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Rockerprozess ohne Rocker

Kieler Hells Angels Rockerprozess ohne Rocker

Einer der letzten großen Rockerprozesse in Schleswig-Holstein steht vor dem Abschluss. Es geht um Schüsse aus dem Hinterhalt, die ein Kieler Hells Angel im Januar 2009 in Kaltenkirchen auf einen Bandido-Anhänger abgefeuert haben soll. Doch die Strafkammer des Kieler Landgerichts verhandelt seit Wochen ohne den Angeklagten.

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Sein Mandant sitzt in Thailand: Anwalt Michael Gubitz.

Quelle: Sascha Klahn

Kiel. Der ehemalige Inhaber eines Tattoo-Studios fehlte auch am Donnerstag, dem neunten Prozesstag, unentschuldigt. Der 42-jährige Hüne mit den markanten Tätowierungen hält sich in Thailand auf. Eine Webseite der „Hells Angels MC Thailand“ zeigt ihn auf der Fotogalerie in kurzen Hosen und Kutte, Arm in Arm mit Gleichgesinnten. Andere Bilder legen nahe, dass die Hells Angels in den Urlaubszentren Pattaya und Phuket spätestens seit 2012 Clubhäuser und Einrichtungen wie „Angels Place“ oder „Bar 81“ betreiben. Schon Monate vor Prozessbeginn habe der Angeklagte Wohnsitz in Thailand bezogen, bestätigt die Pressestelle des Landgerichts. Ende September erschien der 42-Jährige zum Auftakt, schwieg zum Vorwurf der schweren Körperverletzung und wurde nach dem fünften Sitzungstag nicht mehr gesehen. Sanktionen für den Angeklagten befürchte er nicht, teilte sein Strafverteidiger Michael Gubitz mit.

Der Kieler Rechtsanwalt und Honorarprofessor an der Ruhr-Uni Bochum vertritt in noch einem weiteren spektakulären Prozess einen Mandanten mit Wohnsitz in Thailand: Auch der ehemalige Geschäftsführer (38) eines Chatanbieters, der sich seit mehr als sechs Jahren wegen mutmaßlicher Millionenabzocke mit Flirt-SMS verantworten muss, blieb gelegentlich dem Prozess fern. Hier wie dort verhandelt das Gericht gemäß Strafprozessordnung wegen eigenmächtiger Abwesenheit des Angeklagten ohne diesen weiter – notfalls bis zur Urteilsverkündung. Und wenn sich der Betreffende mit Erfolg auf angebliche Mittellosigkeit beruft, darf der Steuerzahler die Kosten für das Flugticket an die Kieler Förde bezahlen.

Im Rockerprozess beantragte Strafverteidiger Gubitz den Reisekostenvorschuss allerdings bisher vergeblich. Noch glaubt die Kammer nicht an die Mittellosigkeit des Angeklagten. Dieser teilte dem Gericht zunächst mit, er sei bei einem Motorradunfall gestürzt. Die in einem Attest einer Thailändischen bestätigten Abschürfungen akzeptierte die Kammer nicht als Begründung für mangelnde Reisefähigkeit.

Spannend wird es, wenn der einschlägig vorbestrafte Rocker fast sieben Jahre nach dem Überfall auf dem Parkplatz der „Holstentherme“ tatsächlich zu einer Haftstrafe verurteilt wird. Zwar gibt es zwischen Deutschland und Thailand kein Auslieferungsabkommen. Doch das „Land des Lächelns“ ist laut deutscher Botschaft in Bangkok „kein Rückzugsgebiet für deutsche Kriminelle“ mehr. Diesen Befund belegen zahlreiche Medienberichte über eingezogene Reisepässe und kontrollierte Abschiebungen. Nach kurzer Auslieferungshaft werden die Kandidaten am Airport deutschen Beamten übergeben. Noch vor kurzem hatten Tippgeber im Internet kriminelle Auswanderer mit der Aussage ermutigt, in Asien mache kein Beamter seine Finger für einen deutschen Kollegen krumm.

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