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„Ich sollte plattgemacht werden“

Prozess um Rocker-Schießerei „Ich sollte plattgemacht werden“

Fast sieben Jahre nach den Schüssen aus dem Hinterhalt, die Unbekannte vor einem Freizeitbad in Kaltenkirchen auf einen Bandido-Anhänger abfeuerten, versucht das Kieler Landgericht die Hintergründe des Anschlags vom 29. Januar 2009 aufzuklären. Wegen schwerer Körperverletzung muss sich seit Mittwoch ein Ex-Mitglied der verbotenen Hells Angels Kiel verantworten.

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Sechseinhalb Jahre nach den Schüssen vor der Therme in Kaltenkirchen hat vor dem Kieler Landgericht der Prozess gegen ein Mitglied der inzwischen verbotenen Kieler Hells Angels begonnen.

Quelle: dpa

Kiel. Der Prozess gegen den 42-jährigen Angeklagten begann unter verschärften Sicherheitsbedingungen. Der tätowierte, große und kräftige Mann schweigt zu den Vorwürfen und macht auch zur Person keine Angaben. Er soll Drahtzieher des Überfalls gewesen sein und seine damals 19-jährige Freundin als Lockvogel auf das Opfer angesetzt haben.

Über das Internet nahm das Mädchen Kontakt mit dem Intimfeind ihres Verlobten auf, so der Vorwurf. Sie köderte ihn mit Sex-Fotos aus der Badewanne und machte ihm Hoffnung auf mehr. Mit der Aussicht auf einen Saunabesuch in der Holstentherme lotste die Rockerbraut den Single in ihrem Opel Corsa direkt vor die Mündung des Schützen. Wegen Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung wurde die Heranwachsende 2011 von der Jugendkammer des Kieler Landgerichts zu 150 Stunden gemeinnütziger Arbeit und 400 Euro Geldstrafe verurteilt. Als Ehefrau des Angeklagten darf sich die 25-Jährige heute auf ihr Aussageverweigerungsrecht berufen.

Das 40-jährige Opfer tritt im Prozess als Nebenkläger auf. Nach seiner Darstellung hat die Rache des Angeklagten eine langjährige Vorgeschichte mit Kneipenschlägereien, Messerstechereien und Schutzgelderpressung. Im Zuge des Streits zwischen gegnerischen Gruppen war auch der Angeklagte schwer verletzt worden. Zwei Mal erlitt er lebensbedrohliche Messerstiche. „Ich habe nie einer Gruppierung angehört“, so der Nebenkläger, er besitze nicht mal den Motorradführerschein. Sein Bruder sei bei den Bandidos. Ein Treffer aus dem Hinterhalt machte aus dem früheren HDW-Anlagentechniker, den die Polizei der rechten Szene zuordnete, einen zu 80 Prozent schwerbehinderten Erwerbslosen.

„Ich hatte den Eindruck, man wollte mich umbringen“, sagte der Zeuge. Nachdem das Mädchen am Tatort ganz hinten links in der letzten Ecke geparkt hatte, seien zwei maskierte Hünen aufgetaucht. „Einer mit Eisenstange, der andere mit Pistole.“ Beim ersten Knall habe er noch an eine Gaswaffe gedacht, doch der zweite oder dritte Schuss habe ihn „sofort von den Beinen gerissen“.

Der Trümmerbruch des Oberschenkels, so der Zeuge, sei immer noch nicht ausgeheilt. Bis heute sei unsicher, ob das Bein dauerhaft der Belastung standhalte oder am Ende amputiert werden müsse. „Sie hat mich mit den Bildern heißgemacht“, sagt der Hartz IV-Empfänger, warum er in die Falle ging. Im Nachhinein erinnert er sich an zahlreiche Verdachtsmomente. So wollte das Mädchen noch kurz vor dem Ziel an einer Tankstelle halten und nahm ihr Handy mit zur Toilette. Dort fiel ihm ein Pkw auf, den er den Hells Angels zurechnete. Von den Rockern habe er sich verfolgt gefühlt. „In der Türsteherszene machte die Runde, mein Bruder und ich sollten plattgemacht werden.“

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