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Ladelund: Wo das Grauen reell wird

KZ-Gedenkstätte Ladelund: Wo das Grauen reell wird

2015 haben Hans-Joachim Ihloff und Raimo Alsen 93 Führungen geleitet, Schüler, Konfirmanden und Senioren begleitet. Es könnten mehr Pennäler sein, dennoch halten beide nichts davon, dass die Politik es zur Pflicht macht, jeden Schüler einmal Neuengamme oder Ladelund besuchen zu lassen.

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Hans-Joachim Ihlhoff (hinten) mit Schülern des Flensburger Goethe-Gymnasiums auf dem Friedhof der Gedenkstättte Ladelund.

Quelle: Gerhard Müller

Ladelund. Wer sucht, der findet. Das gilt auch für einen Besuch in Ladelund. Ist man endlich über schmale Nebenstraßen in dem Dorf unweit der dänischen Grenze angekommen, muss man weitersuchen, um den Zielpunkt, das ehemalige Konzentrationslager, zu finden. Verborgen zwischen Volksbank und Zimmerei duckt sich die Gedenkstätte in die nordfriesische Einöde. Ein Dokumentenhaus, ein Friedhof, das war’s. Doch das darf es nicht gewesen sein.

Das sagen sich auch Hans-Joachim Ihloff und Raimo Alsen. Ihloff (72), ein pensionierter Studiendirektor, ist seit 25 Jahren in der Gedenkstätte ehrenamtlich tätig. Alsen (30) ist deren Leiter, halbtags. Ansonsten unterrichtet er in Leck Schüler in Englisch und Geschichte. Ihloff und Alsen wollen die Erinnerung an dieses unrühmliche Kapitel schleswig-holsteinischer Geschichte am Leben erhalten. In Ladelund existierte in der Endphase des Zweiten Weltkriegs, genauer vom 1. November bis 16. Dezember 1944, eine Außenstelle des Konzentrationslagers Neuengamme. In das vorherige Arbeitslager für 250 Menschen wurden über 2000 Häftlinge in ungeheizte Holzbaracken gepfercht. Lediglich in dünne Leinen gekleidet mussten sie einen Panzergraben errichten, der die Nord- mit der Ostsee verbinden sollte. Dieses sinnlose Unterfangen bezahlten 300 Lagerinsassen, darunter 111 Niederländer, mit ihrem Leben. Sie erfroren, verhungerten oder starben an den katastrophalen hygienischen Umständen.

Für ihren Besuch in der Gedenkstätte haben sich 23 Schüler aus dem 13. Jahrgang des Flensburger Goethe-Gymnasiums, das zwischen 1933 und 1945 Adolf-Hitler-Schule hieß, einen eiskalten, grauen Wintertag ausgesucht. Ihr Lehrer, Tim Krüger, fällt in der Gruppe kaum auf, er ist erst 31. „Die Zeit des Nationalsozialismus ist das wichtigste geschichtliche Thema in der Oberstufe, damit haben wir uns intensiv beschäftigt“, berichtet er.

Im Jahr 2015 haben Hans-Joachim Ihloff und Raimo Alsen 93 Führungen geleitet, Schüler, Konfirmanden, Senioren und knapp 500 Niederländer begleitet. Es könnten mehr Pennäler sein, dennoch halten beide nichts davon, dass die Politik es zur Pflicht macht, jeden schleswig-holsteinischen Schüler einmal Neuengamme oder Ladelund besuchen zu lassen. „Es wäre zwar gut, wenn wir mehr Schulklassen dieses dunkle Kapitel ihrer Heimat vermitteln könnten, aber das sollte besser auf freiwilliger Basis geschehen“, sagt Ihloff. Auch Alsen favorisiert einen anderen Ansatz: „Ich fände es schön, wenn mehr Lehrer wüssten, dass ein Besuch bei uns eine wertvolle Ergänzung für ihren Unterricht ist.“

An diesem Tag führt Hans-Joachim Ihloff angehende Abiturienten durch das Dokumentenhaus und über den Friedhof, auf dem 300 Häftlinge ihre letzte Ruhe fanden. Johannes Meyer, Gemeindepastor und NSDAP-Mitglied, hatte 1944 gegenüber dem später trotz Erschießungen von Häftlingen nie zur Rechenschaft gezogenen Lagerkommandaten Hans Hermann Griem darauf bestanden, die Verstorbenen zu registrieren und zu bestatten. „Das ist ein Alleinstellungsmerkmal für ein deutsches KZ“, erzählt Ihloff seinen jungen Zuhörern und referiert anschließend über unmenschliche Arbeits- und Lagerbedingungen, ehe die Schüler ihr Wissen in der Ausstellung selbst erweitern sollen.

 Das pädagogische Konzept, nie moralisierend aufzutreten und anhand von Einzelschicksalen Betroffenheit hervorzurufen, geht an diesem Tag auf. Die Reaktionen der jungen Flensburger sind so vielseitig wie eindeutig. Sie berichten von der „bedrückenden Athmosphäre auf dem Friedhof“, wo das Geschehen reell geworden sei, dass es „erschreckend“ gewesen sei zu lesen, mit welcher Brutalität die SS-Aufseher vorgegangen seien oder Ladelunder Schüler damals Tote auf der Straße gesehen hätten. Mehrere Besucher sind gleichzeitig froh, gekommen zu sein: „Ich wohne in Flensburg und hatte noch nie etwas von Ladelund gehört.“ Das ist der Moment, an dem Ihloff noch eine Botschaft loswerden möchte. „Die Häftlinge besaßen keine Rechte. Wenn sie den Mund aufmachten, liefen sie Gefahr, erschossen zu werden“, sagt er den Schülern. „Bedenken Sie bitte, welche Rechte unsere Demokratie Ihnen gewährt und dass es wichtig ist, für diese Rechte einzutreten.“ Dass eine Besucherin unlängst „Wehret den Anfängen, es ist wieder so weit“ ins Gästebuch geschrieb hat, erwähnt Ihloff ebenfalls.

Dann fahren die Abiturienten zurück nach Hause. Im besten Fall werden sie ihre Eindrücke weitergeben, denn wie sagte eine Schülerin: „Viele Schleswig-Holsteiner wissen wahrscheinlich gar nichts von Ladelund.“

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