mal, was du drauf hast.“ Der junge Blackmore spürt den Druck. „Sohn von“ ist keine Adelsbezeichnung, es ist eine Belastung.

Etwa zu diesem Zeitpunkt, 1984, hat Ritchie Blackmore Deep Purple – nach seinem Ausstieg 1975 und der Gründung der Gruppe Rainbow – gerade wiedervereint. Doch 1993 verlässt er Deep Purple nach Konflikten mit den anderen Mitgliedern endgültig. Zu seinem Erbe zählt das epochale Album „Deep Purple in Rock“ (1970) inklusive „Child in Time“ oder das mehr als zwölf Millionen Mal verkaufte „Smoke on the Water“ (1972), das in den USA als bekanntester Song nach der Nationalhymne gilt.

Der Vater brach den Kontakt ab

Jürgen R. Blackmore findet seinen Weg als Gitarrist. 1986 spielt der Hobbyangler mit den Iron Angel sein erstes Profi-Album ein, mit der J.R. Blackmore Group rockt er das ausverkaufte Hamburger Docks. 2008 fragen ihn ehemalige Rainbow-Miusiker, ob er beim Revival der Rockband seinen Vater, dem er wie aus dem Gesicht geschnitten ist, ersetzen wolle. Jürgen R. ruft diesen an, Blackmore sen. gibt seinen Segen. Die Band geht auf Welttournee, unter anderem mit den Scorpions. Jürgen ist im Geschäft, doch dem Vater im fernen Long Island gefällt das Double nicht. 2009 bricht er den Kontakt ab, bis heute.

Nun sitzt Jürgen R. Blackmore in Nützen und erzählt diese, seine Geschichte. Offen und ungeschminkt. Ritchie Blackmore sei zweifellos ein großartiger Musiker, aber ein ganz schlechter Vater, der sich nur für sich selbst interessiere, sagt der Sohn. Er sagt es ohne Bitterkeit, aber er sagt es, als könne er mit dem Egomanen im Familienstammbuch keinen Frieden schließen. Auch, weil er ständig an diesen erinnert wird, wenn er „Smoke on the Water“ im Radio hört.

Jürgen Richard Blackmore beschreibt seinen Übervater als durchaus netten und intelligenten, zugleich aber sehr verletzenden Menschen. „Er ist ein Tyrann. Jeder seiner früheren Kollegen kann ein Lied davon singen.“ Und leise fügt er hinzu: „Mit diesem Nachnamen habe ich einen Stempel fürs Leben auf die Stirn gedrückt bekommen. Es ist nicht schön, der Sohn von Ritchie Blackmore zu sein.“

Partnerin Anja hat indes kein Problem damit, mit der freundlichen und ausgeglichen wirkenden Blackmore-Ausgabe zusammenzuleben. Die beiden kennen sich schon aus der Grundschule. „Ich habe mich mit zehn Jahren in seine schönen dunklen Augen verliebt“, lächelt sie. Und es interessiert sie überhaupt nicht, dass es die Augen von Ritchie Blackmore sind.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Testen Sie die KN

Digitales Abo, ePaper,
klassische Tageszeitung
online buchen & testen!

KN-KSV-Liveticker

Verfolgen Sie alle Spiele von Holstein Kiel im KN-KSV-Liveticker.

Anzeige
ANZEIGE
Mehr zum Artikel
Konzert in Kieler Sparkassen-Arena
Foto: Ian Paice, Ian Gillan und Steve Morse

„Von Zeit zu Zeit seh ich die Alten gern“, darf man in Abwandlung eines Faust-Zitats sagen. Deep Purples achte und mit zehn Jahren Bestand solideste Besetzung schickte in der Sparkassen-Arena rund 2500 Mitgereifte und Nachwuchs auf eine Rock-Zeitreise, die insbesondere Sänger Ian Gillan genügend Verschnaufpausen einräumte.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten: Schleswig-Holstein 2/3