21 ° / 12 ° wolkig

Navigation:
Nach Taylers Tod: „Auf keinen Fall schärfere Gesetze“

KSB-Präsident Heinz Hilgers Nach Taylers Tod: „Auf keinen Fall schärfere Gesetze“

Im Fall des mutmaßlich zu Tode geschüttelten Tayler wächst die Kritik an den Hamburger Behörden. Auch der Deutsche Kinderschutzbund (KSB) sieht erhebliche Defizite. Der einjährige Junge war am 12. Dezember in eine Klinik gebracht worden und am 19. Dezember gestorben. Wir sprachen darüber mit KSB-Präsident Heinz Hilgers.

Voriger Artikel
Bürgerschaft soll Helmut-Schmidt-Flughafen zustimmen
Nächster Artikel
Urteil im Rocker-Prozess erst 2016

Heinz Hilgers, Präsident des Kinderschutzbundes, wünscht sich, dass mehr Geld für die Prävention aufgewendet wird. Eine Zersplitterung der Jugendhilfe hält er für unklug.

Quelle: Markus Scholz/dpa

Hamburg. Der Tod des kleinen Taylers erschüttert Deutschland. Haben die Ämter versagt?

Der Fall ist ein sehr trauriger und dramatischer. Von uns kann keiner das Leid ermessen, den das Kind ertragen musste. Der Fall zeigt auch, wie schwierig Gefährdungsabschätzungen sind. Nach meinem Wissen hat die Familienhelferin das Jugendamt nicht informiert, weil sie dachte, die Verletzungen wären beim Laufenlernen passiert. Eine Gefährdungsabschätzung ist schwierig und muss deswegen von zwei erfahrenen Fachkräften geschehen. Der Staatsanwalt muss nun diese Fragen klären.

Michelle, Jessica, Lara Mia, Chantal, Yagmur, nun Tayler: Warum kommt es immer wieder zu diesen tragischen Fällen in Hamburg?

Hamburg ist eine sehr große Stadt. Obwohl sie sehr wohlhabend ist, existiert dort eine Reihe von Brennpunkten, also Stadtteilen mit besonderem Erneuerungsbedarf, wie es im Behördendeutsch heißt.

Dabei hatte Hamburg doch extra neue Strukturen geschaffen, um solche Tragödien zu verhindern.

Ich bezweifle, dass der Gedanke, akute Eingreiftruppen zu installieren, der richtige ist. Wichtiger ist es, mit guter Personalausstattung für einen überschaubaren Bezirk kontinuierlich zuständig zu sein. Nicht nur die Gefährdungsabschätzung und das Eingreifen in Krisensituationen gehören dazu, auch die Prävention. Das kann man nicht alles den Jugendämtern überlassen, dazu gehört auch das Engagement von Familienhelfern bei freien Trägern. Die Behörden aber müssen in jedem Fall die Verantwortung für die Bezirke übernehmen, die nur so groß gestaltet werden dürfen, um auch die nötige Kraft für die Prävention aufbringen zu können. Das ist weit besser als die schnellen Eingreiftrupps wie in Berlin, Köln oder auch Hamburg, die erst dann einschreiten, wenn ein Anruf kommt. Ich halte die Zersplitterung der Jugendhilfe nicht für klug.

Freie Träger müssen sich aber auch finanzieren. Führt das nicht zu falschen Anreizen?

Das wäre schlimm. Die Finanzstrukturen dürfen nicht so ausgelegt sein, dass immer nur der Fall finanziert wird. Solche Dienste brauchen eine Grundfinanzierung. Von diesen familienergänzenden Hilfen gibt es viel zu wenige, und die sind in der Regel auch überlastet.

Wie muss die Politik reagieren?

Auf jeden Fall nicht mit schärferen Gesetzen. Es gibt beim Aspekt der Prävention mehrere Faktoren, über die intensiv nachgedacht werden muss: Die ärmsten Städte in Deutschland haben auch die meisten Krisenfamilien. Diese Städte müssen also viel Geld für die Intervention im Krisenfall ausgeben. Da bleibt kein Raum für Schutzmaßnahmen. Daher fordere ich einen Rechtsanspruch auf frühe Hilfen, im Gesundheitswesen und in der Jugendhilfe. Ministerin Schwesig hat eine umfassende Reform angekündigt, aber diese elementare Forderung ist leider nicht dabei.

Aber wie soll ein Baby wie der einjährige Tayler es schaffen, um Hilfe zu bitten?

Auch ganz kleine Kinder muss man an diesem Prozess beteiligen. Sie übernehmen bei einer Entwicklung einer familiären Perspektive eine wichtige Rolle. Auch ein Baby drückt aus, ob es lieber bei den leiblichen Eltern oder in der Pflegefamilie bleiben möchte, natürlich mit anderen Mitteln. Die Partizipation durch Beobachten ist von entscheidender Bedeutung. Dieses System hat bei Tayler versagt, was die große Schwierigkeit von Gefährdungseinschätzungen und die Bedeutung von gut geschultem Hilfspersonal einmal mehr aufzeigt.

Interview: Carsten Bergmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Ein Artikel von
KN-online (Kieler Nachrichten)

Das THW-Magazin

Erfahren Sie mehr!
Einblicke hinter die
Kulissen des THW-Kiel

THW-Liveticker

Verfolgen Sie alle Spiele vom THW Kiel in unserem Liveticker.

Anzeige
ANZEIGE
Mehr zum Artikel
Hamburg
Foto: Die Trauer nach dem Tode Taylers schlägt immer weiter in Kritik an den Behörden um.

Vor zwei Jahren starb die dreijährige Yagmur nach Misshandlungen im Elternhaus, obwohl sie unter Beobachtung des Jugendamts stand. Danach wurde das System der Kinder- und Jugendhilfe reformiert. Zu wenig, kritisieren Verbände jetzt nach dem Tod des kleinen Tayler.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Nachrichten: Schleswig-Holstein 2/3