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Wie ein Frauentrio die Eurokrise meistert

Kiel/Thessaloniki Wie ein Frauentrio die Eurokrise meistert

An ihrem Arbeitsplatz gibt es für Litsa Bina an diesem Abend nichts mehr zu tun. Es ist kurz nach 20 Uhr, als die 43-Jährige ihr Büro in Thessaloniki verlässt.

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„Wir schaffen es schon.“ Litsa Bina (Mitte) wuchs in einer Gastarbeiterfamilie in Elmshorn auf. Heute lebt sie mit ihren Töchtern Vicky (links) und Alexandra in Thessaloniki.

Quelle: Privat

Kiel/Thessaloniki. Doch Feierabend hat die zweifache Mutter noch nicht. Bevor sie nach Hause kann, muss sie noch Besorgungen machen. Auf der Einkaufsliste stehen zwei Packungen Kopfschmerztabletten. Aber in der Apotheke kann man ihr nur noch eine Packung aushändigen. Es gibt Lieferprobleme. Für die Griechen ist das Alltag. Litsa Bina, die einen Großteil ihres Lebens in Schleswig-Holstein verbracht hat, nimmt es halbwegs gelassen: „Wir lernen jetzt, sparsam zu leben“, schreibt sie an unsere Zeitung.

 Die Schuldenkrise hält Griechenland weiter fest im Griff. Trotz der Einigung zwischen der Athener Regierung mit den internationalen Geldgebern wankt das Land am Abgrund. Fehlende Medikamente in den Apotheken, leere Regale in den Supermärkten, wenig Bargeld an den Bankautomaten – die Meldungen aus dem südeuropäischen Euro-Partnerland klingen mitunter unwirklich. Während die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union (EU) in Brüssel um Bilanzen, Reformen und einen möglichen Euro-Austritt feilschen, muss die griechische Bevölkerung längst die wirtschaftlichen Folgen der Schuldenpolitik meistern.

 Wie lebt es sich also in Griechenland? Diese Frage wird Litsa Bina in der nächsten Zeit im regelmäßigen Austausch mit dieser Zeitung beantworten. Zusammen mit ihren Töchtern Vicky (22) und Alexandra (15) wird sie ihre Sorgen schildern, über Veränderungen zum Negativen oder Positiven berichten, die Euro-Rettungspolitik aus ihrer Sicht bewerten.

 Litsa Bina kennt beide Seiten. Denn aufgewachsen ist sie als Kind griechischer Gastarbeiter in Elmshorn. Hier hat sie einen Realschulabschluss gemacht, einen Griechen geheiratet und mit ihm gemeinsam ein Restaurant eröffnet. Auch ihre ältere Tochter kommt in Deutschland zur Welt. Erst als Vicky schulpflichtig wird, zieht es die junge Familie zurück nach Griechenland. In der Hafenstadt Igoumenitsa bekommt das Paar mit Alexandra eine zweite Tochter und betreibt erneut ein Café. Doch ein paar Jahre später zerbricht das Eheglück. Das Paar trennt sich. Während der Vater nach Deutschland zurückkehrt, ziehen Mutter und Töchter nach Thessaloniki. In der zweitgrößten Stadt Griechenlands lebt das Trio fortan in einer Dreizimmer-Wohnung. Alexandra geht noch zur Schule, Vicky studiert Sprachwissenschaften.

 Die Schuldenkrise macht sich lange nicht bemerkbar. „Wir als Familie haben diese Wirtschaftskrise lange nicht so direkt erlebt“, sagt Litsa Bina. Sie selber arbeitet Vollzeit in einem Callcenter eines deutschen Energieunternehmens. Der Vater unterstützt die Familie weiterhin monatlich aus Deutschland mit Geld. Auch Vicky verdient mit einem Nebenjob als Dolmetscherin und Übersetzerin hinzu. Doch als vor wenigen Wochen auf dem Höhepunkt der Eurokrise die Banken geschlossen bleiben, sind die Alimente aus Deutschland und Litsas Lohn plötzlich nicht mehr erreichbar.

 Die Familie muss umdenken. Die Einkäufe werden weniger. Vicky geht mit ihren Freunden weniger aus.„Die Restaurant sind zwar voll“, berichtet sie. „Aber die Menschen trinken dann nur wenig.“ Trotzdem will sich die 22-Jährige nicht beklagen. Täglich sieht sie auf den Straßen auch Menschen, die betteln und in Mülleimern nach Essen suchen. Deshalb findet sie, dass ihre Lage gut ist. Sie sagt: „Wir schaffen es schon.“

Von Jens Kiffmeier und Sonja Paar

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Foto: Litsa Bina schildert in unserer Serie die griechischen Alltagssorgen.

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